Vorwahlen in Frankreich

Eine Fernsehdebatte ohne Skandal

Von Michaela Wiegel, Paris
14.10.2016
, 09:31
Alain Juppé (links), Nathalie Kosciusko-Morizet und Nicolas Sarkozy bei der Fernsehdebatte am Donnerstag
Die französischen Republikaner suchen ihren Präsidentschaftskandidaten und versuchen sich an einem Format aus Übersee. Die erste Fernsehdebatte der sieben Kandidaten hatte einen eindeutigen Sieger.

Siebzehn Kameras, sieben Kandidaten und zum Schluss gibt es einen Sieger: Die französische Rechte hat am Donnerstagabend erfolgreich mit einer Vorwahldebatte nach amerikanischen Vorbild experimentiert. Wobei es bei der Premiere in den Filmstudios auf der Plaine Saint-Denis, dem französischen Babelsberg, dann doch sehr höflich und gesittet à la francaise zuging. Ausraster und Ausfälle blieben aus, die Kontrahenten diskutierten sachlich und nur manchmal wurde gestichelt.

Gewinner war dann auch für die im Anschluss an die Sendung befragten Zuschauer der Mann, dessen entscheidendes Merkmal die Gelassenheit ist. Alain Juppé, 71 Jahre, ehemaliger Premier-, Außen- und Verteidigungsminister, war überzeugend, meinten 36 Prozent der vom Umfrageinstitut Sofres befragten Franzosen. Opinionway kam auf ein ähnliches Ergebnis. Von Nicolas Sarkozy waren 22 Prozent überzeugt, von Francois Fillon und Bruno Le Maire elf Prozent. Die einzige Frau in der Runde, Nathalie Kosciusko-Morizet, zugleich die jüngste Teilnehmerin, lag mit drei Prozent im Hintertreffen.

Die erste von insgesamt drei Fernsehdebatten zeugt von der erstaunlichen Fähigkeit der Franzosen, Politik selbst in Zeiten der Verdrossenheit immer wieder zu einem großen Publikumsereignis aufzuwerten. Die Idee von Vorwahlen war im rechten Lager zunächst nur eine Notlösung, um die verheerende Führungsdebatte zu beenden. Die Sozialisten hatten 2011 vorgeführt, wie es funktionieren konnte, in offenen Vorwahlen einen Präsidentschaftskandidaten zu bestimmen. Annähernd fünf Millionen linke Sympathisanten zog die Kandidatenkür an die Urnen. Nicht alle waren auf der Rechten sofort begeistert, die Linken nachahmen zu müssen. Parteichef Nicolas Sarkozy war vehement dagegen, amerikanische Methoden nach Frankreich zu tragen. Charles de Gaulle würde sich im Grab umdrehen, seufzte er ein Mal.

Vorwahldebatte in Frankreich
Juppé schneidet am besten ab
© dpa, reuters

Kein eindeutiges „Ja“ oder „Nein“

Aber schließlich packte ihn die politische Kampfeslust, auch wenn ihm am Donnerstagabend anzumerken war, dass ihm die große Runde nicht behagte. Dabei war das Losglück ihm hold gewesen: Der frühere Präsident durfte in der Mitte stehen. Aber seine früheren Minister – fünf seiner Rivalen saßen an seinem Kabinettstisch – hatten ihm längst den Chefrang abgesprochen. Das nervte Sarkozy , auch wenn er sich unter Kontrolle hatte. Nur ein Mal platzte ihm der Kragen, als die Journalisten ihn auf eine gehässige Äußerung seines Premierministers Fillon ansprachen. Fillon hatte gesagt, es sei unvorstellbar, dass gegen Republikgründer Charles de Gaulle strafrechtlich ermittelt werde. „Diese Äußerung entwürdigt ihren Urheber“, sagte Sarkozy, ohne Fillon eines Blickes zu würdigen. Auffällig war, dass Sarkozy und Juppé einen direkten Schlagabtausch vermieden. Sarkozy sprach stets freundlich von „Alain“, was der Favorit mit einem ebenso höflichen „Nicolas“ erwiderte.

In der Wirtschaftspolitik wurde klar, dass die sieben Kontrahenten einander näher sind, als sie zugeben wollen. Bezeichnend war die Weigerung, die Frage, ob sie sich zu einer Einhaltung der Drei-Prozent-Defizitgrenze verpflichten, mit Ja oder Nein zu beantworten. Alle Bewerber um das höchste Staatsamt legten wortreich dar, warum sie zwar eine Reduzierung der Staatsausgaben und der Verschuldung anstreben. Aber den Regeln des Vertrags von Maastricht wollte sich keiner mit einem eindeutigen „oui“ unterwerfen. Für die deutsche Stabilitätspolitik verheißt ein Machtwechsel in Paris im nächsten Frühjahr also nicht unbedingt bequemere Verhandlungspartner.

In Fragen des Umgangs mit dem Islam hat die französische Rechte hingegen viele Ideen parat. Am radikalsten trat Sarkozy auf. Er kündigte an, Verstöße gegen das Burka-Verbot mit dem Entzug der Familienleistungen ahnden zu wollen. Auch den muslimischen Ganzkörperbadeanzug will Sarkozy nicht an den Stränden und in den Badeanstalten Frankreichs dulden. „Der Burkini entspringt einem mittelalterlichen Frauenbild“, wetterte er. Favorit Juppé hingegen warnte davor, die Gesellschaft zu spalten. „Ich bin für eine Gesellschaft, die unsere Vielfältigkeit respektiert. Wir sollten lieber das stärken, was wir gemeinsam haben“, sagte er. „Ich will uns auf den Weg der Hoffnung führen, hin zu einem mächtigen, optimistischen Frankreich. Wenn wir die großen, notwendigen Veränderungen schaffen, dann wird Frankreich wieder zu dem Land werden, in dem es sich gut leben lässt“, schloss Juppé. Es bleibt spannend bis zu den zwei Wahlgängen am 20. und 27. November.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiegel, Michaela
Michaela Wiegel
Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.
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