Der Westen und die Revolution

Ein verblasster Traum

Von Reinhard Veser
08.11.2017
, 11:13
Frisch gereinigt ins Jubiläum: Lenin-Statue in St. Petersburg
Die Bewertung der Oktoberrevolution und der folgenden 70 Jahre Sowjetherrschaft ist im Westen größtenteils eindeutig. Nur die demokratische Linke verharmlost sie noch immer.

In „Der Archipel GULag“ zitiert Alexander Solschenizyn aus den Erinnerungen eines Mannes, der in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zunächst fast ein halbes Jahr in der Todeszelle saß und im Anschluss daran fünfzehn Jahre in sowjetischen Lagern verbracht hat: „Der Glaube an die Partei hat mir geholfen – und daran, dass das Böse nicht von Partei und Regierung ausgeht, sondern vom bösen Willen irgendwelcher Menschen, welche kommen und gehen, während alles andere bleibt.“

Die Literatur über die sowjetischen Straflager ist voll von Berichten über solche Menschen, die Stalin, der Partei und den kommunistischen Idealen sogar dann noch demonstrativ die Treue hielten, nachdem sie selbst in die Mühlen des Unterdrückungsapparats geraten waren. Auch in den Sammlungen der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“, die seit dem Ende der Sowjetunion systematisch die Lebensgeschichten von Opfern der kommunistischen Diktatur dokumentiert, finden sich viele Zeugnisse solcher Lebensläufe. „Memorial“ hat sie oft von Angehörigen oder Nachfahren dieser Menschen bekommen. Sie haben wegen der Haft ihrer Verwandten, Eltern oder Großeltern in vielen Fällen selbst gelitten – und mussten dann damit zurechtkommen, dass für diese das Bekenntnis zu Partei und Idee schwerer wog als das Schicksal der eigenen Familie.

Was war es, das Menschen dazu gebracht hat, sogar als Opfer des Systems keine Zweifel an der Richtigkeit des einmal eingeschlagenen Weges zuzulassen? Opportunismus, mit dem sie versuchten, ihr Los im Lager zu erleichtern? Oder tatsächlich ein fester und unverbrüchlicher Glaube, der stärker war als alle Qualen, die ihnen im Namen dieses Glaubens zugefügt wurden?

Was war dieses „alles andere“, das bleibt? Ist überhaupt etwas vom Kommunismus geblieben außer Millionen zerstörter Leben, Industrieruinen und einem Geheimdienst, der heute die Werte des russischen orthodoxen Christentums hochleben lässt? Der Kommunismus als Herrschaftssystem ist in den Jahren von 1988 bis 1991 an sich selbst zugrunde gegangen; der Kommunismus als Ideologie war schon zuvor so verknöchert und wenig anziehend wie die kranken alten Männer im Kreml, die von den sechziger Jahren bis Mitte der achtziger Jahre über seine Geschicke bestimmten. Hundert Jahre nach der Oktoberrevolution ist diese außerhalb Russlands nur noch für einige marginale, sektenartige Gruppen ein eindeutig positiver historischer Bezugspunkt.

Auch über die historische Bewertung der darauffolgenden siebzig Jahre kommunistischer Herrschaft besteht – wiederum außerhalb Russlands – ein breiter Konsens: angefangen von dem Terror gegen politische Gegner, den Lenin schon unmittelbar nach dem Sieg der Bolschewiki im Herbst 1917 lostrat, über die fast dreißig Jahre der Schreckensherrschaft Stalins, das Vorgehen gegen die russischen Dissidenten, die Unterdrückung der Demokratiebewegungen in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei; hinzu kommt die offensichtliche Unfähigkeit der sozialistischen Planwirtschaften, grundlegende Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, die wesentlich zum Zusammenbruch der Diktaturen beigetragen hat.

Doch schaut man genauer hin, dann ist das Bild nicht mehr so eindeutig. Unter demokratischen Linken in Europa werden noch immer die Verbrechen der Bolschewiki – von denen man sich distanziert – gegen die Verdienste der Revolutionäre von 1917 und der weltweiten kommunistischen Bewegung abgewogen. Exemplarisch deutlich wird das an einer Erklärung der Historischen Kommission der Linkspartei zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution. Die Linke, heißt es darin, müsse sich mit „Leistungen und Fehlleistungen“ der russischen Revolution kritisch auseinandersetzen: „Sie kann dabei positiv an die Tradition radikaler und aktiver Kriegsgegnerschaft, den entschlossenen und organisierten Kampf gegen kapitalistische Verhältnisse und den mit ihm verbundenen Fortschritten bei der Gleichstellung der Geschlechter, dem Brechen des bürgerlichen Bildungsprivilegs und weiteren großen kulturellen Leistungen anknüpfen.“ Ohne die kommunistischen Staaten, denen „zeitweise bemerkenswerte soziale und kulturelle Leistungen“ zugeschrieben werden, „wären weder das Ende des Kolonialismus noch das ,sozialdemokratische Jahrhundert‘ mit seinen emanzipatorischen, demokratischen und sozialen Fortschritten im Westen denkbar“.

Bild: dpa

Ähnliche argumentative Verharmlosungsstrategien sind in der Auseinandersetzung mit rechten Diktaturen aus guten Gründen mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt. Beim Kommunismus ist das anders, obwohl eigentlich alles dafür spräche, dass er ebenso behandelt werden müsste: Gewalttätigkeit und Intoleranz waren bei Lenin und den Bolschewiki schon vor ihrer Machtergreifung Teil ihres Programms. Und angesichts der Millionen von Toten, die das sowjetische Regime verschuldet hat (allein die bewusst herbeigeführte Hungersnot in der Ukraine 1932/33 forderte nach den niedrigsten Schätzungen etwa 2,4 Millionen Opfer), verbietet sich im Grunde jede Würdigung von sozialen Leistungen des Regimes – zumal es auch nach dem Abklingen des Massenterrors nach Stalins Tod über Jahrzehnte von dessen Mittätern geführt wurde.

Dass dennoch auch manche demokratische Linke für den Kommunismus noch immer mildernde Umstände gelten lassen, hat historische Gründe. In seiner ersten Phase habe der Kommunismus „gleichsam einen moralischen und ideologischen Protest gegen die Verbrechen und das Unrecht des Zeitgeschehens“ dargestellt, hat der polnische Historiker Jerzy Holzer (ein Mann der antikommunistischen Opposition der achtziger Jahre) geschrieben. Dieser Bonus wirkt bis heute nach – zumal er dadurch aufgefrischt wurde, dass die Sowjetunion und Kommunisten im Westen Europas an der Seite der Demokratien gegen Nationalsozialismus und Faschismus gekämpft haben. Deren „Werte“ haben sich selbst diskreditiert – während die kommunistische Propaganda um universelle Werte wie „Gerechtigkeit“ und „Frieden“ kreiste. Der Traum von einer gerechten und vernünftigen Welt sei zwar durch den „realen Sozialismus“ etwas verblasst, schreibt Holzer, aber er sei auch irgendwie zum Allgemeingut geworden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Veser, Reinhard
Reinhard Veser
Redakteur in der Politik.
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