Ein Tag mit Geert Wilders

Da weiß man, was man bekommt

Von Timo Steppat, VALKENBURG
12.03.2017
, 20:17
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Projektionsfläche, Islamfeind und Getriebener: Die Popularität Geert Wilders’ speist sich aus einer diffusen Unzufriedenheit – und einer perfekten Inszenierung.
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VALKENBURG, 12. März. Wo Geert Wilders ist, sind viele Menschen. Das fängt mit den sieben Männern an, die bei seinem Auftritt dicht um ihn herum stehen. Sie tragen nachtblaue Anzüge, die Gesichter sehr ernst – es sind seine Leibwächter. Drei Polizisten stehen vor ihm. Sie beobachten, wer sich nähert. Eine Handvoll Beamte in Zivil schwirrt im direkten Umfeld herum. Und mit drei Metern Abstand sechs Polizisten in kurzen Hosen, sie führen Fahrräder an der Hand. Mit diesem Hofstaat läuft Wilders an einem Metallgitter vorbei, das man für seine Ankunft aufgebaut hat. Eine große Menschenmenge hat sich im kleinen Ort Valkenburg an der deutsch-niederländischen Grenze gebildet, und es werden immer mehr. Wilders schüttelt Hände, macht Selfies, fragt lächelnd, ob es den Leuten gut gehe.

Was als „Spaziergang am Samstagmorgen“ angekündigt wurde, wirkt wie ein Staatsbesuch. In der Luft kreist ein Hubschrauber, Mannschaftswagen der Polizei stehen am Anfang und am Ende der umliegenden Straßen. Geert Wilders hat kein besonderes Amt inne, er ist Vorsitzender der von ihm gegründeten islamfeindlichen Partei voor de Vrijheid (PVV), die in der Opposition ist. Er ist der bekannteste Politiker der Niederlande, bekannter als Ministerpräsident Mark Rutte (VVD). Und Wilders ist wahrscheinlich die am meisten gehasste Person im Lande – und damit könnte seine Partei die Parlamentswahlen am kommenden Mittwoch gewinnen.

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Die Sicherheitsbehörden wollen jetzt keinen Fehler machen. Drei Wochen ist es her, dass einer von Wilders’ Leibwächtern festgenommen wurde. Er soll Einzelheiten über die Sicherheit des Politikers an eine marokkanische Bande weitergegeben haben. Der zuständige Polizeichef betonte, die Sicherheit des Abgeordneten sei zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen. Wilders aber sagte erstmal alle seine Termine ab. Er weiß: Ein abgesagter Termin sorgt für mehr Aufsehen. Es war eine gute Gelegenheit, auf seine Lage aufmerksam zu machen: Vor zwölf Jahren erhielt Wilders die ersten Morddrohungen, seitdem steht er unter Polizeischutz. Er schläft an unterschiedlichen Orten und hat mehrere Wohnungen im Land. Er ist ein Getriebener.

Seit ein paar Tagen tritt Wilders wieder auf, es sind nur wenige, ausgesuchte Termine. Vor der türkischen Botschaft in Den Haag zum Beispiel, da entrollte er in einer Ein-Mann-Demo am vergangenen Mittwoch ein Transparent: „Wegbleiben – Das ist unser Land“ stand da auf Türkisch und Holländisch. Ein paar Journalisten machten Fotos, Wilders trat vor die versammelten Fernsehkameras. Genau wie die meisten niederländischen Politiker lehnte er die Auftritte türkischer Minister im Land ab. Fügte aber, typisch Wilders, noch hinzu, Erdogan sei ein „Diktator“ und ein „Islamist“. Damit war er in den Hauptnachrichten. Wilders hat den Minimalismus öffentlicher Inszenierung perfektioniert. Hände schütteln, Selfies machen, zu den Fernsehkameras und weiter. Längere Gespräche, Wahlkampfreden oder Klinken putzen, das macht er nicht. Weil er sich rar macht, scheinen die Leute tatsächlich interessiert zu sein, ihn zu sehen. In Valkenburg kommt er eine Stunde zu spät, die Polizei ist schon da, alles ist abgeriegelt. Und immer mehr Leute bleiben stehen. „Was passiert denn da?“ – „Der Wilders kommt gleich.“

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Bevor er selbst vorbeiläuft, gehen die lokalen PVV-Kandidaten voran. Sie tragen weiße Jacken mit aufgesticktem Parteilogo und Flugblätter der Partei in der Hand. „Unser Land gehört uns“, steht da, Wilders’ Gesicht im Hintergrund. Viel mehr Wahlkampf könne man vor Ort nicht machen, sagt ein PVV-Mann. Ihnen fehlt das Geld. Die PVV ist eine Partei ohne Strukturen. In den meisten Gemeinde- und Stadträten ist sie nicht vertreten. Geld aus der Parteifinanzierung erhält sie nicht, weil man dafür mehr als tausend Mitglieder braucht. Wilders ist aber das einzige Mitglied der PVV. Es gibt also auch keine Parteitage, keinen Streit um Listenplätze – alles entscheidet Wilders.

