Israel und Iran

Ausweitung der Dilemmazone

Von Christoph Ehrhardt und Christian Meier
04.12.2021
, 16:53
Zu allem bereit: Israelische Artillerie feuert im August in Richtung Libanon.
Israel will eine Atommacht Iran verhindern und das Land regional eindämmen. Beides erhöht das Risiko einer umfassenden bewaffneten Konfrontation.
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Ende Oktober veranstaltete Israel eine taktische Übung, zu der Militärs führender westlicher Staaten nach Tel Aviv reisten. Codename: „Arche Noah“. Die israelischen Streitkräfte forderten ihre Partner auf, die Evakuierungspläne für ihre Staatsangehörigen in Libanon zu aktualisieren – für den Fall einer militärischen Konfrontation mit der Schiitenorganisation Hizbullah, die von Iran gelenkt wird.

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Etwa zur gleichen Zeit war das israelische Militär Gastgeber einer groß angelegten Luftwaffenübung. Kampfflugzeuge über der Negev-Wüste trainierten den Einsatz in einem imaginären „Drachenland“, das gleichwohl Assoziationen an Iran oder Syrien weckte. Wenig später wurde für die israelischen Reservisten ein plötzlicher Kriegsausbruch an der Grenze mit Libanon simuliert.

Solche Manöver dürften nicht mehr bloß als Säbelrasseln und abschreckende Botschaften abzutun sein. Denn mit dem fortschreitenden Ausbau des iranischen Atomprogramms erhöht sich das Risiko einer militärischen Konfrontation, die sich auf die gesamte Region ausweiten könnte. Die Berichte über die zähen Verhandlungen in Wien klingen wenig ermutigend. Und selbst wenn es zu einer Einigung kommen sollte, ließen sich manche der iranischen Fortschritte kaum zurückdrehen.

Das Know-how bliebe dem Regime in Teheran erhalten. Der Handlungsspielraum in der „Dilemmazone“, in der mancher Beobachter die israelische Regierung sieht, wird immer geringer. Die Strategen in Tel Aviv müssen zwei Risiken gegeneinander abwägen: das einer zunehmenden nuklearen Bedrohung – und das eines komplexen Militärschlags, um das iranische Atomprogramm maßgeblich zurückzuwerfen.

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Israels Politik baut seit Jahren darauf auf, dass die Androhung eines Schlages glaubwürdig ist. Vor einem Jahrzehnt versuchte der damalige Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, die Unterstützung des amerikanischen Präsidenten Barack Obama für solche Pläne zu gewinnen. Als das scheiterte, drohte er offen, dass Israel auch im Alleingang handeln würde.

Kann Israel alleine losschlagen?

Heute ist die Konstellation ziemlich ähnlich: Aus israelischer Perspektive ist in Washington keine Bereitschaft zu erkennen, sich in ein neues militärisches Abenteuer zu stürzen. Es herrscht im Gegenteil die Ansicht vor, Joe Biden wolle unbedingt einen Deal mit Iran. Das Nachrichtenportal N12 zitierte am Mittwoch einen Vertreter des israelischen Sicherheitsapparats mit der Aussage, sollten die Sanktionen gegen Iran ohne neues Abkommen aufgehoben werden, würde das Regime in Teheran binnen eines halben Jahres die Atomwaffenfähigkeit erreichen. „Und dann wird Israel keine andere Wahl haben, als sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.“

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Allerdings bestehen Zweifel, dass Israel derzeit über die Fähigkeiten verfügt, allein einen Angriff auf das iranische Atomprogramm durchzuführen. Dieser wäre logistisch und militärtaktisch eine große Herausforderung. Ministerpräsident Naftali Bennett und Verteidigungsminister Benny Gantz hätten das Militär dringend angewiesen, Angriffspläne zu erarbeiten, hieß es am Mittwoch in der Zeitung „Israel Hayom“. Seit dem Abschluss des Atomabkommens 2015 seien Israels militärische Fähigkeiten nämlich auf andere Schauplätze konzentriert worden: vor allem auf Syrien und Libanon, wo der Konflikt mit den von Iran gelenkten Kräften ausgetragen wird.

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In Syrien nimmt Israel seit einigen Monaten verstärkt solche Ziele ins Visier und soll zuletzt den Radius seiner Operationen ausgeweitet haben. Einzelne Angriffe fanden tagsüber statt, was ungewöhnlich ist. Auch Iran selbst wird weiter zum Ziel mutmaßlicher israelischer Aktionen, allerdings in anderer Form: durch Cyberangriffe. Dabei geraten vermehrt „weiche Ziele“ ins Visier. Ende Oktober wurde das iranische Tankstellennetz gehackt. Kurz darauf drangen offenbar iranische Hacker der Gruppe Black Shadow in ein Datingportal der israelischen LGBTQ-Community ein und veröffentlichten private Daten.

