20 Jahre nach 9/11

Gibt das Scheitern in Afghanistan dem globalen Dschihad Auftrieb?

Von Christian Meier
12.09.2021
, 22:24
Taliban-Kämpfer am Flughafen von Kabul im September 2021
Seit zwanzig Jahren gibt es einen Krieg gegen den Terror. Wie groß ist die Gefahr heute, wo Islamisten den Machtwechsel in Afghanistan als Blaupause für ihre Ambitionen bejubeln?
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Zur Symbolik kam die Aktualität: Als wäre der zwanzigste Jahrestag des 11. Septembers nicht ohnehin ein Grund zur Freude für Islamisten und Amerika-Hasser, hat das dramatische Scheitern in Afghanistan das Triumphgefühl noch einmal erhöht. Schließlich hing alles miteinander zusammen: 9/11, Osama Bin Laden, der Krieg am Hindukusch, die Taliban, Al-Qaida. Und nun sieht es so aus, als sei auf Amerikas schwerste Stunde mit zwei Jahrzehnten Verzögerung die schwerste außenpolitische und militärische Schmach des Westens gefolgt.

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Die Frage ist: Wird das auch dem globalen Dschihad wieder Auftrieb geben? Bin Laden ist zwar seit zehn Jahren tot, sein Nachfolger blass geblieben, und spektakuläre Anschläge in westlichen Metropolen hat es seit einiger Zeit nicht mehr gegeben. Aber der Blick auf den Globus zeigt, dass die Ideologie des Heiligen Krieges höchst lebendig ist – und die Praxis ebenso. Sie hat sich seit 2001 aber verändert: Die Dschihad-Szene hat sich diversifiziert und ihre Ansätze verändert, als Reaktion auf den Antiterrorkampf. Heute konzentrieren sich die meisten dschihadistischen Akteure darauf, lokale Instabilitäten auszunutzen und in Lücken vorzustoßen, die sich durch schlechte Regierungsführung aufgetan haben.

Die Führung von Al-Qaida gratulierte den Taliban

So hat sich auch der Wiederaufstieg der Taliban abgespielt. Korruption, Machtmissbrauch und die Zusammenarbeit der westlichen Mächte mit den alten Warlords bereiteten den Boden für die Propaganda der islamistischen Aufständischen, sie könnten das Land besser regieren als die „Marionettenregierung“ in Kabul. Jetzt müssen die Taliban sich beweisen.

Islamisten in aller Welt haben den Machtwechsel in Afghanistan jedoch schon bejubelt – als Schlag gegen den Westen und als Blaupause für ihre eigenen Ambitionen. Die Führung von Al-Qaida gratulierte den Taliban zum „großen Sieg“ und schrieb in einer Mitteilung, er sei der „Auftakt“ für weitere Erfolge der Muslime anderswo und das Ende der „amerikanisch-europäischen Arroganz“. Ein führendes Mitglied der syrischen Dschihad-Gruppe Hai’at Tahrir al-Scham (Komitee zur Befreiung der Levante) schrieb ein Gedicht anlässlich des Einmarschs in Kabul. Und Abu Maria al-Qahtani, ein anderer Anführer der militanten Islamisten, rief dazu auf, eine „islamische Achse“ zu bilden mit den Taliban sowie Pakistan und der Türkei.

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Al-Qaida in Afghanistan geschwächt

Der psychologische Effekt des Sieges der Taliban ist nicht zu verkennen und sollte auch nicht unterschätzt werden. Aber wie groß werden die konkreten Folgen sein? Es gibt Tausende ausländische Kämpfer in den Reihen der Taliban. Und viele andere Dschihadisten, die in afghanischen Gefängnissen saßen, sind im Zuge der Taliban-Eroberungen freigekommen. Sie alle könnten ihre internationalen Netzwerke jetzt besser als zuvor einsetzen und so die Dschihad-Ideologie stärken. Eine andere Frage ist, ob Afghanistan wieder ein organisatorisches Zentrum des globalen islamistischen Terrorismus sein wird wie vor zwanzig Jahren. In ihrem Abkommen mit den USA im Februar 2020 hatten die Taliban sich dazu verpflichtet, dass sie dies nicht mehr zulassen würden. Allerdings schenken die meisten Fachleute den Beteuerungen keinen Glauben. Die Verbindungen zu den in Afghanistan verbliebenen Al-Qaida-Mitgliedern gelten laut der Einschätzung von Geheimdiensten nach wie vor als eng.

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Zugleich ist die Terrororganisation dort geschwächt. Vermutlich gibt es nur noch einige Hundert Al-Qaida-Kämpfer in Afghanistan. Aiman al-Zawahiri, der Nachfolger Osama Bin Ladens an der Spitze der Dschihadisten, ist lange Zeit nicht in Erscheinung getreten. Den verbliebenen Al-Qaida-Mitgliedern werden die Taliban wohl weiter Schutz gewähren und auch einen gewissen Aktionsspielraum – aber vermutlich werden sie keine aktive Unterstützung für globale Terrorakte leisten. Das Interesse der Taliban an internationaler Anerkennung ist zu groß.

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Der „Islamische Staat“ wiederum, der mit Al-Qaida um die Führerschaft im globalen Dschihad wetteifert, ist mit den Taliban verfeindet. Sie haben den afghanischen IS-Ableger seit dessen Gründung 2015 energisch bekämpft, bisweilen sogar mit Unterstützung des amerikanischen Militärs. Der schwere Anschlag am Flughafen von Kabul Ende August, den der IS für sich reklamiert hat, war für die Taliban ein Gesichtsverlust – er hat ihr Versprechen, auf den Straßen Kabuls für Sicherheit zu sorgen, als leere Worte entlarvt.

