Globale Kriegsfolgen

„Wenn Sie ein Herz haben, öffnen Sie die Häfen“

Von Majid Sattar, New York
19.05.2022
, 08:30
Antony Blinken und Annalena Baerbock am 18. Mai in New York
Im UN-Sicherheitsrat wird am Donnerstag über die Nahrungsmittelkrise beraten. Auf einer Konferenz in New York warf der Westen Moskau vor, einen Getreide-Krieg zu führen.
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David Beasley wandte sich in einem dramatischen Appell direkt an Wladimir Putin: „Wenn Sie ein Herz haben, öffnen Sie die Häfen“, rief der Direktor des Welternährungsprogramm (WFP) dem russischen Präsidenten zu. Die Getreideproduktion der Ukraine könne 400 Millionen Menschen ernähren. Allein seine UN-Organisation, das WFP, kaufe 50 Prozent seines Bestandes in der Ukraine. Die Silos seien voll, das Getreide komme aber nicht aus dem Land, da Russland die Schwarzmeerhäfen blockiere. 25 Millionen Tonnen Weizen gelangen so nicht auf den Weltmarkt.

Der amerikanische Außenminister Antony Blinken hatte am Mittwochnachmittag 35 Staaten zu einer Minister-Konferenz zur Ernährungssicherheit zu den Vereinten Nationen in New York geladen. Russland war freilich nicht vertreten. Am Donnerstag soll die Debatte im UN-Sicherheitsrat fortgesetzt werden. Dort standen die Zeichen auf politischer Konfrontation. Auf der Minister-Konferenz ging es hingegen darum, die schlimmste Hungersnot seit Jahrzehnten zu verhindern.

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44 Millionen Menschen am Rande einer Hungersnot

Blinken hatte zu Beginn die Lage umrissen: Durch Klimawandel, Dürren und Versorgungsengpässe in Folge der Pandemie seien schon vor dem russischen Angriffskrieg 160 Millionen Menschen von einer Nahrungsmittelkrise bedroht gewesen. 44 Millionen Menschen in 38 Ländern stünden gar am Rande einer Hungersnot. Es gebe Schätzungen, wonach durch den Ukraine-Krieg bis Ende 2022 weitere 40 Millionen Menschen von Hunger bedroht seien. Er werde Russlands Verantwortung im Sicherheitsrat deutlich machen, kündigte Blinken an und nahm Moskau gleichsam präemptiv den Wind aus den Segeln: Das russische Narrativ, wonach die Nahrungsmittelkrise eine Folge der gegen Russland gerichteten Sanktionen sei, habe nichts mit der Realität zu tun. Man habe bewusst Ausnahmen für den Agrarsektor geschaffen.

Deutlicher als Blinken wurde die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock: Russland führe seinen „brutalen Krieg“ nicht nur mit Panzern, Raketen und Bomben, sondern auch mit einer anderen „schrecklichen, aber stilleren Waffe: mit Hunger und Nahrungsentzug“. Moskau habe einen „Getreide-Krieg“ entfacht, indem es ukrainische Häfen blockiere sowie Silos, Straßen, Bahnstrecken und Ackerland zerstöre. Moskau führe diesen Krieg, obwohl Millionen von Menschen in Afrika, Asien und im Mittleren Osten längst von Hunger bedroht seien. Auch sie rief dazu auf, nicht auf die russische Desinformation hereinzufallen: Es gebe keine Sanktion, keine einzige Sanktion gegen Getreide- oder Düngertransporte.

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Mehrere westliche Staaten kündigten an, Hilfsorganisationen finanziell zu unterstützen. Deutschland werde insgesamt vier Milliarden Euro für Nahrungssicherheit ausgeben, sagte Baerbock. Blinken hatte zuvor 215 Millionen Dollar Direkthilfe angekündigt; zudem sei er zuversichtlich, dass der Kongress ein Fünf-Milliarden-Dollar-Paket beschließe. Weitere Schritte seien nötig: So dürfe es in der Krise keine Marktabschottung geben. Auch müsse die Düngerproduktion hochgefahren werden. Amerikas werde das tun, sagte Blinken.

Indien, das derzeit wie andere Teile Südasiens unter einer Hitzewelle leidet, hatte kürzlich einen Exportstopp für Weizen verhängt. Der nach China zweitgrößte Weizenproduzent der Welt, der hauptsächlich für den eigenen Markt produziert, wollte eigentlich zehn Millionen Tonnen Weizen exportieren. Doch aufgrund der Hitzewelle musste das Land seine erwartete Ernteproduktion nach unten korrigieren. Mit dem Exportverbot will Delhi nun einen weiteren Preisanstieg auf dem heimischen Markt verhindern – verschärft aber die Lage auf dem Weltmarkt.

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Partner als Co-Vorsitzende

Blinken hatte für die Konferenz ein ungewöhnliches Format gewählt: Der Gastgeber der Minister-Konferenz lud bewusst nicht nach Washington, sondern zu den Vereinten Nationen nach New York. Dahinter stand der Gedanke, dass die amerikanische Regierung die UN in der Nahrungsmittelkrise in der besonderen Verantwortung sieht: Diplomatische Initiativen zur Beendigung des Ukraine-Krieges blockiert die Veto-Macht Russland im Sicherheitsrat. In der Generalversammlung war zwar nach Beginn des Angriffskrieges eine Resolution verabschiedet worden, welche den bedingungslosen Rückzug der russischen Truppen forderte. Auch beschloss das Gremium, in dem Moskau keine Blockademöglichkeit hat, die russische Mitgliedschaft im Menschenrechtsrat zu suspendieren. Ansonsten, so die Analyse Washingtons, sei die UN aber politisch gelähmt. Umso wichtiger sei der Beitrag, den die Organisation zur Minderung der Nahrungsmittelkrise leisten könne.

Die amerikanische Seite hob hervor, sie bekräftige „die entscheidende Rolle“, welche das UN-System mit seinen Partnern zukomme, um die Krise zu bewältigen. Die Vereinten Nationen seien der ideale Tagungsort für den „Global Food Security Call for Action“. Washington holte Partner als Co-Vorsitzende mit ins Boot: Deutschland, das derzeitig die G-7-Präsidentschaft innehat, Indonesien, das gegenwärtig den G20 vorsitzt, Senegal, das die Präsidentschaft der Afrikanischen Union innehat und weitere mehr. Geladen waren aber auch viele Länder, welche von der Nahrungsmittelkrise am härtesten getroffen werden: Jemen, Libanon, Nigeria und Zambia.

Aissata Tall Sall, die senegalesische Außenministerin, machte deutlich, dass die Staatengemeinschaft gemeinsam handeln müsse. Afrika werde die Nahrungsmittelkrise hart treffen – durch den Nahrungsmangel, aber auch durch den Preisanstieg. „Wir müssen die Inflation eindämmen“, sagte sie. Einigermaßen optimistisch äußerte sich UN-Generalsekretär António Guterres. Es gebe keine Lösung der globalen Nahrungsmittelkrise, ohne das ukrainische Getreide auf dem Weltmarkt. Er sei zuversichtlich, dass es eine Lösung geben werde, sagte Guterres, der kürzlich in Moskau war. Er wolle aber nicht über Details reden, um eine mögliche Einigung nicht zu gefährden.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Sattar, Majid (sat.)
Majid Sattar
Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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