Möglicher Terrorakt

Drei Tote bei Messerattacke in Nizza

Von Christian Schubert, Paris
Aktualisiert am 29.10.2020
 - 10:23
Der französische Präsident Emmanuel Macron und der Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi am Donnerstag nach dem Anschlag vor der Kirche Notre-Dame de l’Assomption.
Nach einer Messerattacke in Nizza sind drei Menschen gestorben. Einer Frau wurde die Kehle durchgeschnitten. Frankreich ruft die höchste Terrorwarnstufe aus.

Ein neuer schwerer Terroranschlag hat Frankreich getroffen. Ein Mann ist am Donnerstagvormittag kurz vor neun Uhr in die Kirche Notre-Dame de l’Assomption im Zentrum von Nizza eingedrungen und hat mehrere Menschen mit einem Messer angegriffen, wie die Polizei mitteilte. Zwei Frauen und ein Mann starben. Einer der Frauen wurde die Kehle durchgeschnitten.

Der Attentäter, der mehrfach „Allahu Akbar“ (Allah ist groß) rief, wurde beim Einsatz der Sicherheitskräfte durch Schüsse schwer verletzt und in ein Krankenhaus gebracht. Nach ersten Medienangaben handelt es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen 21 Jahre alten Mann tunesischer Herkunft, der im September über Lampedusa nach Frankreich eingereist sein soll.

Nach französischen Medienberichten wurden zudem in Avignon am Vormittag ein mit einem Messer bewaffneter Mann von der Polizei erschossen. Die Hintergründe der Tat sind noch unklar.

Die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft übernahm am Donnerstagvormittag die Ermittlungen zum Fall in Nizza. Dabei gehe es unter anderem um den Vorwurf des Mords in Verbindung mit einem terroristischen Vorhaben, bestätigte die Staatsanwaltschaft der Deutschen Presse-Agentur. Frankreich rief die höchste Terror-Warnstufe aus. Sie gilt landesweit, wie Regierungschef Jean Castex am Donnerstag in Paris mitteilte. Castex verurteilte die „ebenso feige wie barbarische Tat, die das ganze Land in Trauer versetzt“.

Nach Angaben des Bürgermeisters von Nizza, Christian Estrosi, wurden die Opfer in seiner Stadt auf die „abscheulichste Art“ getötet; der Attentäter wollte offenbar ähnlich wie beim Angriff auf den Lehrer Samuel Paty vorgehen, sagte Estrosi, der am 16. Oktober bei einer Schule in der Nähe von Paris von einem Terroristen erstochen und enthauptet wurde. Zwei Opfer starben noch in der Kirche, es handelt sich um den Küster und um eine 70 Jahre alte Frau. Das dritte Opfer, eine 40 Jahre alte Frau, konnte sich in eine Bar in der Nähe flüchten, erlag dort jedoch ihren Verletzungen.

Präsident Macron traf am frühen Nachmittag in Nizza ein. Er verurteile den „islamistischen Terroranschlag“. Er sagte, das Land werde im Streit mit muslimischen Ländern um seine Werte „nicht klein beigeben“. Zugleich kündigte Macron den Einsatz von 7000 Antiterror-Kräften der Armee an, das sind mehr als doppelt so viele wie bisher.

Macron hatte am Vormittag bereits den Krisenstab im Innenministerium in Paris besucht, der rasch einberufen worden war. Macron wurde unter anderem von Innenminister Gérald Darmanin, Justizminister Éric Dupond-Moretti und dem Anti-Terrorstaatsanwalt Jean-François Ricard begleitet, hieß es am Donnerstag aus Élyséekreisen.

Mehrere Anschläge in den vergangenen Jahren

Der Bürgermeister von Nizza forderte im Radio eine Verstärkung der Polizeipräsenz an allen Kirchen Frankreichs. „Einmal mehr bezahlen die Franzosen durch ein barbarisches Verbrechen einen hohen Preis“, sagte Estrosi. Nizza ist am 14. Juli 2016 von einem schweren Terroranschlag heimgesucht worden, als ein Attentäter mit einem Lastwagen 86 Menschen tötete. Seitdem gab es zahlreiche Anschläge mit tödlichen Folgen in Frankreich. Am 26. Juli 2016 drangen zwei Islamisten in der kleinen Gemeinde Saint-Étienne-du-Rouvray in Nordfrankreich in die Kirche ein und töteten den Priester Jacques Hamel mit einem Messer.

