Friedensnobelpreisträger

Zwei Stachel im Fleische der Mächtigen

Von Till Fähnders, Singapur und Friedrich Schmidt, Moskau
08.10.2021
, 14:05
Mutige Journalisten: Dmitrj Muratow und Maria Ressa
Zwei Vertreter einer in vielen Ländern der Welt bedrohten Art bekommen in diesem Jahr gemeinsam den Friedensnobelpreis: Maria Ressa von den Philippinen und Dmitrij Muratow aus Russland stehen für unabhängigen Journalismus.
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Maria Ressa, vor 58 Jahren in Manila geboren, ist die mutige Chefin des Online-Nachrichtenportals Rappler. Sie wurde wegen ihrer Kritik an dem blutigen Drogenkrieg des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte zum Ziel einer Verfolgungskampagne, die unter anderem mit juristischen Mitteln geführt wurde. In den sozialen Medien wurde Ressa zudem von Dutertes Anhängern mit wüsten Beschimpfungen attackiert.

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Dem Portal, das sie im Jahr 2012 mitgegründet hatte und dessen Chefin sie seither ist, war schon im Jahr 2018 die Lizenz entzogen worden. Es hatte kritisch über die Anti-Drogen-Krieg des Präsidenten berichtet, in dessen Verlauf Tausende bis Zehntausende Menschen von der Polizei und verdeckten Todeskommandos getötet worden sein sollen.

„Tod durch tausend Schnitte“

Immer wieder hatten Duterte und sein Regime die Journalistin festgenommen und neue Verfahren vor Gericht angestrengt. Das Vorgehen von Duterte gegen sie und ihr Onlinemagazin Rappler hat sie einmal als „Tod durch tausend Schnitte“ bezeichnet. Unter anderem wurde sie im vergangenen Jahr wegen Verleumdung verurteilt.

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Maria Ressa, die viele Jahre für den Sender CNN tätig war, gehört zu den bekanntesten Journalistinnen des Landes. Sie wurde auf den Philippinen geboren, zog mit ihren Eltern aber in die Vereinigten Staaten, als der Diktator Ferdinand Marcos den Ausnahmezustand über das Land verhängt hatte. In Amerika studierte sie an der Universität Princeton, bevor sie auf die Philippinen zurückkehrte. Im Jahr 2018 erhob das Magazin Time sie aufgrund ihres Eintretens für Pressefreiheit und Demokratie zu einer Person des Jahres. Die Philippinen liegen in der Rangliste für Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen mittlerweile auf Platz 138 von 180.

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Menschenrechtler sahen in der Verfolgung Ressas das Vorgehen eines immer autoritärer agierenden Präsidenten. Neben Rappler verlor auch der Fernsehsender ABS-CBN seine Sendelizenz. Der 76 Jahre alte Präsident hat erst vor einigen Tagen seinen Rückzug aus der Politik mit Auslaufen seiner Amtszeit im kommenden Jahr angekündigt. Duterte darf laut Verfassung nicht ein zweites Mal für das Amt kandidieren. Am Freitag hat der frühere Polizeichef und Senator Ronald „Bato“ dela Rosa seine Kandidatur für das Präsidentenamt offiziell eingereicht. Er gilt als einer der Hauptverantwortlichen für den Drogenkrieg des Präsidenten.

Über „Trollfabriken“ berichtet

Dmitrij Muratow, der russische Preisträger, wurde vor bald 60 Jahren in Kujbyschew, dem heutigen Samara, an der Wolga geboren. Er ist einer der Gründer der im Ausland wohl bekanntesten russischen Zeitung, der Nowaja Gaseta. Seit 1995 ist Muratow, mit kurzer Unterbrechung von Ende 2017 bis 2019, auch Chefredakteur der „neuen Zeitung“. Der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow, ein treuer Partner und Aktionär des unter Journalisten und Intellektuellen liebevoll Nowaja genannten Blattes, schenkte der Redaktion zum Start 1993 mit seinem eigenen Friedensnobelpreisgeld acht Computer. Muratow ermöglicht, dass die Nowaja Gaseta trotz zahlloser Widrigkeiten weiter Enthüllungen veröffentlicht, die den Reichen und Mächtigen missfallen.

