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Fall Skripal

OPCW kann verwendete Giftmenge doch nicht schätzen

Von Oliver Kühn
 - 15:04

Die Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) sieht sich doch nicht in der Lage, die Menge jenes Nervengiftes zu schätzen, das bei dem Anschlag auf den russischen früheren Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia im südenglischen Salisbury verwendet wurde. In einer Mitteilung der Organisation vom Freitag in Den Haag heißt es, die Menge könne „vermutlich in Milligramm ausgedrückt“ werden. Bei der Untersuchung des Nervengifts durch technische Experten der OPCW sei aber festgestellt worden, dass das Gift „von großer Reinheit, langlebig und wetterbeständig“ gewesen sei.

OPCW-Direktor Amet Üzümcü hatte die Menge des Nervenkampfstoffs Nowitschok, mit dem Anfang März Skripal und seine Tochter vergiftet wurden, auf 50 bis 100 Gramm geschätzt. Diese Information, über die auch FAZ.NET in einer früheren Version dieses Artikels berichtet hatte, ist nach neuerer Ansicht der OPCW offenkundig falsch.

Üzümcü sagte auch, der Kampfstoff sei in flüssiger Form eingesetzt worden. Er könne aber auch als Spray verwendet werden. Auffallend sei, so Üzümcü, dass der Kampfstoff extrem widerstandsfähig sei. So sei er kaum durch das Wetter beeinflusst worden. Das sei auch der Grund, warum es nach einiger Zeit immer noch möglich gewesen sei, ihn zu identifizieren. Das mache es aber auch notwendig, große Teile von Salisbury zu dekontaminieren. Ian Boyd, wissenschaftlicher Berater der britischen Regierung, sagte in einem Treffen dahingehend, man müsse davon ausgehen, dass der Kampfstoff immer noch gefährlich sei.

Die Ermittler in Großbritannien berichteten nach den Untersuchungen, dass das Gift auf die Türklinke von Skripals Haus aufgetragen worden sein soll. In den Stunden nach dem Kontakt sei es durch die Haut der Opfer in die Körper eingedrungen, bis die beiden bewusstlos auf einer Bank in Salisbury aufgefunden worden waren.

Der Stoff steht nicht auf der Liste der verbotenen Substanzen, die Ende der achtziger Jahre zusammengestellt worden ist. Üzümcü sagte jedoch in dem Interview, seine Organisation arbeite daran, dies zu ändern. Es wäre die erste Erweiterung seit der Unterzeichnung der Chemiewaffenkonvention im Jahr 1993. Bislang kann damit Nowitschok hergestellt und gelagert werden, ohne dass es gemeldet werden müsste, was sich änderte, würde die Liste erweitert.

Großbritannien hatte kurze Zeit nach dem Anschlag Russland dafür verantwortlich gemacht. Dieser Einschätzung schlossen sich die meisten westlichen Staaten an und verwiesen insgesamt mehr als 100 Diplomaten des Landes. Außerdem behauptete die britische Regierung, sie besitze Geheimdiensterkenntnisse, dass Russland den Stoff auch nach dem Ende des Kalten Krieges hergestellt und gelagert habe.

Das Außenministerium in Moskau wies die Anschuldigung stets zurück und unterstellte seinerseits Tschechien, Großbritannien, der Slowakei und Schweden, als mögliche Herkunftsländer des verwendeten Kampfstoffs infrage zu kommen. Die Regierung in Prag wies dies bislang vehement zurück. „Die Russen haben alle Grenzen überschritten“, sagte beispielsweise Ministerpräsident Andrej Babis von der populistischen ANO-Partei.

Nun sagte jedoch der Präsident des Landes, auch Tschechien habe das Nervengift zu Forschungszwecken synthetisiert. „Die Menge des hergestellten Gifts war angeblich klein, und es wurde nach den Versuchen vernichtet“, so Präsident Milos Zeman am Donnerstagabend im Fernsehsender Barrandov. Das Land habe an einem Stoff der Nowitschok-Gruppe geforscht. Während in Großbritannien aber die Substanz A-234 eingesetzt worden sein soll, hätten sich die tschechischen Forscher mit A-230 befasst.

Das Experiment habe im November stattgefunden in einem militärischen Forschungsinstitut in Brno (Brünn), der zweitgrößten tschechischen Stadt. „Wir wissen wo, wir wissen wann, also wäre es Heuchelei, so zu tun, als ob nichts geschehen wäre“, sagte der 73 Jahre alte Präsident. Er berief sich dabei auf einen neuen Bericht des tschechischen Militärnachrichtendienstes. Nach Einschätzung von Fachleuten sind nur wenige Labore in der Welt in der Lage, mit derart gefährlichen Nervenkampfstoffen zu arbeiten.

Zeman, der im Januar vom Volk für eine zweite, fünfjährige Amtszeit wiedergewählt wurde, gilt als russlandfreundlich – und liegt damit bisweilen mit der Regierung von Babis über Kreuz. Im November war er im Schwarzmeerkurort Sotschi mit Kremlchef Wladimir Putin zusammengekommen. Einen Monat zuvor hatte er die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland in einer Rede vor dem Europarat als „vollendete Tatsache“ bezeichnet.

Die Nowitschok-Gruppe (russisch für Neuling) war in der früheren Sowjetunion entwickelt worden. Tschechien betreibt im südmährischen Vyskov (Wischau) ein Nato-Kompetenzzentrum zur Abwehr von ABC-Waffen, also atomaren, biologischen und chemischen Kampfstoffen. Der frühere Warschauer-Pakt-Staat ist seit 1999 Mitglied des transatlantischen Bündnisses. Die internationale Chemiewaffenkonvention verbietet unter anderem die Entwicklung und den Besitz von Chemiewaffen, schließt aber die Forschung zu Abwehrzwecken nicht aus, solange bestimmte Bedingungen und Meldepflichten erfüllt sind.

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Giftangriff auf Skripal
Stationen eines russischen Agenten

Anm. der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, bei dem Anschlag auf Skripal seien vermutlich 50 bis 100 Gramm flüssigen Nervengifts verwendet worden. Diese Schätzung hatte OPCW-Direktor Amet Üzümcü gemacht. Diese Information war aber offenbar falsch. Das OPCW hat mittlerweile erklärt, die Menge müsse eher in Milligram statt in Gramm gemessen werden.

Quelle: FAZ.NET/dpa
Oliver Kühn
Redakteur in der Politik.
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