Zum Tod von F.W. de Klerk

„Aus dem Kreislauf der Gewalt ausbrechen“

Von Claudia Bröll, Kapstadt
11.11.2021
, 13:35
 F.W. de Klerk im März 1992 in Kapstadt
Frederik Willem de Klerk, Südafrikas letzter weißer Staatspräsident, ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Er trug maßgeblich zur Überwindung der Apartheid bei, obwohl er als Verfechter der Rassentrennung angetreten war.
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„Es ist an der Zeit, dass wir aus dem Kreislauf der Gewalt ausbrechen und zu Frieden und Versöhnung gelangen.“ Ruhig und bestimmt hatte Frederik Willem de Klerk oder FW, wie er in Südafrika stets genannt wurde, mit diesen Worten im Parlament im Februar 1990 einen Schlüsselmoment in der Geschichte Südafrikas verkündet: Neun Tage später verließ Nelson Mandela das Victor Verster Gefängnis und schritt Hand in Hand mit seiner Ehefrau Winnie auf Hunderte sehnsüchtig wartende Anhänger und die versammelte Weltpresse zu. Das Ende der Apartheid wurde eingeleitet, der Weg für ein neues demokratisches Südafrika geebnet. Dafür erhielt de Klerk 1993 gemeinsam mit Mandela den Friedensnobelpreis.

De Klerk, der am Donnerstag im Alter von 85 Jahren in seinem Haus in Kapstadt verstorben ist, war der letzte weiße Staatspräsident Südafrikas. Bis heute wird er in Teilen der afrikaansen Bevölkerung, den Nachfahren der ersten niederländischen Siedler, als Held und Staatsmann geachtet. Doch auch Mandela, der großen Versöhner, sagte bei einem Abendessen einmal: „Mein schlimmster Albtraum ist, dass ich aufwache und de Klerk ist nicht da. Ich brauche ihn. Ob ich ihn mag oder nicht, ist irrelevant, ich brauche ihn.“

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Schwieriges Verhältnis zu Mandela

Tatsächlich war das Verhältnis zwischen den beiden Nobelpreisträgern und Wegbereitern des demokratischen Südafrika nicht immer ungetrübt. Einmal stritten sie sich nach einer kritischen Rede Mandelas leidenschaftlich in der Öffentlichkeit. Zuvor hatte Mandela de Klerk vorgeworfen, sich wie ein „weißer Mann, der mit einem schwarzen Mann spricht“ zu verhalten. Selbst bei der Verleihung des Nobelpreises waren Spannungen spürbar.

Das amerikanische Zeitschrift Time fragte damals: „Wie konnten sich diese beiden auf irgendetwas wie zum Beispiel auf ein Mittagessen einigen, geschweige denn auf die Neuordnung einer Nation?“ Die beiden so ungleichen Staatsmänner – der letzte des „alten“ und der erste des „neuen“ Südafrika – bewiesen, dass sie es konnten. Später nannten sie sich „gute Freunde“, sprachen einander zunächst mit „Mister President“ und später mit FW und Madiba an, dem traditionellen Clan-Namen Mandelas.

F.W. de Klerk und Nelson Mandela im April 1994 in Moria
F.W. de Klerk und Nelson Mandela im April 1994 in Moria Bild: AFP

De Klerk, der am 18. März 1936 in Johannesburg geboren wurde, stammte aus einer politischen, eng mit der seit 1948 regierenden Nationalpartei verbundenen Familie. Sein Vater war Senator und Minister, sein Onkel Premierminister der Südafrikanischen Union, sein Bruder Willem, ein liberaler Journalist, hingegen gehörte zu den Gründern der Democratic Party, der Vorgängerpartei der heutigen nationalen Oppositionspartei Democratic Alliance. De Klerk, der sich schon als Student politisch engagierte, studierte Jura und baute anschließend eine erfolgreiche Rechtsanwaltskanzlei auf.

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Seine politische Karriere verlief geradlinig: unter dem Premierminister John Vorster und dessen lautstarkem Nachfolger Pieter Willem Botha hatte er verschiedene Ministerposten inne. Als sich die Unruhen und der politische Widerstand in den achtziger Jahren von allen Seiten verschärften, legte Botha 1989 nach einem Schlaganfall den Parteivorsitz nieder. De Klerk, damals Erziehungsminister, übernahm und wurde noch im gleichen Jahr nach der Parlamentswahl Staatspräsident.

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Kein Glaube an die „Regenbogen-Nation“

Viele hätten von dem nüchternen Juristen aus dem politischen Establishment eine Fortsetzung der bisherigen Politik erwartet. Er galt als konservativ, verteidigte stets das Apartheid-System. Doch im entscheidenden Moment erwies er sich als Pragmatiker, der auf die damaligen Umbrüche im In- und Ausland richtig reagierte: in Südafrika mehrte sich auch in der weißen Bevölkerung die Unzufriedenheit. Die Wirtschaft lag danieder, der internationale Druck wuchs. Das Ende des Kalten Krieges minderte auch das Risiko einer internationalen Eskalation.

