FAZ plus ArtikelSinopharm-Lieferungen

Ungarn setzt beim Impfen auf China und Russland

Von Gerhard Gnauck und Stephan Löwenstein
03.03.2021
, 21:49
Als erstes EU-Land setzt Ungarn auf Impfstoffe aus China und Russland – weil die Lieferungen über die EU-Kommission nach Ansicht Orbáns nicht schnell genug gehen. In der Bevölkerung gibt es jedoch Vorbehalte.

In Ungarn ließen sich am Wochenende Präsident János Áder und Ministerpräsident Viktor Orbán vor laufenden Kameras ihre ersten Impfinjektionen in den Oberarm geben. Einerseits, so hatte es Orbán in seiner Burghauptmannsdiktion formuliert, müssten diejenigen geschützt werden, „die die Verteidigung leiten“. Andererseits war es eine Demonstration in der Art des früheren Bundesumweltministers Klaus Töpfer, der einst zum Baden in den Rhein stieg, um die Deutschen der gesundheitlichen Unbedenklichkeit ihres Stromes zu versichern. Bei Orbán ging es nicht um ein Gewässer, sondern ein Produkt, und zwar ein chinesisches. Es war der Impfstoff von Sinopharm, den er sich verabreichen ließ.

Ungarn ist das erste Land in der Europäischen Union, das zum Impfen seiner Bevölkerung auf den chinesischen Impfstoff zurückgreift. Es orientiert sich diesbezüglich an Serbien, das das schon seit Jahresbeginn tut. Die Mengen, um die es geht, sind durchaus beträchtlich. Mitte Februar wurde eine erste Ladung mit 550.000 Dosen von Sinopharm entgegengenommen. Die ungarischen Behörden haben dafür, ebenso wie für den russischen Impfstoff Sputnik V, eine Notzulassung erteilt. Das ist mit dem EU-Recht durchaus vereinbar, wie die Europäische Kommission bestätigt hat, bedeutet aber, dass die volle Haftung beim ungarischen Staat liegt und nicht beim Hersteller.

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China exportiert Impfstoffe in 53 Staaten

China hat Lieferungen von knapp 500 Millionen Dosen Corona-Impfstoff an mindestens 45 Länder zugesagt. Nach einer Erhebung der Nachrichtenagentur AP werden in 25 dieser Länder bereits chinesische Vakzine eingesetzt. In weiteren elf Ländern seien Lieferungen eingetroffen, meldete AP am Dienstag. Die chinesische Regierung spricht von „Impfstoffhilfe“ für 53 Staaten, hat aber bisher keine Liste der Länder veröffentlicht. In geringerem Maße handelt es sich bei den Lieferungen um Schenkungen, in größerem Maße um kommerzielle Exporte, teils finanziert mittels chinesischer Kredite. Zudem haben chinesische Hersteller Lizenzen zur Produktion ihrer Präparate an Institute in mehreren Ländern vergeben, darunter Thailand, Brasilien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Vier Vakzine von drei chinesischen Herstellern sind bisher international verfügbar und in China zugelassen. Nach eigenen Angaben sind die Unternehmen in der Lage, in diesem Jahr 2,6 Milliarden Dosen zu produzieren.

Keiner der Hersteller hat bisher detaillierte Daten zur dritten Phase seiner klinischen Tests in einem Fachmagazin veröffentlicht und somit für externe Fachleute zugänglich gemacht. Zwei Unternehmen haben eine Zulassung durch die Weltgesundheitsorganisation beantragt. Zu diesem Zweck haben WHO-Fachleute Produktionsstätten in China besichtigt. Mit einer Zulassung wird im März oder April gerechnet. Peking hat den Druck auf das zuständige Gremium erhöht, indem es zehn Millionen Dosen für die Impfstoffinitiative Covax zugesagt hat. Diese können abgerufen werden, sobald die Zulassung erteilt wurde. Bei der Europäischen Arzneimittelbehörde (Ema) hat noch kein chinesischer Hersteller eine Zulassung beantragt. Im eigenen Land hat China nach offiziellen Angaben bis Ende Februar rund 52 Millionen Dosen verabreicht. Das ist die zweithöchste Zahl an Impfungen weltweit, entspricht aber nur einem Anteil von 3,6 Dosen pro 100 Einwohner. Zum Vergleich: In den Vereinigten Staaten liegt dieser Wert bei mehr als 23.

Bis Ende Juli will die Regierung auf 40 Dosen pro 100 Einwohner kommen. Dennoch wird erwartet, dass China, anders als Amerika und die EU, Herdenimmunität erst 2022 erreicht. In Peking gibt es Überlegungen, von August oder September an Reisebeschränkungen für geimpfte Amerikaner aufzuheben, sofern Washington auch geimpfte Chinesen ins Land lassen würde. Anders als in vielen westlichen Ländern hat die Volksrepublik bis zu dieser Woche nur Personen im Alter zwischen 18 und 59 Jahren geimpft. Dies entsprach den Empfehlungen der Provinzbehörden. Im Februar ergab eine Studie, die in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde, dass der Impfstoff Coronavac auch für Ältere leicht verträglich sei. (boe.)

Quelle: F.A.Z.
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Gerhard Gnauck
Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.
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