Gaza-Konflikt

Hoffnung nach den Bombennächten

Von Hans-Christian Rößler, Gaza
25.11.2012
, 17:11
Ausweitung der Fangzone: Die Fischer im Hafen von Gaza dürfen jetzt doppelt so weit aufs Meer hinausfahren, um ihre Netze auszuwerfen
Nach dem Waffenstillstand freuen sich die Menschen in Gaza über erste Lockerungen der israelischen Blockade. Die Einwohner finden sich in den Alltag zurück - und hoffen auf Ruhe.
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Seit 56 Jahren fährt Mahmud al Azzi hinaus aufs Meer. Das Gesicht des Fischers ist von Sonne und Wind gegerbt. Er hat schon viel vor der Küste des Gazastreifens erlebt, trotzdem ist er aufgeregt. Am Kai des kleinen Hafens von Gaza-Stadt laufen die Schiffsmotoren warm. Die letzten Netze werden verstaut, während die ersten Boote gegen die Wellen des Herbststurms ankämpfen. „Bis heute ging es uns von Jahr zu Jahr schlechter. Jetzt stechen wir voller Hoffnung in See“, sagt der 67 Jahre alte al Azzi, der auch Vorsitzender der Fischervereinigung im Gazastreifen ist.

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Die israelische Blockade hatte die 3700 Fischer in Gaza besonders hart getroffen: Seit mehreren Jahren durften sie nur in einem etwa drei Seemeilen breiten Streifen vor der Küste ihre Netze auswerfen. Die küstennahen Gewässer waren bald überfischt; viele Fischer verarmten oder verloren ihre Arbeit. Seit Samstag dürfen sie doppelt so weit herausfahren, sechs Seemeilen, etwa 11 Kilometer. Es sei das erste und sicher nicht das letzte Zugeständnis, das man Israel in den Verhandlungen über die seit Mittwoch geltende Waffenruhe in Gaza abgerungen habe, teilte die Hamas stolz mit. „So hat der Krieg am Ende doch etwas Gutes“, sagt der Fischer Salah abu Riala. Besorgt blickt er zu den schwarzen Wolken auf, die sich am Horizont zusammenballen. Bis zum Wochenende musste er die Schnellboote der israelischen Marine im Auge behalten, deren Soldaten oft schon das Feuer eröffneten, wenn Fischer sich der Grenze der Drei-Meilen-Zone näherten.

Kein Interesse daran, dass wieder Raketen fliegen

Den Bauern im Osten des Gazastreifens ging es bis zum Wochenende ähnlich. Einige von ihnen wagten sich dennoch wieder auf ihre Felder direkt neben dem israelischen Grenzzaun. Die israelische Armee hat dort eigentlich einen 300 Meter breiten Streifen zu einer „Sicherheitszone“ erklärt, die kein Palästinenser betreten darf. Manchmal schossen Soldaten schon, wenn Bauern einen halben Kilometer entfernt waren. Am Sonntagmorgen trauten viele Menschen in Gaza ihren Augen nicht, als sie auf Fotos sogar Hamas-Polizisten sahen, die in Sichtweite der israelischen Armee auf der palästinensischen Seite des Zauns patrouillierten - um dafür zu sorgen, dass die Waffenruhe eingehalten werde, teilte das Innenministerium in Gaza mit. Am Freitag hatten israelische Soldaten noch einen palästinensischen Demonstranten erschossen, der auf dem Zaun eine Hamas-Fahne anbringen wollte.

Kriegserfahrenes Gaza: Ein Mann in den Trümmern seines Hauses
Kriegserfahrenes Gaza: Ein Mann in den Trümmern seines Hauses Bild: REUTERS

In Gaza wird nun darüber gerätselt, ob Israel all das der Regierung in Gaza gestattet hat oder ob die Hamas testet, wie weit sie gehen kann, und versucht, Tatsachen zu schaffen. In Kairo sollen an diesem Montag die Verhandlungen über die letzten Details der Waffenruhe weitergehen. Dann treffen sich wieder Unterhändler von Hamas und Israel mit den ägyptischen Vermittlern.

Die von der Hamas geführte Regierung hat offenbar kein Interesse daran, dass wieder Raketen fliegen. „Es ist die Pflicht eines jeden, die Ruhe einzuhalten, die unsere ägyptischen Brüder vereinbart haben“, ordnet eine Fatwa an, die das Religionsministerium am Sonntag veröffentlichte. Den Wunsch nach Ruhe teilen viele Menschen in Gaza. Sie haben nach acht unruhigen Bombennächten erst einmal ausgeschlafen. Am Samstag öffneten dann wieder die Schulen. Die Mädchen mit knöchellangen dunklen Kleidern und weißen Kopftüchern würdigen auf dem Heimweg die Ruine des Innenministeriums neben ihrer Schule schon keines Blickes mehr. Die Einwohner Gazas haben gelernt, in kürzester Zeit in den Alltag zurückzufinden. Auf dem Trümmerfeld, auf dem einst das Regierungsgebäude stand, machen sich schon die Bauarbeiter ans Werk. Es ist übersät von Fetzen alter Akten und Formulare. „Wir bauen auf, selbst wenn die Israelis hinterher wieder alles zerstören. Wir geben niemals auf“, sagt ein Arbeiter. Mehr als 50 Gebäude wurden nach einer Aufstellung der Hamas-Regierung beschädigt, 165 Menschen getötet und 1222 verletzt.