Er regiert seine Partei mit harter Hand, berichtet ein ehemaliger Assistent. Man folgt Wilders oder man fliegt. Dieser autokratische Führungsstil sorgt unter seinen Anhängern für wenig Kritik. „Die anderen Parteien sind eben korrupt“, sagt eine Frau mittleren Alters, am Arm die volle Einkaufstasche mit Brot, Käse und Blumen. Dass die PVV formal nur aus Wilders besteht, stört sie nicht. „Dann weiß man, was man bekommt.“ Sie findet zwar, dass Wilders manchmal über das Ziel hinaus schieße. Sie lacht kurz auf: Dass er zum Beispiel alle Muslime ausweisen will, das sei ein bisschen heftig. Umsetzen könne Wilders das „sowieso niemals“. Für sie ist es ein Zeichen, dass er sich nicht verstellen würde. Rutte, der Ministerpräsident, sage heute das eine, morgen das andere, meint die Frau. Der Unterschied ist, dass Rutte regiert und Wilders Fundamentalopposition macht, hält man ihr entgegen. Sie schüttelt den Kopf. „Rutte könnte den Kompromiss ja erklären, aber er verkauft ihn immer wieder als seine Überzeugung.“ Sie denkt ein bisschen nach, dann sagt sie später: „Wilders sagt, was er denkt. Er ist echt.“

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Herman Tenhaag hat Wilders die Hand gegeben. Seine Tochter machte schnell ein Foto. „Der Wilders ist einer von uns“, sagt der 78 Jahre alte Rentner. Geert Wilders ist in Venlo, ein Stück nördlich von Valkenburg, geboren. Im Provinzparlament hat er seine Karriere als Abgeordneter für die liberale Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD) begonnen, wurde später Abgeordneter der Partei im Parlament in Den Haag und spaltete sich ab. Tenhaag wählt seit Jahren Wilders. Seine Söhne wohnen in Heerlen, nur ein paar Kilometer entfernt. In der mittelgroßen Stadt gibt es zwei Moscheen. „Es darf nicht sein, dass die dort einfach ihren Hass predigen dürfen“, sagt Tenhaag. Konkrete Vorfälle gab es dort nicht. Dem Rentner geht es um Grundsätzliches, der Islam sei eine Ideologie, keine Religion. Wilders sagt das ähnlich; ihn zu wählen, sei das beste Mittel gegen Terror, argumentiert Tenhaag. „Nur wegen ihm hat sich etwas geändert“, ist er überzeugt. Die Regierung Rutte hätte „erst unter dem Druck von Geert“ den Flüchtlingszustrom begrenzt.

Wilders ist für viele mehr Projektionsfläche als Politiker. Die Unzufriedenen im Land erkennen in ihm die erhoffte Veränderung oder zumindest den notwendigen Protest. Ihre Unzufriedenheit ist schwer zu fassen, denn eigentlich geht es dem Land gut. Die Arbeitslosenquote liegt bei 5,5 Prozent, die Krisen sind überstanden, die Regierung tilgt sogar Schulden. Wilders Anhänger sind etwas weniger gebildet und verdienen weniger als der Durchschnitt, insgesamt sind sie aber relativ gleichmäßig über alle Schichten verteilt. Der Soziologe Koen Damhuis hat 64 PVV-Wähler in langen Interviews zu ihren Einstellungen befragt. In dem gerade erschienenen Buch „Wege zu Wilders“ sind einige anonymisierte Protokolle enthalten. Ein Zugführer etwa ärgert sich über Ausländer und Ungerechtigkeit. „Wieso ist Geld für jeden da, nur für uns nicht?“ Ein Mann Anfang 30 berichtet von seiner Wohngegend, die von einer „normalen Nachbarschaft“ zu einem „Problemviertel“ geworden sei. Die gestiegene Kriminalität führt er auf Migranten zurück. Ein ehemaliger Marineingenieur hat den Eindruck, dass die Gesellschaft ungerecht verteile – die Starken müssten zu viel geben.

In Damhuis’ Modell ist die niederländische Gesellschaft dreigeteilt: Die Eliten oben, die sich daran stören, dass sie für Migranten und sozial Schwache zahlen müssen. Die durchschnittlichen Niederländer in der Mitte, die ihrem Empfinden nach zu wenig abbekommen vom Wohlstand. Ganz unten sind die Migranten, die man als Kern das Problems identifiziert. Ähnlich wie Marine Le Pen in Frankreich habe Wilders den Grundkonflikt Arm gegen Reich, Arbeiter gegen Arbeitgeber, in ein Inländer gegen Ausländer verwandelt. Um seine Bewegung zu vergrößern, hat der ehemals Liberale Wilders seinem Programm sozialpopulistische Forderungen hinzugefügt, etwa eine Mietumlage für sozia Schwache. Wilders’ Islam-Hass – er will Moscheen schließen und Muslime ausweisen – wirkt allerdings begrenzend: Laut einer Erhebung der Universität Amsterdam kann sich damit nur ein Fünftel der Bevölkerung identifizieren. Die PVV kann im zersplitterten niederländischen Parlament stärkste Kraft werden, mehrheitsfähig ist sie nicht.

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Damhuis sagt: „Viele seiner Anhänger sind gar nicht vollständig von Wilders überzeugt.“ Manchen ist er zu laut, manchen zu radikal, aber sie halten ihn für das „notwendige Übel, um das Thema auf der Agenda“ zu halten. Andere Parteien wie die liberale VVD stimmen ähnliche einwanderungskritische Töne an, um das seriöse Gegenmodell zu Wilders zu sein. Die etablierten Parteien liefen damit, so Damhuis, jedoch Gefahr, ihre bisherige Anhängerschaft zu vergraulen – und doch nur wie eine Kopie der PVV zu wirken. Stünde Wilders nicht auf dem Wahlzettel, würden manche der Befragten tatsächlich eine andere konservative Partei wählen. Die Mehrheit würde aber einfach zuhause bleiben und gar nicht wählen.

Wie stark sich die PVV-Anhänger von Kompromissen abgewandt haben, zeigt sich auch in ihren Wünschen, was Wilders als Regierungschef als erstes tun sollte. Bei fast allen taucht ein Wunsch auf: Er soll die Grenzen schließen, die Niederlande dichtmachen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Steppat, Timo
Timo Steppat
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