Flüchtlinge aus Syrien

Die Tragödie des 21. Jahrhunderts

Von Rainer Hermann, Ankara
03.03.2020
, 21:24
Vertrieben durch die türkische Militäroffensive hausen im November Menschen aus der Ortschaft Ras Al Ain im Flüchtlingslager Washu Kanyia nahe der Stadt Al Hasskeh in Syrien.
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In den vergangenen neun Jahren sind Millionen Menschen aus Syrien in Richtung Europa geflohen. Was waren die wichtigsten Etappen – und welche Länder haben die meisten Flüchtlinge aufgenommen? Ein Überblick.
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Wie viele Menschen sind seit 2011 aus Syrien geflohen?

Aus keinem anderen Land sind so viele Menschen geflohen wie aus Syrien. Das Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) gab 2018 die Zahl der Syrer, die seit 2011 ihr Land verlassen haben, mit 6,7 Millionen an. Unter dem Mandat des UNHCR sind weltweit 20,4 Millionen Flüchtlinge registriert. Von ihnen stammen 67 Prozent aus fünf Ländern. Das sind neben Syrien Afghanistan (2,7 Millionen), der Südsudan (2,3 Millionen), Burma (1,1 Millionen) und Somalia (0,9 Millionen).

Derzeit leben in Syrien 19,5 Millionen Menschen. 6,6 Millionen von ihnen – also rund 30 Prozent – sind Binnenflüchtlinge, die der Krieg zu einer Flucht innerhalb Syriens gezwungen hat. Mindestens jeder dritte Binnenflüchtling ist seit 2011 wiederholt vertrieben worden. So handelt es sich bei mehr als Hälfte der Bevölkerung Idlibs um wiederholt vertriebene Binnenflüchtlinge, die keine Chance mehr hatten, ins Ausland zu fliehen. Die Nachbarstaaten nehmen seit März 2016 nur noch wenige Flüchtlinge auf.

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Was waren die wichtigsten Etappen dieses Flucht-Dramas?

Im März 2013 hatte das UNHCR in Syrien erst 420.000 Flüchtlinge registriert. Die Menschen hatten die Hoffnung, dass der Krieg bald zu Ende gehen werde, sie blieben daher überwiegend in Syrien. Von April 2013 bis März 2016 ereigneten sich jedoch vier große Fluchtwellen. Drei von ihnen wurden von Offensiven des Regimes ausgelöst, so dass Syrer, die nicht unter dem Regime leben wollten, ins Ausland flüchteten. Auslöser der vierten Welle war der Eroberungsfeldzug dschihadistischer Milizen in Nordsyrien.

Die erste große Fluchtwelle begann im April 2013, als Truppen des Regimes, unterstützt durch die libanesische Hizbullah, grenznahe Regionen zum Libanon von Rebellengruppen zurückeroberten und bis nahe Aleppo vorstießen. Im April 2013 eroberten das Regime und die Hizbullah die strategische wichtige Stadt al Qusair nahe der Grenze zu Libanon, kurz danach überstieg die Zahl der Flüchtlinge erstmals die Grenze von 1 Million.

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Die nächste große Fluchtwelle zog sich über zwölf Monate von September 2013 bis September 2014 hin, als die Zahl der Flüchtlinge kontinuierlich von 2 Millionen auf 3 Millionen stieg. Ein Auslöser war die erste große Offensive des Regimes auf Aleppo; in den ersten drei Quartalen 2014 kam der Siegeszug dschihadistischer Milizen in Nordsyrien hinzu.

Schließlich machte die Zahl der Geflohenen im Januar 2015 einen großen Sprung, als die Nusra-Front, ein Ableger von Al Qaida, die Provinz Idlib und andere Regionen im Nordwesten Syriens eroberte.

Die letzte große Fluchtwelle löste von August 215 bis April 2016 die Schlacht um Aleppo aus. Im Dezember 2016 nahmen die von iranischen Milizen und der russischen Luftwaffe unterstützten Truppen des Regimes Aleppo ein.

In welchen Ländern leben die meisten syrischen Flüchtlinge?

Die Türkei hat 3,6 Millionen Flüchtlinge aufgenommen und damit mehr als jedes andere Land. Aufgrund des Geburtenzuwachses wird die Zahl der Syrer in der Türkei auf bis zu 4 Millionen geschätzt. Der Libanon nahm 930.000 syrische Flüchtlinge auf, womit etwa jeder fünfte Einwohner des Landes ein syrischer Flüchtling ist. In Jordanien registrierte das UNHCR 660.000 syrische Flüchtlinge, im Irak (insbesondere in der autonomen Kurdenregion) 245.000, und in Ägypten 130.000.

Kanada hat etwa 100.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen, die Vereinigten Staaten 20.000.

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Wie viele Syrer sind in die EU und nach Deutschland gelangt?

Seit 2011 gelangten etwa 1 Millionen Syrer nach Europa, wo sie Asyl beantragt haben oder als Flüchtlinge registriert sind. In Deutschland leben 780.000 Syrer, sie stellen dort die größte Gruppe Schutzbedürftiger. Nur in der Türkei und im Libanon haben sich seit dem Beginn des Kriegs mehr Syrer niedergelassen.

In Schweden lag die Zahl der Syrer 2011 bei noch bei niedrigen 20.000; sie ist seither auf 160.000 gestiegen. In allen anderen EU-Ländern liegt die Zahl der syrischen Flüchtlinge wesentlich darunter.

Über welche Routen flohen die Flüchtlinge?