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„Gegen die israelische Besatzung hilft nur Widerstand“

So hat auch der Hamas-Politiker und Regierungssprecher Taher al Nunu kein Büro mehr. Aber er ist trotzdem mit dem Ausgang des jüngsten Schlagabtausches mit Israel zufrieden. „Das Abkommen über die Waffenruhe ist sehr gut für uns“, sagt er. Sein Schreibtisch stand im Amtssitz von Ministerpräsident Ismail Hanija, bis ein israelischer Luftangriff das Gebäude dem Erdboden gleichmachte. Nunu erwartet, dass sich bald auch die Grenzen zu Israel und Ägypten für Menschen und Güter weiter öffnen. Dabei werde die Hamas aber auch in der Zukunft nicht darauf verzichten, sich weiter mit Waffen zu versorgen: „Davon steht nichts im Abkommen. Wenn Israel seine Kampfflugzeuge und Panzer zerstört, werden wir das auch tun“, sagt Nunu. Mit markigen Worten sparte die Hamas schon früher nicht. Der jüngste Waffengang hat ihr Selbstbewusstsein weiter gestärkt.

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Regierungssprecher Nunu hat Mahmud Zahar ins Commodore-Hotel am Strand begleitet. Sieben israelische Flugzeuge hätten Hamas-Kämpfer über Gaza abgeschossen, brüstet sich der frühere palästinensische Außenminister, der dem Politbüro der Hamas angehört. Für die Pressekonferenz hat er einen grauen Anzug mit dezent gepunkteter Krawatte angezogen. Israel sei so sehr von der palästinensischen Gegenwehr überrascht gewesen, dass es nicht gewagt habe, in Gaza einzumarschieren. „Jetzt werden die Juden zweimal überlegen, bevor sie Iran angreifen“, droht er am Samstag und dankt Teheran, dass es die Hamas mit Waffen versorge. Nicht weniger hart geht Zahar mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas um. Er habe den Fatah-Führer vor einem Gericht in Gaza angeklagt, weil er Kompromisse beim Rückkehrrecht der Palästinenser machen wolle. „Gegen die israelische Besatzung hilft nur Widerstand, und Verhandlungen helfen nicht“, sagt Zahar, der in der Hamas den Hardlinern zugerechnet wird.

Dabei hatte es für kurze Zeit so ausgesehen, als habe die israelische Militäraktion die politischen Rivalen von Hamas und Fatah näher zusammenrücken lassen. Zur Siegesfeier am Donnerstag lud Hanija den persönlichen Gesandten von Abbas, Nabil Schaath, ein. Gelbe Fatah-Fahnen wehten neben grünen Hamas-Flaggen. Kurz darauf meldete dann noch eine Nachrichtenagentur aus Ramallah, dass die Hamas jetzt auch den Antrag unterstütze, den Abbas am Donnerstag bei der UN-Vollversammlung stellen werde, um Palästina zu einem Beobachterstaat aufzuwerten. Doch so weit geht die neue Nähe doch nicht.

Kleine Explosionen aus erfreulichem Anlass

„Über die UN-Bewerbung wurde in dem Telefongespräch am Donnerstag mit keinem Wort gesprochen. Abbas gratulierte nur zu unserem Sieg“, sagt Regierungssprecher Nunu verärgert. Natürlich hätten die Palästinenser das Recht auf einen eigenen Staat, aber nicht in den engen Grenzen von 1967, wie sie Abbas akzeptiere, und schon gar nicht, ohne dass die Fatah erst mit der Hamas verhandle.

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Den Fischer Daud Bakr interessieren solche Streitigkeiten nicht. Dem Mann mit dem dichten grauen Bart geht es einzig um den Fang seines Kutters „Hadschi Mohammed“. Die Ausbeute der 14 Besatzungsmitglieder am Sonntagmorgen war gut, aber er erwartet, dass sie bald noch größer ausfallen wird. „Weiter draußen ist es möglich, viermal so viel Fisch zu fangen wie bisher. Wir müssen erst wieder herausfinden, wo die Fischschwärme sind“, sagt er. Einige Fischer seien in der Nacht sogar noch weiter gefahren, ohne dass ihnen etwas geschehen sei, erzählt man im Hafen. Auch Daud Bakr hofft, dass das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen sei und die Zone noch weiter ausgeweitet werden könne. „Wenn es ruhig bleibt, wird es sicher schnell mehr“, sagt er. Das Oslo-Abkommen mit Israel gesteht den Palästinensern eigentlich eine rund 20 Meilen breite Fischereizone zu.

So haben an diesem Wochenende auch die kleinen Explosionen, die in der Nacht in Nähe des Hafens zu hören waren, einen erfreulichen Anlass. Im „Love boat“, dem neuesten Lokal am Strand, wurde eine Hochzeit mit einem Feuerwerk gefeiert. Das Brautpaar musste warten, bis die Waffen schwiegen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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