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Fähre „Raffaele Rubattino“

Flüchtlinge von der „Alan Kurdi“ auf Quarantäne-Schiff verlegt

Von Julia Anton, Hans-Christian Rößler und Matthias Rüb
Aktualisiert am 17.04.2020
 - 16:06
Das Seenotrettungsschiff „Alan Kurdi“
Die Flüchtlinge und die Besatzung des deutschen Rettungsschiffes werden nun auf das Coronavirus getestet. Das UNHCR geht davon aus, dass in den kommenden Wochen weiter Boote in Libyen ablegen werden.

Mit mehrstündiger Verspätung sind die 146 Bootsflüchtlinge, die am 6. April vor der libyschen Küste gerettet worden waren, sowie die Besatzung des deutschen Rettungsschiffes „Alan Kurdi“ auf eine italienische Fähre verlegt worden. Wie die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ berichtete, wurden sie am Freitagnachmittag auf die Fähre „Raffaele Rubattino“ der italienischen Reederei Tirrenia gebracht.

Die Fähre mit rund 290 Kabinen lag bis Freitagmittag noch im Hafen der sizilianischen Hauptstadt Palermo. Zunächst hatte es geheißen, die Fähre „GNV Azzurra“ mit gut 500 Kabinen hätte vom Hafen Bari in der süditalienischen Region Apulien nach Sizilien fahren und die Migranten übernehmen sollen. Verschiedene italienische Medien hatten von den hohen Kosten berichtet, die mit der Unterbringung der Migranten sowie auch der Besatzung auf einem großen Fährschiff für die Dauer der zweiwöchigen Quarantäne verbunden seien.

Die Migranten und die Crew der „Alan Kurdi“, die von der Regensburger Nichtregierungsorganisation Sea-Eye betrieben wird, sollen auf der „Rubattino“ zunächst einem Test auf das Coronavirus unterzogen werden. Unabhängig vom Testresultat müssen alle Personen für zwei Wochen auf dem Schiff in Quarantäne bleiben. Für die Einhaltung der einschlägigen Sicherheits- und Hygienevorschriften beim Transfer von der „Alan Kurdi“ auf das Fährschiff sowie auf der „Rubattino“ selbst sollen das Rote Kreuz und der italienische Zivilschutz sorgen.

Unterdessen machten deutsche und internationale Hilfsorganisationen die EU für den Tod von zwölf Bootsflüchtlingen auf dem zentralen Mittelmeer verantwortlich. Die Menschen seien auf einem im Meer treibenden Schlauchboot, das ungeachtet mehrerer Hilferufe tagelang alleingelassen worden sei, zu Tode gekommen beziehungsweise über Bord gegangen. Die überlebenden 56 Bootsmigranten seien schließlich von einem Fischtrawler aufgenommen und zurück nach Libyen gebracht worden, teilten die Berliner Organisationen Sea-Watch und Alarmphone mit.

UNHCR: Abfahrten werden nicht stoppen

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) geht davon aus, dass trotz der Schließung maltesischer und italienischer Häfen weiterhin Boote mit Migranten in Libyen ablegen werden. Die Situation in Libyen sei besorgniserregend, sagte Sprecher Charlie Yaxley im Gespräch mit der F.A.Z. Wegen des Coronavirus und des sich intensivierenden Konflikts bahne sich eine humanitäre Katastrophe an. „Vor diesem Hintergrund glauben wir nicht, dass die Abfahrten stoppen werden.“

Drei weitere Boote hatten am Wochenende ebenfalls vergeblich via Alarmphone um Hilfe gerufen. Auf von der Organisation auf Twitter veröffentlichten Mitschnitten berichten die Flüchtlinge, weder Wasser noch Nahrung zu haben. Während Frontex am Montag bestätigte, dass zwei der Boote es schließlich nach Italien geschafft hatten, wurde das dritte mit 43 Migranten an Bord am Montagabend von der „Aita Mari“ gerettet. Für das Schiff, das von einer spanischen Organisation betrieben wird, ist noch keine Lösung in Sicht.