Bürgermeister Estrosi sagte am Mittwoch, Frankreich befinde sich in einem Krieg und müsse mit allen Mitteln gegen die Feinde der Republik vorgehen. Es könne nicht angehen, dass aufgrund von Datenschutz-Bedenken die elektronische Gesichtserkennung nicht genutzt werde, dass man Ausländer, die bekanntermaßen gefährlich seien, nicht ins Ausland abschiebe und dass man Franzosen mit hohem terroristischem Gefährdungspotential in den Gefängnissen nicht konsequent isoliere.

Sorge in ganz Europa

Nach der Gewalttat will auch Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) mit europäischen Kollegen beraten. Auf der Ebene der Sicherheitsbehörden gab es bereits am Donnerstag Kontakte – auch um zu klären, ob womöglich mit Nachahmertaten zu rechnen ist. In sozialen Netzwerken hatten radikale Islamisten in den vergangenen Tagen die Enthauptung des französischen Lehrers Samuel Paty glorifiziert, der im Unterricht Mohammed-Karikaturen thematisiert hatte.

Lambrecht kündigte ein Gespräch mit dem französischen Justizminister Éric Dupond-Moretti, weiteren europäischen Justizministern sowie der Brüsseler EU-Kommission für Freitag an. „Ich bin schockiert über die Nachricht von einem weiteren schrecklichen Verbrechen in Frankreich und verurteile diese Tat aufs Schärfste“, erklärte Lambrecht am Donnerstag in Berlin. „All unsere Solidarität und Anteilnahme gilt unseren französischen Freunden.“

Ankara verurteilt Angriff

Die Türkei verurteilte die Messerattacke in Nizza als „grausamen Angriff“. Das Außenministerium in Ankara sprach den Opfern sein Beileid aus. Der mutmaßlich islamistische Angriff in der Kirche Notre-Dame widerspreche allen „religiösen, menschlichen oder moralischen Werten“.

Die Beileidsbekundung Ankaras erfolgen nach tagelangen diplomatischen Spannungen zwischen der Türkei und Frankreich. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte erst am Montag zu einem Boykott französischer Waren aufgerufen und Macron beschuldigt, eine „Hasskampagne“ gegen den Islam zu führen. Erdogan empfahl ihm, seinen „Geisteszustand untersuchen“ zu lassen.

Vor dem französischen Konsulat im saudi-arabischen Dschedda wurde am Donnerstagvormittag unterdessen eine Wachperson, die für eine Sicherheitsfirma arbeitet, mit einem Messer angegriffen und verletzt. Ein Mann wurde in diesem Zusammenhang verhaftet, wie die Botschaft Frankreichs in Saudi-Arabien mitteilte. Der Mann sei um die 40 Jahre alt und habe den Wächter mit einem „scharfen Werkzeug“ angegriffen, sagte Polizeisprecher Mohammed al-Ghamdi demnach. Die genauen Hintergründe der Tat blieben zunächst unklar.

Die französische Botschaft in Riad sprach in einer Mitteilung von einer „Messerattacke“. Der verletzte Wachmann sei bei einer Sicherheitsfirma angestellt, erklärte die Botschaft, ohne dessen Staatsangehörigkeit zu nennen. Saudische Sicherheitskräfte hätten den Täter unmittelbar nach dem Angriff überwältigt. Die Botschaft verurteilte die Attacke scharf. Man habe das Vertrauen in saudische Behörden, die französische Gemeinde im Land zu schützen. Franzosen in Saudi-Arabien wurden zugleich zu „höchster Wachsamkeit“ aufgerufen.

Quelle: FAZ.NET mit dpa, AFP
Autorenporträt / Schubert, Christian
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent in Paris.
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