FAZ plus ArtikelMenschen bewerten in China

Denk an dein Rating!

Von Friederike Böge
03.10.2018
, 11:40
Nur nicht zu sehr auffallen: In China wird das eigene Leben maßgeblich von Sozialpunkten bestimmt.
Wer viele Punkte sammelt, kann seine Kinder auf eine gute Schule schicken. Und einen tollen Partner kriegen. In China bestimmen Nachbarn über die Zukunft der Menschen mit. Die meisten Chinesen finden das gut. Warum?
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In der südchinesischen Gemeinde Qingzhen entscheiden die Nachbarn mit darüber, ob ein Bauer einen Kredit oder Zuschuss vom Staat erhält. Regelmäßig werden die Bewohner eines Viertels zusammengerufen, um sich gegenseitig zu bewerten: Ist die Familie streitlustig? Wie steht es mit der Arbeitsethik? Wird der Müll ordentlich entsorgt? Gibt der Betreffende unangemessen viel Geld für Hochzeiten und Beerdigungen aus? Wer gegen die bäuerlichen Normen verstößt, bekommt Punktabzug. Wenn er Pech hat, wird er öffentlich bloßgestellt. In das Rating der Bewohner fließen noch andere Faktoren ein, die aus den Daten verschiedener Behörden zusammengetragen werden: Hat eine Familie die zulässige Höchstzahl an Kindern überschritten? Hat eine Person gegen Bauvorschriften verstoßen? Im Internet „Gerüchte“ verbreitet? Oder Blut gespendet?

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„Ehrliches Qingzhen“ heißt das Programm. Es ist eines von Dutzenden lokalen Pilotprojekten, die von der Zentralregierung gefördert werden. Sie alle dienen einem Ziel: ein landesweites „Sozialkreditsystem“ aufzubauen. Wenn es fertig ist, soll für alle Bürger, Unternehmen und Organisationen ein integrierter Datensatz mit einem Rating vorliegen. Bei positiver Bewertung winkt der erleichterte Zugang zu staatlichen Ressourcen. Bei Negativwerten drohen Einschränkungen der Konsumfreiheit. Wann es so weit sein wird und wie das System am Ende genau aussehen wird, lässt sich noch nicht sagen.

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Quelle: F.A.S.
Friederike Böge
Friederike Böge
Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.
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