Doppelanschlag in Bagdad

Steht dem Irak ein blutiges Wahljahr bevor?

Von Christoph Ehrhardt, Beirut
21.01.2021
, 14:35
Zwei Selbstmordattentäter sprengen sich in Bagdad in die Luft, es gibt zahlreiche Tote und Verletzte. Hinter dem Anschlag wird der IS vermutet – die Dschihadisten wollten womöglich signalisieren, dass wieder mit ihnen zu rechnen ist.

Nach langer Zeit ist Bagdad wieder Schauplatz eines blutigen Terrorangriffs geworden. Zwei Selbstmordattentäter zündeten nach Angaben der irakischen Sicherheitsbehörden am frühen Donnerstagmorgen auf einem belebten Markt in der Hauptstadt ihre Sprengstoffgürtel und rissen zahlreiche Menschen mit in den Tod. Medizinisches Personal meldete am frühen Nachmittag mindestens 25 Tote; mindestens 70 weitere wurden laut Behördenangaben verletzt. Auch wenn zunächst niemand die Tat für sich reklamierte, fiel der Verdacht umgehend auf den „Islamischen Staat“ (IS), der für gewöhnlich hinter solchen Attacken steckt.

Schreckensbilder aus Bagdad, wie sie am Donnerstag kursierten, sind inzwischen rar. Die Behörden haben Bombenanschläge in den vergangenen Jahren bis auf wenige Ausnahmen unterbinden können. Angriffe mit den gefürchteten mit Sprengstoff präparierten Autos hat es gar nicht mehr gegeben. Entsprechend groß ist die Signalwirkung des jetzigen Anschlags im Stadtteil Bab al Scharqi. Er bestätigt die seit längerem geäußerten Warnungen, dass die Terrororganisation IS wieder erstarkt.

Der IS formiert sich neu

Die irakische Regierung hatte Ende 2017 den Sieg über den IS verkündet, der zwischenzeitlich erhebliche Teile des Landes kontrolliert hatte, darunter die Großstadt Mossul im Norden. Ausgemerzt ist die Gruppe indes noch lange nicht. Die Dschihadisten zogen sich nach der militärischen Niederlage in entlegene und schwer zugängliche Gegenden zurück und formierten sich im Untergrund neu.

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Im vergangenen Jahr hat nicht nur die Zahl der IS-Angriffe deutlich zugenommen, die Attacken wurden auch anspruchsvoller und dreister. Hohe Regierungsfunktionäre in den betroffenen Provinzen zeigen sich darüber sehr besorgt, bekräftigen aber zugleich, der IS sei sehr weit von der Schlagkraft aus der Zeit seiner spektakulären Eroberungszüge entfernt.

Der IS profitierte davon, dass die Vereinigten Staaten ihre Truppenpräsenz im Irak von 5200 auf etwa 2500 Mann reduziert und mehrere Stützpunkte geräumt haben. Außerdem spielte den Dschihadisten die Konfrontation zwischen dem amerikanischen Militär und irantreuen irakischen Milizen in die Hände, die im Krieg gegen den IS auf derselben Seite gekämpft hatten. Im Zuge der Corona-Pandemie stellten mehrere ausländische Partner Bagdads, darunter Frankreich, Großbritannien und Deutschland, ihre Trainingsprogramme für die irakischen Sicherheitskräfte ein.

Für die Regierung von Ministerpräsident Mustafa al Kadhimi ist die Bedrohung durch den IS nur eine von mehreren Herausforderungen. Das vom Öl-Geld abhängige Land steckt in einer tiefen Finanzkrise, Kadhimi muss gegen Widerstand aus dem aufgeblähten und korrupten Apparat unpopuläre Sparmaßnahmen durchsetzen. Einwohner von Bagdad brachten den Anschlag in Verbindung mit der geplanten Wahl, die später im Jahr stattfinden soll. Terrorangriffe nehmen in den Monaten vor Wahlen für gewöhnlich zu. Als im Januar 2018 am selben Ort ein blutiger Anschlag verübt wurde, stand ebenfalls eine Parlamentswahl an.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Ehrhardt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
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