FAZ plus ArtikelBolsonaros wüste Ausfälle

„Wenn ich falle, fallen alle“

Von Tjerk Brühwiller, São Paulo
24.05.2020
, 18:59
Der brasilianische Präsident Bolsonaro bei einem Auftritt vor Anhängern in Brasilia.
In einer Kabinettssitzung beleidigt Jair Bolsonaro Gouverneure als „Stück Scheiße“, sein Bildungsminister will Richter hinter Gittern sehen. Dank eines Videomitschnitts können das nun alle Brasilianer sehen. Gegner des Präsidenten hoffen auf juristische Folgen.
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Nun hat ganz Brasilien das Video gesehen, über das tagelang gerätselt wurde. Darin fordert Präsident Jair Bolsonaro die Bewaffnung der Bevölkerung und beleidigt Gouverneure als „Stück Scheiße“. Sein Bildungsminister will die Richter des Obersten Gerichtshofes und andere „Penner“ hinter Gittern sehen. Der Umweltminister regt eine Deregulierung im Umweltschutz an, solange die Corona-Krise die gesamte Aufmerksamkeit auf sich ziehe. Und der Wirtschaftsminister fordert einen von China finanzierten „Marshall-Plan“ für alle von der Pandemie betroffenen Länder. Das sind nur einige Beispiele aus der Kabinettssitzung vom 22. April, deren Aufzeichnung am Freitag vom Obersten Gericht freigegeben wurde. Viele Brasilianer sind fassungslos. Inzwischen sind aus dem Kongress Klagen gegen mehrere Minister eingegangen.

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Die Aufzeichnung der Sitzung ist zwar entlarvend für den Führungsstil Bolsonaros und seiner Minister. Ob sie freilich ihren eigentlichen Zweck als Beweismittel in einem Ermittlungsverfahren gegen den brasilianischen Präsidenten erfüllen kann, bleibt einstweilen offen. Das Video sollte belegen, dass Bolsonaro aus persönlichen und politischen Gründen auf die Bundespolizei Einfluss nehmen wollte. Der Vorwurf stammt vom früheren Justizminister Sergio Moro, der zwei Tage nach der besagten Sitzung zurücktrat, weil er einen personellen Wechsel an der Spitze der Bundespolizei nicht gutheißen wollte. Nach Moros Darstellung wollte Bolsonaro das Kommando der Bundespolizei einem Freund der Familie überlassen, um seine Söhne und auch Personen aus seinem persönlichen Umfeld zu schützen, gegen welche die Bundespolizei in Rio de Janeiro ermittelt.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brühwiller, Tjerk
Tjerk Brühwiller
Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.
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