Nach dem Brexit

Ein Staat müsste man sein

EIN KOMMENTAR Von Nikolas Busse
21.01.2021
, 22:37
In London gilt ein EU-Botschafter nicht als echter Botschafter. Das können nur kontinentale Krämerseelen nicht verstehen.

Gerade erst hat die Regierung Ihrer Majestät das Volk aus dem Joch der EU in die Freiheit der nationalen Souveränität geführt, da stemmt sie sich schon der nächsten Schurkerei aus Brüssel entgegen. Ein EU-Botschafter ist nach Londoner Lesart gar kein Botschafter oder zumindest nur einer minderen Ranges. Denn die EU sei ja gar kein Staat, sondern nur eine internationale Organisation, sagen die stolzen Staatenlenker im britischen Außenamt.

Dass sie bis vor kurzem gerne eigene Diplomaten als Botschafter der EU in alle Welt entsandt haben, werden ihnen nur kontinentale Krämerseelen vorhalten, die immer noch nicht verstanden haben, dass die EU sich glücklich schätzen kann, künftig im Hinterhof einer globalen Macht zu leben.

Interessant wäre, wie viel die standesbewusste Londoner Regierung für ihre Bürger einsparen könnte, wenn die, sagen wir: diplomatischen Zuwanderer mit EU-Hintergrund auf weniger Empfänge eingeladen werden müssen als echte Botschafter. Ob das wohl an die Beträge heranreicht, mit denen der NHS dank des EU-Austritts überschwemmt wird? Vielleicht könnte man am Buffet auch eine „slow lane“ für die Bürokratenbrut aus Brüssel einrichten, was nur fair wäre, denn die Briten müssen ja jetzt an Europas Grenzen auch anstehen.

Zu denken geben müsste ihnen allerdings, dass selbst Trump diese prächtige Protokollfrage irgendwann zu doof war. Aber der hat ja kein Empire verloren, sondern nur eine Wahl.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Busse, Nikolas
Nikolas Busse
Verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.
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