„Kaum ein Stein wird auf dem anderen bleiben“

Die verstärkten israelischen Militäraktionen hätten iranische Waffenlieferungen an die teherantreuen Milizen durchaus beeinträchtigt, heißt es in Israel. Dabei ist von hoch entwickelten Waffensystemen die Rede, etwa von Flugabwehrraketen und Drohnen. Die Frage ist indes, wann der Punkt erreicht ist, an dem Iran versucht sein wird, eine stärkere Antwort zu geben. Ein solcher Gegenschlag Teherans birgt ein hohes Risiko, sich zu einem Flächenbrand auszuweiten, denn die Reichweite der von Teheran gelenkten Schattenarmeen erstreckt sich über die gesamte Region.

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Besonders hart könnte es Libanon treffen. Israelische Militärs und Politiker machen immer wieder deutlich, dass dem krisengeschüttelten Land im Fall eines Waffengangs mit der Hizbullah enorme Zerstörung droht, die weit verheerender sein werde als im Krieg von 2006. Zumindest der Süden und die Hauptstadt Beirut sollen demnach von tagelangen massiven Luftangriffen getroffen werden, die sich auch gegen Infrastruktur wie den Flughafen richten. „Es wird kaum ein Stein auf dem anderen bleiben“, sagte unlängst ein israelischer Teilnehmer einer regionalen Sicherheitskonferenz.

Die Hizbullah dient Iran als ein Instrument der Abschreckung und der Vorwärtsverteidigung. Die Schiitenorganisation verfügt nach israelischer Einschätzung über ein Arsenal von mehr als 140.000 zum Teil präzise lenkbaren Raketen und Drohnen, was eine große Bedrohung für israelische Städte, Kraftwerke, Entsalzungsanlagen und den einzigen internationalen Flughafen des Landes darstellt. Die Hizbullah könnte den Angriffsbefehl aus Teheran erhalten, um einen israelischen Angriff auf iranisches Territorium zu vergelten – oder ihm zuvorzukommen.

Golfmonarchien fürchten iranische Vergeltung

Die arabischen Golfstaaten haben schon erfahren, wie schmerzhaft asymmetrische Angriffe des iranischen Regimes sind – und wie verwundbar sie selbst. Im September 2019 wurden zentrale saudische Ölanlagen von Drohnen und Marschflugkörpern getroffen. Die von Iran unterstützten Huthi-Rebellen im Jemen nehmen das Königreich regelmäßig unter Raketenbeschuss. Das Regime in Teheran droht ferner damit, im Falle eines Angriffs die Straße von Hormuz zu schließen, jenen Seeweg, durch den ein Großteil des Öls vom Golf transportiert wird. Es hat in den vergangenen Jahren schon mehrere Sabotageangriffe auf Tanker gegeben.

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Die Golfmonarchien dürften sich daher gut überlegen, ob sie dem israelischen Militär beispielsweise Überflüge erlauben oder Stützpunkte zur Verfügung stellen würden und so das Risiko erhöhen, Ziel iranischer Vergeltungsangriffe zu werden. Sie setzten derzeit bei aller Sorge um das iranische Atomprogramm auf Deeskalation und eine Annäherung an Teheran.

Zugleich herrschen Zweifel an der iranischen Bereitschaft, einen großen Krieg in der Region zu riskieren – der nämlich das Risiko birgt, dass die Revolutionswächter die über Jahrzehnte aufgebauten asymmetrischen Abschreckungsinstrumente verlieren. „Diese sind – zumindest derzeit – für Teheran der wirkungsvollere Hebel als die Angst vor der Atombombe“, sagt Adnan Tabatabai, Geschäftsführer der Denkfabrik Carpo. Der israelische Iran-Experte Raz Zimmt von der Denkfabrik Institute for National Security Studies sagt, auch auf israelischer Seite sei der Wunsch nach einem Waffengang nicht ausgeprägt.

Dennoch sehe er die Gefahr, dass aus Sicht Israels nur die „militärische Option“ übrig bleibt – dann nämlich, wenn die anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, Iran unter Druck zu setzen. Bislang hätten sich weder Sanktionen noch verdeckte Aktionen gegen das iranische Atomprogramm als langfristig wirksame Mittel erwiesen. Die Konfrontation mit den irantreuen Kräften in den Nachbarländern werde so oder so bestehen bleiben. Die kleinen Kriege in der Grauzone könnten sich eher noch verschärfen – und damit das Risiko einer ungewollten Eskalation.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Ehrhardt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
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Autorenporträt / Meier, Christian
Christian Meier
Politischer Korrespondent für den Nahen Osten und Nordostafrika.
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