Schwarzer in Paris verprügelt

Innenminister gerät nach Polizeigewalt unter Druck

Von Michaela Wiegel, Paris
Aktualisiert am 27.11.2020
 - 11:47
Gérald Darmanin am Donnerstag in Paris
Vier Polizisten haben in Paris einen Schwarzen verprügelt. Präsident Macron zeigt sich „schockiert“ und stellt Innenminister Darmanin zur Rede. Der symbolisiert den Rechtsruck der Regierung und stößt in der Polizei auch auf Ablehnung.

Der französische Präsident soll „extrem schockiert“ über die Aufnahmen sein, die auf einen wehrlosen Mann einprügelnde Polizisten in Paris zeigen. Der Radiosender Europe 1 meldete am Freitag, dass Emmanuel Macron seinen Innenminister zur Rede gestellt und „exemplarische Sanktionen“ gegen die vier beteiligten Polizisten gefordert habe. Der Vorfall ereignete sich bereits am Samstagabend im gutbürgerlichen 17. Bezirk der Hauptstadt. Ein schwarzer Musikproduzent wurde vor dem Eingang seines Aufnahmestudio von einer Polizeistreife angehalten, weil er keine Schutzmaske trug. Doch statt ihm den Grund der Kontrolle zu nennen, schlugen die Polizisten sofort auf ihn ein. Was die Beamten nicht wussten: sie wurden von einer Überwachungskamera am Eingang gefilmt.

Sie beschimpften den Mann als „dreckiger Nigger“ und mit anderen rassistischen Sprüchen. Das Opfer wiederum rief lauthals um Hilfe und machte mit seinen Schreien Jugendlichen auf sich aufmerksam, die im Keller des Aufnahmestudios ein Musikvideo aufnahmen. Als sie dem Musikproduzenten Michel zur Hilfe eilten, schlugen die Polizisten auch auf sie ein, verließen dann aber die Räumlichkeiten, um Verstärkung anzufordern. Die herangerufenen Polizisten warfen eine Tränengasgranate in den Innenraum des Studios. Der Musikproduzent wurde abermals geschlagen und festgenommen. Er verbrachte trotz schwerer Verletzungen vor allem im Kopfbereich ohne medizinische Versorgung 48 Stunden in Polizeigewahrsam. Die Beamten gaben im Polizeiprotokoll an, er habe sich ihrer Dienstwaffen bemächtigen wollen und forderten Strafverfolgung wegen „Widerstand gegen die Staatsgewalt“.

Erst als die Videoaufnahmen bekannt wurden, reagierte die Staatsanwaltschaft und stellte das Verfahren gegen den Musikproduzenten ein. In einem zweiten Schritt wurde die Polizeiinspektion eingeschaltet. Die Journalistin Sophie de Ravinel der konservativen Tageszeitung „Le Figaro“, die in einer Wohnung oberhalb des Musikstudios wohnt, beschrieb den Vorfall: „Ich bin mit meinen Kindern nach Hause gekommen und habe die Schreie gehört. Ich habe die vielen Polizeiwagen gesehen und das Tränengas gerochen.“ Sie sei von den Polizisten rabiat zurückgewiesen worden, bis ihr schließlich ein Beamter sagte, es handele sich um eine Nebensächlichkeit. „Das würde ihnen nicht mal eine Kurzmeldung wert sein“, soll der Beamte gesagt haben.

Die Internetredaktion Loopsidernews stellte am Donnerstag einen Zusammenschnitt der Aufnahmen der Überwachungskamera sowie ein Interview mit dem Opfer in die sozialen Netzwerke. Die schockierenden Bilder von dem misshandelten Mann wurden mehrere Millionen Mal angesehen. Der Musikproduzent zeigte sich fassungslos über den Angriff auf ihn. Er habe zunächst geglaubt, es handelte sich um Kriminelle, die die Polizeiuniformen geraubt haben könnten. Er habe laut um Hilfe geschrien, wiederholte er mehrmals. Die Miteigentümerin des Musikstudios sagte, sie könne sich das Vorgehen nur damit erklären, dass Michel schwarz sei. Der 17. Hauptstadtbezirk gilt als ruhiges Viertel, in dem viele Familien mit Kindern wohnen.

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Innenminister Gérald Darmanin steht massiv unter Druck, da er bislang stets die Polizeipraktiken verteidigt hat. Darmanin kommt vom rechten Flügel der Republikaner, er wirkte als Sprecher Nicolas Sarkozys im Vorwahlkampf, als dieser sich mit einem rechtslastigen Programm um die Präsidentschaftsinvestitur bewarb. 2017 schloss er sich Macron an und wurde mit dem Posten des Haushaltsministers belohnt. Seine Nominierung zum Innenminister wurde als Zeichen gedeutet, dass Macron die Wählerschaft Marine Le Pens mit ihm umwerben wolle.

Doch nun sind auch in den eigenen Reihen viele empört über den Rechtsruck, für den Darmanin steht. Darmanin sprach dem umstrittenen Polizeipräfekten von Paris sein Vertrauen aus, nachdem schon die aggressiven Entgleisungen mehrerer Polizeibeamter gegen Migranten und Journalisten in Paris bekannt geworden waren. Als Dienstherr der Polizei wirkte es so, als habe Darmanin den Sicherheitskräften einen Freibrief erteilt. Das eckt zusehends auch in der Polizeihierarchie an. Die linksgerichtete Zeitung „Libération“ zitiert ohne Namensnennung einen hohen Polizeibeamten: „Es gibt ein enormes Problem der öffentlichen Sicherheit in Paris. Dieses Land steht vor dem Untergang, man hat den Eindruck, wir seien in Ungarn. Macron ist bereit, unsere Demokratie zu beschmutzen, um seinen Ringkampf mit Marine Le Pen zu gewinnen. Ich schäme mich.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiegel, Michaela
Michaela Wiegel
Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.
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