Die meisten Syrer, die sich auf den Weg nach Europa gemacht haben, nutzten erst die östliche Mittelmeerroute von der Türkei nach Griechenland. Von dort nahmen sie die westliche Balkanroute.

2015 wurde die Zahl derer, die über die östliche Mittelmeerroute nach Griechenland gelangt sind, auf 885.000 geschätzt, nach lediglich 51.000 im Jahr davor. 2016 waren es dann jedoch nur noch 182.000, im Jahr danach lediglich 42.000. Eine signifikante Zunahme wurde erst wieder 2019 als Folge der sich verschlechternden Situation in Syrien und Afghanistan registriert, die Zahl stieg wieder auf 82.000.

Parallel dazu hat sich der Migrationsstrom auf der westlichen Balkanroute entwickelt. Die Zahl stieg zunächst 2015 dramatisch von 43.000 auf 764.000 an; sie ging dann in den Folgejahren von 130.000 über 12.000 und 5000 im Jahr 2018 zurück. Neben Syrern benutzten vor allem Afghanen und Iraker diese Route. Neben der Schließung der westlichen Balkanroute war das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei, das am 20. März 2016 unterzeichnet wurde, der wesentliche Grund für diesen Rückgang.

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Die zentrale Mittelmeerroute von Nordafrika nach Italien hatte für syrische Flüchtlinge nie Bedeutung. Sie wurde und wird vor allem von Migranten aus Afrika benutzt. Die größten Zahlen wurden in den Jahren von 2014 bis 2016 mit 171.000, 154.000 und 181.000 registriert.

Gibt es Heimkehrer?

Die Internationale Organisation für Migration der UN (IOM) gibt die Zahl der Rückkehrer mit 173.000 an. Sie hat ihr Rückkehrprogramm aufgrund der prekären Sicherheitslage jedoch ausgesetzt. Wiederholt haben Gastländer versucht, Syrer zu einer Heimkehr zu bewegen, jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Aus dem Libanon sind nach Angaben der Regierung in Beirut in den Jahren 2018 und 2019 rund 100.000 Syrer zurückgekehrt, mehr als aus jedem anderen Land. Jordanien gibt für denselben Zeitraum die Zahl von 8000 Rückkehrern an.

Aus Deutschland kehrten etwa 800 Syrer zurück, ausgestattet mit einer Starthilfe von jeweils 3500 Euro. Die meisten ließen sich, weil sie Gegner des Assad-Regimes sind, in der Rebellenprovinz Idlib nieder, und sehr viele bereuten, so Presseberichte, ihre Rückkehr.

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Luftangriffe,Trümmer, Flucht
Das Elend von Idlib
Video: AFP, Bild: EPA

Einer Rückkehr steht neben der Sicherheitslage entgegen, dass das Assad Regime eine solche verhindern will. So erleichtert das Dekret Nr. 10 vom April 2018 die Enteignung von Besitz von Syrern, die das Land verlassen haben. Das Regime fühlt sich umso sicherer, je mehr Gegner das Land verlassen haben.

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In welchen Landesteilen Syriens lebt es sich halbwegs sicher?

Wer unpolitisch ist und keine Kritik am syrischen Regime äußert, kann in vielen Landesteilen unbehelligt leben. Das Leben in der Hauptstadt Damaskus verläuft nahezu normal.

In neun Jahren Krieg ist die Abneigung gegen das Regime jedoch gewachsen, und die staatliche Repression hat ein nie gekanntes Ausmaß erreicht. Wer daher nicht auf dem vom Regime kontrollierten Territorium leben will, hat wenig Optionen. In Frage kommen im Wesentlichen die von den syrischen Kurden verwalteten Regionen im Nordosten Syriens mit der Hauptstadt Qamischli. Da es dort immer wieder zu Anschlägen des IS kommt, ist jedoch auch diese Region nicht sicher. Zudem fürchten arabische Syrer, dass sie von den Kurden diskriminiert werden könnten.

Die Türkei versucht, die Belastung durch die Flüchtlinge abzubauen, indem sie viele von ihnen in den Teilen in Nordsyrien ansiedelt, die ihre Armee kontrolliert. Sie hat Anfang 2018 die ehemals kurdische Provinz Afrin erobert; dort sollen seither 330.000 Syrer angesiedelt worden sein. Weitere „Sichere Zonen“ sollten mit der Operation „Euphrat-Schild“ im Jahr 2017 sowie in der „Operation Friedensquelle“ im Oktober 2019 geschaffen werden. Die Türkei warb auch international dafür, auf der Fläche der „Operation Friedensquelle“ von 120 auf 30 Kilometern, die zuvor Teil der kurdischen Selbstverwaltung war, neue Städte für Rückkehrer zu bauen, erhielt dafür jedoch keine Unterstützung.

Wo sehen die Syrer in der Türkei ihre Zukunft?

Seit der Erklärung des türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan, die Grenze nach Europa sei für Flüchtlinge offen, sind dem Aufruf vor allem Afghanen gefolgt. Die meisten der mindestens 3,6 Millionen Syrer in der Türkei leben seit mehr als vier Jahren in dem Land. Nur sehr wenige sind in Flüchtlingslagern untergebracht, die meisten haben sich in den großen Städten integriert und Türkisch gelernt. Sie haben Arbeit und Wohnungen gefunden, ihre Kinder gehen zur Schule. Für die allermeisten kommt auch eine Rückkehr nach Syrien unter einem Regime Assad nicht in Frage.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hermann, Rainer
Rainer Hermann
Redakteur in der Politik.
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