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Militärischer Erfolg für Kiew

Ukraine treibt Russland zum Rückzug von der Schlangeninsel

Von Reinhard Veser, Gerhard Gnauck, Friedrich Schmidt
30.06.2022
, 18:32
Schwarzer Rauch steigt Anfang Mai von der Schlangeninsel auf, nachdem ein ukrainischer Angriff dort russische Stellungen getroffen hat. Bild: dpa
Nach zuletzt mehreren Rückschlägen an der Front im Donbass kann die Ukraine heute wieder einen militärischen Erfolg melden. Russland macht derweil widersprüchliche Angaben zum Angriff auf ein Einkaufszentrum.
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Russland kontrolliert nicht länger die strategisch wichtige Schlangeninsel im Schwarzen Meer. Das Verteidigungsministerium in Moskau bestätigte den Rückzug von der Insel, die von den russischen Truppen bereits am ersten Tag des Überfalls auf die Ukraine am 24. Februar besetzt worden war. Es stellte den Abzug der russischen Truppen indes als „Zeichen des guten Willens“ dar. Damit werde der Weltgemeinschaft demonstriert, dass Russland die Bemühungen der Vereinten Nationen nicht behindere, einen humanitären Korridor zum Export landwirtschaftlicher Produkte aus der Ukraine zu organisieren. Die Ukraine könne es nun nicht mehr mit der Anwesenheit russischer Truppen begründen, dass sie kein Getreide über das Schwarze Meer exportiere, heißt es in der Erklärung des russischen Verteidigungsministeriums.

Nach Darstellung des ukrainischen Militärs wurde der Abzug der russischen Truppen von der Insel indes mit zahlreichen massiven Artillerieschlägen in den vergangenen zehn Tagen erzwungen, bei denen mehrere Flugabwehrraketensysteme des Typs „Panzir“ zerstört worden seien. Am 17. Juni hatten die ukrainischen Streitkräfte ein Versorgungsschiff der russischen Marine auf dem Weg zur Schlangeninsel versenkt, das offenbar ein Raketensystem dorthin bringen sollte.

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Die nur 0,2 Quadratkilometer große Insel liegt dem Donaudelta vorgelagert direkt an der Grenze zwischen den Gewässern der Ukraine und Rumäniens. Die Kontrolle über sie erlaubt nach Ansicht von Militärfachleuten eine weitgehende Kontrolle über den nordwestlichen Teil des Schwarzen Meeres und den Luftraum im Süden der Ukraine. Das ukrainische Militär kündigte an, bald wieder eigene Soldaten auf die Insel zu schicken.

Unterdessen hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den jüngsten Gefangenenaustausch mit Russland begrüßt, bei dem jeweils 144 Soldaten und andere Gefangene am Mittwochabend in ihre Heimat zurückkehrten. Selenskyi sprach von einer „optimistischen und sehr wichtigen Nachricht“. Durch den am Mittwochabend vollzogenen Austausch kamen demnach 59 Angehörige der Nationalgarde frei, darunter Kämpfer des früheren nationalistischen Regiments „Asow“. Auch 30 Marineinfanteristen, dazu weitere Soldaten, Grenzschützer, Angehörige der Territorialverteidigung und ein Polizist kamen frei. Sie sind im Alter von 19 bis 65 Jahren, auch eine Frau soll darunter sein. Es war der größte Gefangenenaustausch seit dem Angriff Ende Februar.

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Mehr als 6000 Gefangene in russischer Hand

Zu den Freigetauschten gehören auch 95 Verteidiger des Stahlwerks „Azovstal“, des letzten Widerstandsnests der Ukrainer in der Hafenstadt Mariupol, ehe dieses Mitte Mai nach mehr als zwei Monaten Beschuss von den Russen eingenommen wurde. „Wir werden alles tun, um jeden Ukrainer und jede Ukrainerin nach Hause zu holen“, sagte Selenskyj. Er dankte allen Mitwirkenden, insbesondere dem militärischen Geheimdienst der Ukraine, der seit Ende Mai auf der Seite Kiews für Austauschaktionen dieser Art zuständig ist.

Der Geheimdienst sowie Vertreter des Familienverbands der Verteidiger von „Azovstal“ verbreiteten über Facebook Bilder und Videos vom Austausch. Sie zeigten Soldaten mit Krücken und Armbinden vor Krankenwagen und Bussen auf einem Parkplatz in ländlicher Umgebung. Die meisten Freigelassenen sollen verletzt sein, manchen sollen Gliedmaßen amputiert worden sein. Artur Lypka, einer der freigetauschten Ukrainer, sagte in die Kamera, er sei immer noch „von Emotionen überwältigt“. Während der langen Fahrt von Osten her zum Austauschort haben die Gefangenen die ganze Zeit gebangt, dass der Austausch im letzten Augenblick scheitern werde.

