Österreich

Der umgedrehte Trump-Effekt

Von Timo Steppat
05.12.2016
, 06:26
Österreich ist gespalten: Stadt gegen Land, Akademiker gegen Hauptschulabschluss, Mann gegen Frau. Am meisten verdankt Alexander van der Bellen seinen Sieg aber seinem Gegenkandidaten.

Es hat sich etwas verändert in Österreich. Im Mai, als die Bürger zum ersten Mal in einer Stichwahl über das Amt des Bundespräsidenten entschieden, trennten Alexander van der Bellen (parteilos) und Norbert Hofer (FPÖ) nur 30.000 Stimmen. Das Verfassungsgericht ordnete eine Neuwahl an. An diesem Sonntag ist das Ergebnis eindeutiger. Zwischen den beiden Politikern lagen fast sieben Prozent. Das entspricht rund 300.000 Wählerstimmen. Was ist passiert?

Einen wohl entscheidenden Einfluss auf die Wahlentscheidung haben die Frauen. Wie aus der Befragung des Instituts Sora im Auftrag des ORF hervorgeht, waren 62 Prozent der Wähler von Alexander van der Bellen weiblich. Besonders hoch war der Anteil bei Frauen unter 30 (69 Prozent). Norbert Hofer wählten mehrheitlich Männer (56 Prozent). Besonders stark ist dessen Vorsprung bei Männern zwischen 30 und 59 Jahren, also in der Mitte des Lebens. Dass Männer grundsätzlich empfänglicher sind für rechtspopulistische Parteien und Positionen, gilt in der Wahlforschung als bewiesen. Zuletzt zeigte sich das auch bei den Landtagswahlen in Deutschland.

Frauen wählen van der Bellen

Mit den beiden Kandidaten standen sich zwei grundverschiedene Entwürfe gegenüber. Van der Bellen ist ehemaliger Wirtschaftsprofessor und war einige Jahre Sprecher der Grünen. Norbert Hofer ist seit zehn Jahren Funktionär bei der FPÖ, sein Vater war schon für die Partei aktiv. Er betont seine Verbundenheit zum Landleben und tritt gerne im Trachtenjanker auf. Van der Bellen setzte zwar zeitweise auch auf Volkstümlichkeit, gilt vielen aber als intellektueller Großstädter.

Österreich
Van der Bellen neuer Präsident eines gespaltenen Landes
© dpa, afp

Hofer liegt in ländlichen Bezirken vorn

So stehen die Hofer-Wähler für das eine Österreich. Es ist eher ländlich geprägt, Hofer liegt in ländlichen Bezirken teilweise mit über 70 Prozent vorn. Regionen wie Kärnten, die mit hohen Schulden kämpfen und über eine durchwachsene wirtschaftliche Entwicklung klagen, tragen mit ihrem Ergebnis zum Erfolg Hofers bei. Der FPÖ-Kandidat bekommt vor allem bei Menschen mit geringerer Bildung hohen Zuspruch. Unter all jenen, die einen sogenannten Pflichtschulabschluss haben, erzielt er 53 Prozent, unter Personen, die eine Lehre gemacht haben, sind es 64 Prozent. Die Wähler Norbert Hofers sind Arbeiter (85 Prozent).

Alexander van der Bellen dagegen gewann besonders stark in Großstädten wie Linz, Salzburg oder Wien. 74 Prozent der Wähler mit Abitur (Matura) haben ihn gewählt, 83 Prozent der Wähler mit einem akademischen Abschluss. Die Anhänger van der Bellens sind Angestellte (60 Prozent) oder öffentliche Bedienstete (66 Prozent). Der entscheidende Unterschied zwischen diesen zwei Entwürfen Österreichs liegt aber vor allem in der Frage nach der Zukunft des Landes. Die Anhänger van der Bellens sind eher optimistisch. Sie glauben, dass sich die Zukunft junger Generationen verbessert und dass die Lebensqualität in Österreich eher steigt. Die Hofer-Wähler sind das Negativ dessen: Sie zweifeln daran, dass sie Teil einer positiven Entwicklung sind.

