In England öffnen Pubs wieder

Freibier im Schneetreiben

Von Jochen Buchsteiner, London
12.04.2021
, 20:22
In England dürfen seit Montag auch Pubs und Restaurants draußen wieder öffnen. Aber der Freiheitsgewinn ist begrenzt. Die Kontaktbeschränkungen im privaten Bereich bleiben weiterhin strenger als in Deutschland.

Nur zwei der acht Tische sind besetzt an diesem Montag. Es sind die beiden unter dem Heizstrahler. Wegen der winterlichen Temperaturen geriet der Moment der „großen Öffnung“ für das Café „Mani’s“ in Nordwestlondon zu einem Tag wie jeder andere in den vergangenen vier Monaten. Galgenhumor bleibt das Gebot der Stunde. „Wollen Sie sich vielleicht lieber wieder auf das Treppchen setzen?“, fragt der Kellner den Stammgast, der sich im Lockdown daran gewöhnt hatte, seinen Kaffee auf den Stufen zum gegenübergelegenen Maklerbüro zu trinken.

In ganz England dürfen Cafés und Pubs seit Montag, null Uhr, wieder Tische draußen aufstellen. Schottland, Wales und Nordirland haben eigene Fahrpläne aus dem Lockdown. Einige Lokale mit Spätlizenz lockten erste Gäste schon kurz nach Mitternacht mit einem Freibier an. Auf Fotos wurden kleine Gelage im Schneetreiben festgehalten. Nur zwei von fünf Gastronomiebetrieben im klimatisch nicht verwöhnten England verfügen über Außenflächen wie das „Mani’s“. In diese steckten die Wirte in den vergangenen Wochen viel Geld. Sie vergrößerten, verstärkten oder überdachten die kostbaren Quadratmeter. Es gibt nun Zeltplanen, die den Platz unter der Markise auch bei Sturm bewirtschaftungsfähig machen.

Besuch aus anderem Haushalt bleibt verboten

Mit Beschwörungen einer „neuen Freiheit“ feierten Zeitungen den zweiten der vier Schritte in die Normalität. Die Regierung konnte ihn zeitlich einhalten, weil der erste Schritt, die Öffnung der Schulen vor fünf Wochen, die Infektionsraten nur vorübergehend anhob. Mittlerweile ist die Zahl der Neuansteckungen wieder auf wenige tausend am Tag gesunken – auf dem Höhepunkt waren es 80.000. Auch die anderen Indikatoren weisen stetig in Richtung Pandemieende. Die Krankenhäuser müssen nur noch wenige Covid-Patienten behandeln. Die Zahl der täglichen Toten schwankt zwischen zwanzig und vierzig. Vereinzelt vergeht sogar ein Tag ohne Covid-Opfer.

Zu welchem Anteil die vielversprechende Entwicklung der Impfkampagne zu verdanken ist – fast zwei Drittel der Erwachsenen sind inzwischen mit mindestens einer Dosis geschützt – und zu welchem dem noch immer drakonischen Lockdown, ist umstritten; beides trug zur Senkung bei. Der Freiheitsgewinn bleibt allerdings einstweilen begrenzt. Vor Pubs und Restaurants wird wieder bedient, auch dürfen nun Geschäfte, Friseure und Fitnesscenter (mit Masken) und Zoos betreten werden, aber die privaten Kontaktsperren bleiben in Kraft. Frühestens in fünf Wochen dürfen sich Mitglieder zweier Haushalte wieder in einer Wohnung treffen. Bis dahin bleiben auch die Museen, Kinos, Konzerthäuser und Hotels in England geschlossen. Auslandsreisen ohne triftigen Grund sind weiterhin „illegal“.

Johnson hatte geplant, den Öffnungsmontag mit einem Bier in der Öffentlichkeit und einem Friseurbesuch zu begehen. Aber die Trauerzeit, die nach dem Tod Prinz Philips angesetzt wurde, verbot ihm den volkstümlichen Auftritt. Er beließ es bei einem Aufruf an die Bürger, „verantwortlich“ mit den neuen Möglichkeiten umzugehen. Bis zur Beisetzung am Wochenende ruhen die politischen Geschäfte jenseits der Pandemiebekämpfung. Alle Parteien haben sich Zurückhaltung auferlegt. Nur das Parlament trat zusammen, um den am Freitag verstorbenen Ehemann von Königin Elisabeth II. zu ehren.

Überschattet ist die Öffnung auch vom trüben Ausblick auf den Sommerurlaub. Das Verbot touristischer Auslandsreisen wird zwar vermutlich Mitte Mai aufgehoben, aber das „Ampelsystem“, das an dessen Stelle treten soll, macht das Reisen aufwendig und für viele unerschwinglich. Um das Einschleppen von Virusvarianten zu reduzieren, soll es für die meisten Heimkehrer – und England-Besucher – bei der Isolationspflicht und unverhältnismäßig teuren Tests bleiben, die nur von staatlich anerkannten Labors vorgenommen werden dürfen. Die insgesamt vier erforderlichen Tests für eine Reise kosten pro Person mindestens vierhundert Euro. Wer sich schon nach fünf Tagen Quarantäne „freitesten“ lassen will, muss noch einmal etwa 130 Euro drauflegen.

Quelle: F.A.Z.
Jochen Buchsteiner - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Jochen Buchsteiner
Politischer Korrespondent in London.
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