Franziskus besucht Roma

Der Papst zu Gast im Ghetto

Von Matthias Rüb, Košice und Niklas Zimmermann
14.09.2021
, 21:33
Papst Franziskus am Dienstag in der Roma-Siedlung in Košice
Franziskus besucht in der Slowakei eine der größten Siedlungen von Roma in Europa und fordert ein Ende der Diskriminierung. Viele Slowaken aber schämen sich für den Besuch des Papstes in der Elendssiedlung.

Sehr deutlich hat sich Papst Franziskus bei seinem Besuch in der Slowakei gegen Ausgrenzung und Diskriminierung gewandt. „Zu oft seid ihr Gegenstand von vorgefassten Meinungen und erbarmungslosen Urteilen, diskriminierenden Stereotypen, diffamierenden Worten und Gesten“, sagte das Kirchenoberhaupt am Dienstagnachmittag den Angehörigen der Roma-Minderheit, die er in der Plattenbausiedlung Luník IX im ostslowakischen Košice besucht hatte. Zugleich mahnte der Heilige Vater auch die Bewohner. Zum friedlichen Zusammenleben zwischen der Mehrheitsbevölkerung und der Minderheit führe allein Integration, sagte er.

Das Viertel Luník IX, das der Papst am Dienstagnachmittag besuchte, genießt keinen guten Ruf. Nicht in Košice, mit rund 240.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Slowakei, nicht in der gesamten Republik, nicht in Europa. Denn es ist eine der größten Roma-Siedlungen des Kontinents. Mehr als 6000 Roma leben in diesem Ghetto, genau weiß es niemand. Neunzig Prozent von ihnen haben keine feste Arbeit, die meisten leben von der kärglichen Sozialhilfe und vom Kindergeld. Die Lebensbedingungen hier als prekär zu bezeichnen wäre ein Euphemismus. In Luník IX herrscht das schiere Elend. Nicht in allen der Plattenbau-Wohnblocks aus sozialistischer Zeit, aber in den allermeisten von ihnen

Gescheitertes Sozialexperiment aus kommunistischer Zeit

An den Tagen vor dem Papstbesuch vom Dienstagnachmittag waren allerlei Vorbereitungen getroffen worden. Man hatte das Gras gemäht, Müll abgefahren und Unrat eingesammelt, Straßen und Gehwege gefegt. Was sich in der Kürze aber nicht beseitigen ließ, das war der Fäkaliengeruch, der auch am Tag des Papstbesuches aus manchem Hauseingang drang und über dem Rinnsal entlang der vierspurigen Straße lag. Das Viertel Luník IX entsprang Ende der Sechzigerjahre den Köpfen der Stadtplaner und „Sozialingenieure“ der damaligen sozialistischen Tschechoslowakei. Die halbsesshaften Roma, so die Idee, sollten aus ihren Barackensiedlungen vor den Toren des Schwerindustrie-Standorts in moderne Plattenbauwohnungen am Stadtrand umgesiedelt werden, um sich dort in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren.

Riesiges Interesse: Roma warten auf die Ankunft von Papst Franziskus in der Siedlung Luník IX in Košice.
Riesiges Interesse: Roma warten auf die Ankunft von Papst Franziskus in der Siedlung Luník IX in Košice. Bild: EPA

Die Wohnungen in dem Neubauviertel, benannt nach den sowjetischen Luník-Mondsonden der Fünfzigerjahre, wurden zunächst nur zu einem guten Drittel Roma-Familien zugeteilt. Der Rest ging an Armee- und Polizeiangehörige sowie an Stahlarbeiter. Doch das Sozialexperiment zur Einhegung der Roma, deren Lebensweise routinemäßig mit Armut und Unrast assoziiert wurde, mittels Sicherheitskräften und deren Familien im Plattenbau war von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Noch zu Spätzeiten des Sozialismus zogen die Soldaten-, Polizisten- und Arbeiterfamilien fort, immer mehr Romas zogen zu.

Nach dem Fall des Kommunismus von 1989 setzte sich die Ghettoisierung des ursprünglich für 2000 Einwohner geplanten Modellviertels ungebremst fort. Die Einwohnerzahl schwoll rasch auf das Dreifache der errechneten Kapazität an. Weil die Ärmsten der Armen unter den Roma die Strom-, Gas- und Heizungsrechnungen für ihre Wohnungen nicht bezahlten, wurde von den Stadtwerken in ganzen Blocks die Versorgung abgestellt.

Kinder hatten schon Tage vor dem Besuch „pápež“ gerufen

Die innere Segregation von Luník IX ist leicht zu erkennen. In den „besseren“ Wohnblocks nahe der Straße ist auf fast jedem Balkon eine Satellitenschüssel angebracht, mitunter steht ein Gefrierschrank daneben, auf den Parkplätzen sind Mittelklassewagen geparkt. In den Blocks ohne Strom- und teils auch ohne Wasserversorgung sammeln die Leute im angrenzenden Wald Zweige und Äste für die anstehende Heizperiode.

