FAZ plus ArtikelFrankreichs Generalstabschef

„Wir müssen den Krieg vor dem Krieg gewinnen“

Von Michaela Wiegel, Paris
15.10.2021
, 12:17
Der neue französische Generalstabschef Thierry Burkhard
Europa muss sich besser gegen Cyberangriffe und Propaganda wappnen, fordert der neue französische Generalstabschef Thierry Burkhard. Und er sagt, warum Machtdemonstrationen bisweilen wichtig sind.
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Die Ära großer, kostspieliger militärischer Auslandsinterventionen wie in Afghanistan ist nach Ansicht von Thierry Burkhard vorbei. Künftig gehe es vor allem darum, den „Krieg vor dem Krieg“ zu gewinnen, sagt der neue Generalstabschef der französischen Armee, im Gespräch mit der F.A.Z. Der Fünf-Sterne-General war zweimal in Afghanistan im Einsatz. „Die Welt hat sich sehr schnell verändert“, stellt er fest. Sie sei viel gefährlicher geworden, auch wenn die meisten Europäer das ausblendeten. In der Vergangenheit sei das internationale Krisenmanagement von UN-Resolutionen bestimmt gewesen. Den Vereinten Nationen kam eine zentrale Rolle zu. „Das ist leider nicht mehr der Fall“, meint der Generalstabschef. Künftig zähle allein das Kräfteverhältnis im Krisenmanagement. Die Europäer seien deshalb zu einem schnellen strategischen Umdenken gezwungen. „Die Unterscheidung zwischen Frieden, Krise, Krieg macht keinen Sinn mehr, zumindest erlaubt sie uns nicht, die strategische Wirklichkeit zu erfassen“, sagt er.

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Was aber bedeutet das für die Krisenherde vor Europas Haustür? Bevor er auf Afrika zu sprechen kommt, will der 57 Jahre alte General über die Ostflanke der NATO reden. Er hat lange Einheiten der Fremdenlegion kommandiert, darunter viele Legionäre aus dem Osten Europas. Es stört ihn, dass die Rolle der französischen Armee in Lettland und Estland und für den Luftraum über der Ostsee kaum bekannt ist. „Frankreich interessiert sich nicht nur für die Sicherheit Afrikas“, betont er. Von den baltischen Staaten könnten alle Europäer viel lernen. Estland zum Beispiel sei in der Abwehr von Cyberangriffen vielen Europäern weit voraus und habe eine sehr klare Vorstellung davon, was der Wettbewerb mit Russland bedeute. „Wettbewerb, Anfechtung, Konfrontation“ hätten die Grenzen zwischen Krieg und Frieden verwischt. Gerade die EU, die als Rechtsgemeinschaft Wert auf klare Einstufungen lege, tut sich schwer mit diesen Grauzonen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiegel, Michaela
Michaela Wiegel
Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.
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