Hohe Wahlbeteiligung bei jungen Wählern

Van der Bellen liegt bei den Jungen etwas weiter vorn, Hofer dagegen bei den Mittelalten. Es zeichnet sich aber keine klare Entscheidung von Alt gegen Jung ab. Das mag auch daran liegen, dass offenbar besonders die Jungen diesmal an die Wahlurne gegangen sind. Sie haben vielleicht aus dem Debakel der Brexit-Entscheidung gelernt und dem Lamento darüber, die Alten würden die Zukunft verbauen.

Es ist am Ende aber die Mobilisierung gewesen, die offenbar den Ausschlag gegeben hat. Hofer hat es nicht geschafft, seine Wählerschaft an die Urnen zu bringen. Er verliert 70.000 Anhänger in das Lager der Nichtwähler und gewinnt 33.000. Van der Bellen dagegen konnte 169.000 ehemalige Nichtwähler für sich einnehmen und verliert sehr viel weniger.

Sieg der Vernunft

Dabei hat van der Bellen sehr stark davon profitiert, dass ein großer Teil der Österreicher den Rechtspopulisten Hofer verhindern wollte (42 Prozent). Eine breite Bewegung von Künstlern und Intellektuellen hatte dazu aufgefordert, den ehemaligen Grünen-Politiker zu wählen. Ganz ähnlich schien es in Amerika bei der Wahl von Donald Trump zu sein – es half nichts. Während man sonst bei Erfolgen von Rechtspopulisten von einem positiven Effekt für andere Länder spricht (ein gutes Abschneiden in Frankreich kann das Ergebnis etwa in den Niederlanden beflügeln), könnte hier das Gegenteil eingetreten sein: Ein negativer Trump-Effekt. Aus Angst vor einem Populisten in der Hofburg und dem Verlust im öffentlichen Ansehen, hat man nicht aus dem Bauch heraus entschieden, sondern rational.

Dazu passt auch, dass man van der Bellen die bessere Vertretung im Ausland zutraut (67 Prozent), eine pro-europäischere Haltung (65 Prozent) sowie das "richtige Amtsverständnis" (59 Prozent). Das klingt wie ein Sieg der Vernunft. Zuträglich zur hohen Wahlbeteiligung waren wohl auch die bis zum Schluss knappen Umfragewerte. Unter Berücksichtigung einer Fehlertoleranz von bis zu drei Prozent war das Rennen bis zuletzt offen. Das könnte den Druck erhöht haben, zur Wahl zu gehen.

Die Unsicherheit merkte man beiden Kandidaten an. In der Debatte, die in dieser Woche noch stattfand, gingen sich beide relativ scharf an. Auch das galt als Zeichen, dass beide Seiten sich längst nicht als Gewinner sahen. Bei Debatten gilt: Wer hinten liegt, greift an, um Punkte zu machen. Durch die heftigen Debatten und den Kampf mit harten Bandagen könnte auch die Glaubwürdigkeit gesunken sein. Laut der Sora-Zahlen hat sich der Wert von 61 Prozent (Hofer), bzw. 62 Prozent (van der Bellen), auf ein Niveau von 50 Prozent entwickelt. Das sind die deutlichen Spuren, die der Wahlkampf hinterlassen hat.

Den einen wählen, um den anderen zu verhindern

Was die Wählerschaften betrifft, hat nahezu kein Austausch stattgefunden. Wer van der Bellen im Mai wählte, tat das auch am Sonntag. Ebenso Hofer. Während der FPÖ-Politiker aber Eigenschaften wie „versteht Sorgen“ (55 Prozent) oder „gegen das politische System“ (54 Prozent) zugeschrieben bekommt, haben nur wenige für Hofer gestimmt, um van der Bellen zu verhindern. Das trifft nur auf jeden vierten Stimmgeber des Wahlverlierers zu. Van der Bellens Stärke ist aus der Angst vor Hofer entstanden. Ausgehend von solchen Zahlen hat van der Bellen wohl die besseren Chancen, das gespaltene Österreich wieder zu einen. Das Gemeinsame über das Trennende stellen, lautete einer seiner Wahlslogans. Jetzt muss er ihn einlösen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Steppat, Timo
Timo Steppat
Redakteur in der Politik.
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