Neugierige Kinder: Die Jüngsten konnten die Ankunft von Papst Franziskus in ihrem Viertel kaum erwarten.
Neugierige Kinder: Die Jüngsten konnten die Ankunft von Papst Franziskus in ihrem Viertel kaum erwarten. Bild: AFP

Die jungen Beamten von der Bereitschaftspolizei, die zur Bewachung der Gerätschaften im Pfarrhof von Luník IX abkommandiert waren, wollten zwar nichts zur Bedeutung des Papstbesuchs in der Slowakei und in Košice sagen. Die meisten Leute im Viertel hießen den Papstbesuch gut, auch wenn nur wenige die Hoffnung auf unmittelbare Verbesserungen äußerten. Die Kinder des Viertels jedenfalls hatten schon Tage vor dem Besuch unentwegt „pápež“ (Papst) gerufen, wenn sie jemand „von draußen“ in ihrem Viertel ausmachten.

Stadtteil-Bürgermeister Marcel Šaňa, der in Luník IX aufgewachsen ist und vor sieben Jahren als erster örtlicher Roma mit Universitätsabschluss in sein Amt gewählt wurde, bezeichnete den Besuch von Papst Franziskus als „große Ehre für uns“ und als wichtiges „Zeichen der Unterstützung für die sozial Benachteiligten“. Šaňa wird im Viertel und in ganz Košice weithin gelobt für seine Arbeit in Luník IX. Müllabfuhr und Straßenbeleuchtung funktionieren meist, mehr Kinder besuchen die örtliche Grundschule und den Kindergarten, die Sicherheitslage hat sich dank der Installation von Überwachungskameras verbessert.

Schon seit 2008 gibt es die katholische Pfarrei „Don Bosco“ der Salesianer in dem Viertel. Peter Žatkulák ist einer von vier Priestern der Pfarrei. „Man hat vor der Segregation der Roma lange die Augen verschlossen“, klagt der Pater, nun sei es an der Zeit für einen Neubeginn zwischen der Bevölkerungsmehrheit und der Minderheit der Roma. „Papst Franziskus verkörpert den Brückenbau zwischen den Wohlhabenden und jenen, die Hilfe brauchen“, sagt Žatkulák.

Viele Slowaken bestreiten Diskriminierung von Roma

In der Slowakei selbst kam der Besuch des Papstes in der berüchtigten Siedlung nicht überall gut an. „Gibt es keinen würdigeren Ort als Luník?“, schrieb vor dem Besuch ein früherer slowakischer Parlamentspräsident in den sozialen Medien. Ondrej Ficeri von der Slowakischen Akademie der Wissenschaften sagt, viele Slowaken hätten „sich dafür geschämt, dass der Papst dieses stigmatisierte Viertel besucht“ habe. Hinter dieser Scham steckt nach Überzeugung Ficeris die irrige Überzeugung der meisten Slowaken, dass die Roma im Land, die fast zehn Prozent der 5,5 Millionen Einwohner der Slowakei stellen, nicht unter systemischer Diskriminierung litten, sondern ihr Los selbst bestimmen könnten.

Dabei ist in der Hauptstadt Bratislava der einst von plumper Stimmungsmache geprägte Ton gegenüber den Roma zuletzt etwas freundlicher geworden. Die liberale Präsidentin Zuzana Čaputová empfing Vertreter der Roma-Gemeinschaft auch schon im Präsidentenpalast, und die aktuelle konservativ-liberale Regierung nimmt zumindest das historische Gedenken an den Roma-Holocaust ernst. Das ändert aber nichts daran, dass nicht nur in Luník IX die Zustände so elendig sind wie an kaum einem Ort in Europa. Laut einer Studie aus dem Jahr 2010 sind 87 Prozent der slowakischen Roma armutsgefährdet, während das in der Gesamtbevölkerung nur 13 Prozent sind.

Nach dem schon vorab viel diskutierten Auftritt des Papstes im Roma-Viertel gestaltet sich das für diesen Mittwoch vorgesehene Programm eher unspektakulär. Franziskus wird am Vormittag den Wallfahrtsort Šaštín im Westen der Slowakei besuchen und danach zurück nach Rom fliegen. Vor seiner Visite in dem Land war spekuliert worden, ob der Papst den von seinem Vorgänger Benedikt XVI. unter umstrittenen Umständen seines Amtes enthobenen Erzbischof Róbert Bezák rehabilitieren wird. Tatsächlich hat Franziskus diesen am Montag in Bratislava getroffen. Bezák sagte der Zeitung Denník N, der Papst habe ihm seinen Bischofsring zürückgegeben. Zugleich erklärte Bezák, welcher der liberalen Präsidentin Čaputová nahesteht und bei konservativen Katholiken schlecht gelitten ist, er wolle keine Diözese mehr übernehmen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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Niklas Zimmermann
Redakteur in der Politik.
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