Die spanische Außenministerin Arancha González Laya schloss im Gespräch mit der F.A.Z. aus, dass das spanische Rettungsschiff die Migranten nach Spanien bringt. Die Besatzung müsse sich an die Vorgaben der Behörden Maltas und an das internationale Recht halten. Dem entspreche eine Landung im weit entfernten Spanien nicht, wo der Alarmzustand herrsche: „Wir können nicht die Gesundheit und Sicherheit der Menschen garantieren. Unsere Grenzen sind geschlossen“, sagte sie der F.A.Z.

Das UNHCR verstehe, dass Italien, Spanien und Malta wegen der Corona-Pandemie in Sorge seien, so Yaxely. Ankommende Migranten könne man aber testen und in Quarantäne schicken. „Seenotrettung und das Menschenrecht auf einen Asylantrag müssen weiterhin gewährleistet werden.“ Die Rettungskapazitäten müssten dringend ausgebaut und private Seenotretter unterstützt werden.

Aus Sicht des UNHCR sei nicht hinreichend belegt, dass Seenotrettung als „Pull-Faktor“ mehr Menschen auf das Meer locke. „Die Leute sind verzweifelt. Wir hören immer wieder, dass manche lieber in Kauf nehmen, auf dem Mittelmeer zu sterben, als in Libyen zu bleiben.“ Da ihnen in Libyen Menschenrechtsverletzungen drohten, dürften sie gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention nach einer Rettung nicht in das Land zurückgebracht werden.

Laut der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität gibt es bislang 27 bestätigte Corona-Infektionen in Libyen. Das Gesundheitswesen sei einer Vielzahl an Covid-19-Fällen nicht gewachsen, so Yaxely. Insbesondere in den libyschen Flüchtlingslagern, wo Enge herrscht und es kaum Zugang zu medizinischer Versorgung oder gar fließendem Wasser gibt, wird eine schnelle Verbreitung des Virus befürchtet. Aber auch Flüchtlinge, die außerhalb der Lager lebten, befänden sich oftmals in prekären Situationen. Viele seien als Tagelöhner tätig und im Fall eines Lockdowns als erste arbeitslos. Die Mieten seien angestiegen. „Es gibt Fälle, da teilen sich zehn Personen eine Wohnung“, berichtete Yaxely.

Die Situation in Libyen ist komplex

Die Menschenrechtskommissarin des Europarats forderte am Donnerstag ebenfalls, dass trotz der Coronavirus-Krise die Seenotrettung von Migranten fortgesetzt werden müsse. Überlebende müssten in einem sicheren Hafen von Bord gebracht werden, sagte Dunja Mijatovic. Sie forderte die Mitgliedstaaten des Europarates auf, unverzüglich auf Notrufe auf See zu reagieren. „Die Covid-19-Krise kann keine Rechtfertigung dafür sein, Menschen wissentlich ertrinken zu lassen.“

Auch in der Hoffnung, die Migranten somit von der Abfahrt abzuhalten, hatte der maltesische Außenminister Evarist Bartolo bereits am Dienstag in einem Schreiben an den EU-Außenbeauftragten Josep Borrell eine „sofortige humanitäre Mission“ in Libyen gefordert. Bartolo zufolge warten derzeit mehr als 650.000 Menschen in einer zunehmend verzweifelten Lage an Libyens Küste auf eine Möglichkeit, nach Europa zu gelangen. Er schlug eine Soforthilfe in Höhe von 100 Millionen Euro vor. Mit dem Geld sollten Nahrung, Medikamente und Schutzausrüstung an die Bevölkerung und die Flüchtlinge verteilt werden. Die Hilfe könne die Menschen dazu bewegen, in Libyen zu bleiben, „statt ihr Leben auf dem Mittelmeer zu riskieren“.

Finanzielle Hilfe für humanitäre Zwecke sei willkommen, sagte Charlie Yaxely vom UNHCR im Gespräch mit der F.A.Z. Aber die Situation vor Ort sei komplex. „Die Schlepper wird das nicht aufhalten. Es ist ihr Geschäftsmodell.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Anton, Julia
Julia Anton
Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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