Strategisch klug und mutig leitete de Klerk Reformen ein, hob das Verbot des ANC und der Kommunistischen Partei auf, ließ politische Gefangene frei und bereitete die Verhandlungen über eine neue Verfassung vor. Nach zahlreichen Geheimtreffen mit Mandela, Thabo Mbeki und anderen ANC-Granden schien man das Wagnis eingehen zu können. Wieweit ein persönlicher Gesinnungswandel eine Rolle spielte, ist umstritten. Ein überzeugter Verfechter einer „Regenbogennation“ war er nicht. Insbesondere die die Interessen und die Sicherheit der weißen Bevölkerung lagen ihm am Herzen. Als warnendes Beispiel diente dabei der Unabhängigkeitskrieg im benachbarten Rhodesien, heute Zimbabwe. „Wir dürfen nicht die gleichen Fehler machen“, sagte er.

Einen Strich unter die Vergangenheit ziehen

Obwohl de Klerk als Verfechter der Apartheid galt, hatte er wesentlichen Anteil an ihrer Aufhebung. Dieser Zwiespalt blieb, etwa bei Auftritten vor der Wahrheits- und Versöhnungskommission, wo er zwischen Entschuldigungen, Rechtfertigungen und der Zurückweisung persönlicher Schuldvorwürfe lavierte. Wie viele weiße Südafrikaner hatte er die Einrichtung der Kommission abgelehnt, weil sie die „Wunden, die gerade verheilen, wieder aufreiße“. Lieber wäre es ihm gewesen, einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen.

Auch später geriet er immer wieder in Erklärungsnot. Zuletzt hatte er 2020, zum 30. Jahrestag seiner Parlamentsrede, gesagt, die Apartheid könne nicht mit einem Völkermord gleichgesetzt werden. Die Äußerung löste einen Sturm der Kritik aus. Die populistische Oppositionspartei Economic Freedom Fighters (EFF) skandierte „Mörder, Mörder“. Auch Rufe, de Klerk den Nobelpreis zu entziehen, wurden laut. Am Ende entschuldigte sich seine Stiftung und zog die Aussage zurück.

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Unumstritten ist, dass Mandela und de Klerk ein für die meisten Südafrikaner damals kaum vorstellbares Wunder vollbrachten. „Mister Mandela hat einen langen Weg zurückgelegt und steht nun auf der Spitze eines Hügels“, sagte de Klerk bei der Amtsübergabe an Mandela nach dem klaren Wahlsieg des ANC 1994. „Ein Mann des Schicksals weiß, dass hinter diesem Hügel ein weiterer und noch ein weiterer liegt. Die Reise ist nie abgeschlossen. Während er über den nächsten Hügel nachdenkt, reiche ich Mister Mandela meine Hand in Freundschaft und biete die Zusammenarbeit an.“

Kritik an der Politik des ANC

Mandela seinerseits ernannte de Klerk in seinem ersten Kabinett zum Vizepräsidenten neben Thabo Mbeki. Doch schon 1996 wechselte de Klerk mit der Nationalpartei auf die Oppositionsbank. Ein Jahr später legte er den Parteivorsitz nieder, beendete seine politische Karriere, trat aber als Berater und Redner häufig in Erscheinung. Bis ins hohe Alter war er ein Mann von imposanter Statur.

Eines seiner Anliegen bestand darin, den historischen Moment in Südafrikas Geschichte für kommende Generationen lebendig zu erhalten. Gerne berichtete er über die Verhandlungen in den Hinterzimmern, wobei er ein erstaunliches Gedächtnis selbst für kleine Details bewies. In jüngerer Zeit äußerte er zunehmend Kritik an der Politik des ANC, warnte vor einer Unterminierung der noch jungen Verfassung, prangerte Korruption und Misswirtschaft an.

Auch in seinem Privatleben war de Klerk ein Mann, der mit seinen Handlungen einige überraschte. So waren konservative Afrikaner schockiert, als er sich 1999 nach 38 Jahren Ehe von seiner Ehefrau Marike scheiden ließ und kurz darauf seine zweite Ehefrau Elita Georgiades heiratete. Drei Jahre später wurde seine erste Ehefrau bei einem Überfall von einem jungen schwarzen Sicherheitsmann getötet. Er selbst war jahrzehntelang Kettenraucher und schon vor einiger Zeit an Krebs erkrankt. Den Kampf gegen die Krankheit hat der frühere Staatsmann, der mit der Abgabe seiner Macht Geschichte schrieb, nun verloren. Er hinterlässt seine Ehefrau, zwei erwachsene Kinder und Enkelkinder.

Quelle: FAZ.NET
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Claudia Bröll
Politische Korrespondentin für Afrika mit Sitz in Kapstadt.
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