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Nobelpreisträger von 1901 bis 2021

Das ist angesichts von immer mehr Gleichschaltungen, erst im vergangenen Jahr der Zeitung Wedomosti, ein beeindruckendes Verdienst. Viele von Russlands besten Investigativjournalisten arbeiten für die Nowaja oder haben für sie gearbeitet. Die Begründung des Nobel-Komitees listete einige der Themen auf, denen sich die Zeitung widmet: Korruption, Polizeigewalt, widerrechtliche Festnahmen, Wahlmanipulationen, „Trollfabriken“ von Internethetzern, Russlands Truppeneinsätze im In- und Ausland. Und immer wieder Tschetschenien, Gewalt und Willkür in der Nordkaukasus-Teilrepublik.

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Die Gefahren verdeutlicht, dass Muratow schon sechs Kollegen – so die Zählung der Zeitung, der nun auch das Nobel-Komitee folgte – begraben musste, die ermordet wurden. 2003 starb sein Stellvertreter Jurij Schtschekotschichin offiziell an einem allergischen Schock, vermutlich aber an einer Vergiftung. Am 7. Oktober 2006 wurde Anna Politikowskaja, die selbst eine Vergiftung überlebt hatte, im Aufzug ihres Moskauer Wohnhauses erschossen; auch das Nobel-Komitee nannte nun ausdrücklich diese ermordete Journalistin.

Muratows Kollegen leben gefährlich

Ein Auftraggeber der Tat wurde nie ermittelt und könnte sich seit Donnerstag, Politkowskajas 15. Todestag, offiziell auf Verjährung berufen. Zu diesem Anlass veröffentlichte die Nowaja Gaseta eine Zeitungsausgabe mit dem Bild ihrer berühmten Tschetschenien-Reporterin auf der Titelseite, ein Buch („Dafür“) sowie einen Film, „Wie sie Anna töteten“, und äußerte sich überzeugt, dass die Staatsmacht, deren Agenten und Polizisten Komplizen der Täter waren, alles daran gesetzt habe, die Ermittlungen ins Leere laufen zu lassen.

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Auch heute leben Muratows Kollegen, die sich mit Themen wie in Tschetschenien oder mit Jewgenij Prigoschin – jenem regimenahen Unternehmer, dem Söldner und „Trolle“ zugeordnet werden – befassen, sehr gefährlich, werden angegriffen und bedroht. So wirkte die Erinnerung an Politkowskaja mitten in einer neuen, noch härteren Repressionswelle gegen Russlands unabhängige Journalisten auch wie eine Selbstvergewisserung, nicht allein auf der richtigen Seite zu stehen. ancher mag nun in Russland hoffen, dass der Friedensnobelpreis für Muratow die Nowaja Gaseta davor bewahrt, ebenfalls der „Bereinigung“ der Medien zum Opfer zu fallen. Denn immer mehr Journalisten werden zu „ausländischen Agenten“ erklärt, unter ihnen Roman Anin, ein früherer Investigativreporter der Nowaja, und dessen von ihm seither aufgebautes Onlinemedium Waschnyje Istorii (Wichtige Geschichten). Russland liegt in der Rangliste von Reporter ohne Grenzen auf Platz 150; es dürfte noch schlimmer werden.

Das Komitee hob hervor, „ungeachtet der Morde und Bedrohungen, verzichtete Chefredakteur Muratow nicht auf das Prinzip der Unabhängigkeit und schützte konsequent das Recht von Journalisten, über ihre ausgewählten Themen zu schreiben, solange es der Professionalität und den ethischen Standards des Journalismus entspricht“. Muratow selbst kündigte an, er werde einen Teil des Geldes aus dem Nobelpreis einer Stiftung spenden, die Kindern mit seltenen, schweren Erkrankungen hilft. Deren Schicksale stellt seine Zeitung regelmäßig vor und wirbt um Spenden, welche die Familien dringend brauchen, um ihre Kinder zu retten.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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