Für Islamabad ein Albtraum

Am ehesten wird die Gruppe Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) handfeste Unterstützung aus Afghanistan erhalten. Die sogenannten pakistanischen Taliban haben zwischen 2007 und 2014 zahlreiche Terroranschläge verübt, bevor das pakistanische Militär sie zurückdrängte. In jüngster Zeit haben die Dschihadisten ihre Angriffe wieder verstärkt. Mit den afghanischen Taliban sind sie lose verbündet. Die Vorstellung, dass die TTP sichere Rückzugsgebiete auf afghanischem Territorium hat oder sogar von den Taliban unterstützt wird, ist für Islamabad ein Albtraum. Als der Chef des mächtigen Geheimdiensts ISI der Taliban-Führung in Kabul Anfang September einen Besuch abstattete, ging es laut Angaben aus Islamabad unter anderem darum, wie sichergestellt werden könne, dass „terroristische Organisationen die Situation nicht ausnutzen“. Der Pakistaner könnte die neuen Herrscher in Kabul bei dieser Gelegenheit darauf angesprochen haben, dass bei ihrem Einmarsch in Kabul auch Hunderte inhaftierte TTP-Mitglieder freigekommen waren.

Afghanistan und Pakistan werden also wohl Hotspots des Dschihadismus bleiben. Die weiteren Zentren des islamistischen Terrorismus liegen überwiegend in Bürgerkriegsländern oder anderweitig instabilen Gebieten. Dabei sind vor allem zwei Großregionen betroffen: zum einen der Nahe und Mittlere Osten und dort in erster Linie Syrien, der Irak und der Jemen. Zum anderen Afrika. Dort gibt es wiederum drei Gebiete, in denen Dschihadisten besonders aktiv sind: die westliche Sahelzone, die Region um den Tschadsee und Somalia samt den umliegenden Ländern. Der Terrorismus ist in den vergangenen Jahren aber auch bis nach Mosambik im Süden des Kontinents gelangt. Und auch Teile Südostasiens sind weiter ein Unruheherd.

Das Muster ist dabei meist das gleiche. Es sind vor allem lokale Probleme und Missstände, die von terroristischen Gruppen instrumentalisiert werden. Zu schlechter Regierungsführung kommen dabei in jüngster Zeit vermehrt Umweltprobleme, die durch den Klimawandel verursacht werden. Diese verschärfen den Kampf um Ressourcen wie Wasser, Fischgründe oder Weideland. Die Konflikte, die sich daraus ergeben, entwickeln sich aufgrund der sozialen Strukturen dann häufig zu ethnisch-religiösen Konfrontationen, etwa wenn im Sahelgebiet nomadisierende muslimische Viehzüchter und sesshafte christliche Ackerbauern um dasselbe Land konkurrieren.

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Propagandisten des Heiligen Kriegs nutzen solche Konstellationen für ihre Zwecke aus. Bei aller Konzentration auf die lokalen Umstände bedienen sie sich dabei zugleich der Symbole und Marken, die der globale Dschihadismus zur Verfügung stellt. So haben sich im Laufe der Jahre zahlreiche Terrorgruppen in Asien und Afrika Al-Qaida angeschlossen. Andere haben sich gegenüber dem IS und seinem Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi loyal erklärt. In der Regel geschieht dies durch einen Treueeid, der dann öffentlich verbreitet wird. Jenseits der deklarierten Zugehörigkeit verbindet solche Gruppen manchmal nicht viel mit der Mutterorganisation. Das „Franchise-System“ von Al-Qaida beispielsweise ist im Laufe der Jahre sehr lose geworden, sowohl organisatorisch als auch ideologisch. Dies hat dazu geführt, dass das einstige große Ziel, der Kampf gegen den „fernen Feind“ in Amerika, oft nicht mehr im Mittelpunkt steht.

Mit dem Terrorismus leben

Das ist gleichwohl keine beruhigende Nachricht für westliche Regierungen. Denn in einer globalisierten Welt wirkt sich Instabilität rasch auch auf andere Regionen aus. Im internationalen Antiterrorkampf steht der Westen aber auch vor einem Dilemma, wie sich in Afghanistan nun in aller Deutlichkeit gezeigt hat. Mischt er sich in lokale Konflikte ein, zumal mittels militärischer Präsenz, schafft oder verstärkt er möglicherweise genau die Umstände, welche Dschihad-Propagandisten dann für ihre Zwecke ausnutzen. Etwa wenn in Moscheen dagegen gepredigt wird, dass Ungläubige das Land beherrschen oder Menschenrechtsverletzungen begehen. Zieht er sich dagegen aus solchen Konflikten heraus, wie es in Afghanistan geschah oder wie Frankreich es nun teilweise in der Sahelzone anstrebt, kann rasch ein Sicherheitsvakuum entstehen.

So oder so wird der islamistische Terrorismus nicht rasch besiegt werden können. Die ersten Monate der Amtszeit Joe Bidens als amerikanischer Präsident lassen erkennen, welchen Schluss er daraus zu ziehen scheint: dass die USA sich auf ihre engeren sicherheitspolitischen Interessen und ansonsten auf die Herausforderung durch China konzentrieren sollten. Der Kampf gegen den Dschihadismus wird in Form gezielter Schläge geführt, aber nicht mehr mit einer breiten militärischen Präsenz. Das Problem soll so von der Heimat ferngehalten werden. Statt dem „Kampf gegen den Terror“, den George W. Bush vor zwanzig Jahren ausrief, lautet die neue Doktrin: mit dem Terrorismus leben – solange er nicht zu nahe kommt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Meier, Christian
Christian Meier
Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.
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