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Ob auch die Kommandeure des ukrainischen Widerstands im Stahlwerk freigetauscht wurden, war zunächst unklar. Der Familienverband der Verteidiger von „Azovstal“ teilte mit, aus Rücksicht auf die Freigetauschten ebenso wie auf den laufenden Verhandlungsprozess für weitere Aktionen werde er zunächst keine Namen bekannt geben. „Das war nur der erste Austausch, Tausende Kämpfer sind noch in Kriegsgefangenschaft.“ Sie müssten ebenfalls freikommen, und man werde Spenden für ihre medizinische Behandlung sammeln.

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Russland hält nach Moskauer Angaben insgesamt mehr als 6000 ukrainische Soldaten als Kriegsgefangene fest, darunter auch Angehörige anderer Staaten als der Ukraine. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg hat Russland mit einer „einstweiligen Maßnahme“ aufgefordert, zwei in der der 2014 mit russischer Unterstützung gebildeten „Volksrepublik Donezk“ zum Tode verurteilte Briten und einen Marokkaner zu schützen. Die Todesstrafe solle nicht vollstreckt und angemessene Haftbedingungen sichergestellt werden. Russland will sich allerdings nicht mehr an Entscheidungen aus Straßburg halten.

Putin verteidigt Beschuss von Einkaufzentrum in Krementschuk

Russland missachtet im Krieg gegen die Ukraine auch immer wieder das völkerrechtliche Gebot, keine zivilen Ziele anzugreifen. Am Montag trafen Raketen ein Einkaufszentrum im zentralukrainischen Krementschuk, mindestens 20 Menschen starben, Dutzende werden seither vermisst. Präsident Wladimir Putin verteidigte während eines Besuchs im turkmenischen Aschgabat den Angriff russischen Staatsmedien gegenüber. „Bei uns schießt niemand so einfach aufs Feld“, sagte Putin. „In der Regel geschieht das als Ergebnis aufgeklärter Ziele.“ Putin suggerierte, im Einkaufszentrum sei Militärgerät „versteckt worden, das besonders der Westen liefert“ – und schloss sich damit einer Version an, die seitens der „Volksrepublik“ von Luhansk lanciert worden war.

Putins Apparat verbreitet aber auch andere Versionen: Mal sollen Lager mit amerikanischen Waffen angegriffen worden und das Feuer im Einkaufszentrum, das „außer Betrieb“ gewesen sei, erst durch die Detonation der Munition entstanden sein (so das Militär); mal soll es eine ukrainische „Provokation“ gewesen sein (so Russlands stellvertretender Ständiger Vertreter bei den Vereinten Nationen). Nach ukrainischen Angaben trafen zwei von russischen Tu-22 Bombern abgefeuerte Raketen das Einkaufszentrum direkt.

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Bei seinem Besuch in Turkmenistan wurde Putin auch gefragt, wie er über die anstehende NATO-Erweiterung denkt. „Wir haben keinerlei Probleme mit Schweden und Finnland“, antwortete Putin. Anders als mit der Ukraine gebe es keine Gebietsstreitigkeiten, „nichts, das uns beunruhigen könnte mit Blick auf eine Mitgliedschaft Finnlands oder Schwedens in der NATO. Nun, wenn sie mögen, bitte“, das sei „ihre Sache“. Vorher habe es „keine Bedrohungen“ für die beiden Länder gegeben, „alles war gut“, sagte Putin. Künftig sei Russland allerdings gezwungen, auf mögliche (NATO-)Stationierungen in Schweden und Finnland „spiegelbildlich zu antworten und ebensolche Bedrohungen für Gebiete zu schaffen, von denen aus Bedrohungen für uns geschaffen werden“.

Dazu, dass die Türkei, mit der Putin eine von Konflikten wie beiderseitigem Nutzen geprägte Partnerschaft pflegt, ihren Widerstand gegen den Beitritt aufgegeben hat, sagte er trotz einer Frage gar nichts. Stattdessen erklärte Putin, dass die Ziele seiner „Spezialoperation“ sich seit dem 24. Februar – dem Tag des Großangriffs unter anderem auf Kiew und Charkiw – nicht geändert hätten. Jetzt nannte er eine „Befreiung des Donbass“ als „Endziel“. Die „Arbeit“ daran, so Putin, laufe „ruhig, rhythmisch“, alles „nach Plan“.

Quelle: F.A.Z.
Reinhard Veser
Redakteur in der Politik.
Gerhard Gnauck
Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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