Fall Nawalnyj

Die Briten kennen das tödliche Gift

Von Jochen Buchsteiner, London
03.09.2020
, 18:00
London verlangt von Moskau Aufklärung im Fall des vergifteten Oppositionspolitikers Nawalnyj. Der Vorgang löst bei den Briten schmerzliche Erinnerungen aus.

Es dauerte nicht lange, bis sich der britische Premierminister Boris Johnson hinter die Forderung von Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte und von der Regierung in Moskau Aufklärung über die „ungeheuerliche“ Vergiftung Aleksej Nawalnyjs verlangte. Großbritannien werde mit seinen „internationalen Partnern zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass Gerechtigkeit hergestellt werde“, sagte er am Mittwoch in London. Dann fügte Johnson noch an, dass die Briten die tödlichen Folgen des Nervengifts Nowitschok schließlich „aus eigener Erfahrung“ kennen.

Damit spielte er vor allem auf den versuchten Mord an dem früheren Doppelagenten Sergej Skripal an, der im März 2018 zusammen mit seiner Tochter Julia im südenglischen Salisbury ohnmächtig auf einer Parkbank gefunden worden war. Erst nach Wochen konnten die beiden aus dem Krankenhaus entlassen werden; seither leben sie an einem unbekannten Ort. Trotzdem starb jemand an den Folgen des Anschlags, es war die Britin Dawn Sturgess. Sie hatte in Amesbury, einer Nachbargemeinde Salisburys, gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Charlie Rowley eine Parfumflasche in einem Papierkorb entdeckt und sich Tage später damit besprüht. Wie die Polizei bestätigte, enthielt das Fläschchen Nowitschok und war wahrscheinlich nach dem Mordversuch an Skripal von den Tätern in den Papierkorb geworfen worden. Rowley überlebte die Vergiftung, während Sturgess nach acht Tagen im Krankenhaus von Salisbury verstarb.

Wie im Fall Nawalnyj bestritt die russische Regierung damals, etwas mit der Tat zu tun zu haben, und hielt der britischen Regierung Desinformation vor. Nachdem London 23 russische Diplomaten ausgewiesen hatte (und Moskau 23 britische), gelang es der Regierung von Theresa May, mehr als zwanzig Staaten zu einer gemeinsamen Antwort zu bewegen. Die Vereinigten Staaten wiesen sechzig russische Diplomaten mit Geheimdiensthintergrund aus. Kanada, Australien und die Ukraine schlossen sich der Initiative an. Auch viele EU-Staaten beteiligten sich; in Deutschland wurden vier Diplomaten zurück nach Russland geschickt. Mehrere Mitgliedländer zogen allerdings nicht mit, unter ihnen Österreich, Luxemburg, Portugal, Bulgarien, Slowenien und die Slowakei. May sprach im Mai 2018 von der „größten kollektiven Ausweisung russischer Geheimdienstoffiziere in der Geschichte“ und bedankte sich im Unterhaus für die „großartige Solidarität unserer Freunde und Partner“.

Ob die Maßnahmen der Regierung den russischen Präsidenten Wladimir Putin beeindruckt haben, ist umstritten, aber immerhin gingen sie weit über die bis dahin üblichen Schritte hinaus. Der Fall Alexander Litwinenko, der 2006 in einem Londoner Hotel mit dem radioaktiven Polonium-210 vergiftet wurde, blieb für die russische Regierung nahezu folgenlos. Der damalige Premierminister Tony Blair beließ es bei der ergebnislosen Forderung an Moskau, den Mordverdächtigen Andrej Lugovoi auszuliefern. Selbst als zehn Jahre später eine öffentliche Untersuchung ergab, dass der Mord an dem früheren russischen Agenten und späteren Dissidenten „höchstwahrscheinlich“ direkt aus dem Kreml angeordnet worden war, blieb es bei harten Worten, aber milden Reaktionen.

Der damalige Premierminister David Cameron ließ lediglich die Konten Lugovois und eines Komplizen einfrieren. Cameron sprach von einem „abscheulichen Verbrechen“ und einem „unakzeptablen Bruch internationalen Rechts“, erklärte aber zugleich, dass Großbritannien schon mit Blick auf den damals voll entbrannten Syrien-Krieg „eine gewisse Form von Beziehungen“ zu Moskau behalten müsse. Er handle mit „klarem Blick und sehr kaltem Herzen“.

Fachleute zweifeln daran, dass Litwinenko und Skripal die einzigen Opfer des russischen Geheimdienstes auf britischem Boden gewesen sind. Die Investigativreporterin Heidi Blake hat mit einem Team der Redaktion „Buzzfeed“ insgesamt 14 unbefriedigend geklärte Todesfälle im Königreich recherchiert, die der amerikanische Geheimdienst in Verbindung mit Moskau gebracht haben soll. Der prominenteste ist der Geschäftsmann und Regimekritiker Boris Berezowski, der im Jahr 2013 erhängt in seinem Haus gefunden wurde. Die Labour-Abgeordnete Yvette Cooper, Vorsitzende des Innenausschusses im Unterhaus, forderte die Regierung schon im März 2018 auf, diesen Fällen nachzugehen und die „National Crime Agency“ einzuschalten.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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