Corona-Anstieg in Russland

„Wir werden mit dieser EM wahrscheinlich völlig ersticken“

Von Friedrich Schmidt, Moskau
13.06.2021
, 11:37
Ein Jahr nach dem Ende einer strikten Ausgangssperre gelten in Moskau wieder strengere Corona-Maßnahmen. Die Zahl der Neuinfektionen steigt, das Impf-Misstrauen ist groß – und die EM könnte das Geschehen noch befeuern.

Ein starker Anstieg der Corona-Neuinfektionen hat dazu geführt, dass in der russischen Hauptstadt jetzt wieder mehr Einschränkungen gelten. Moskaus Bürgermeister, Sergej Sobjanin, ordnete am Wochenende arbeitsfreie Tage bis zum kommenden Sonntag an. Arbeiter über 65 Jahren und chronisch Kranke, die nicht geimpft sind, sollen zu Hause bleiben, mindestens dreißig Prozent der Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten; das gilt nicht für besonders wichtige Betriebe wie solche des Rüstungssektors.

Zudem dürfen Restaurants, Bars und Clubs von 23 bis 6 Uhr keine Gäste empfangen. Zoos, sogenannte Food-Courts und Spielzimmer für Kinder in Einkaufszentren schließen, ebenso gemeinschaftlich genutzte Objekte etwa in Parks. Schüler sind ohnehin schon in den Sommerferien.

Verglichen mit westlichen Einschränkungen wirken die Moskauer Maßnahmen nicht hart; für Russland markieren sie indes seit dem Ende einer gut zweimonatigen strikten Ausgangssperre („Selbstisolierung“) im Juni 2020 das Maximum. Die Regierung scheute danach vor unpopulären Schritten zurück, auch, um weitere Einbußen für die Wirtschaft zu vermeiden, die nun die Löhne der Moskauer Arbeitnehmer weiterzahlen muss.

So viele Neuinfektionen wie seit Ende 2020 nicht mehr

Begriffe wie „Inzidenz“ und „Aerosole“, die andernorts in den Alltagswortschatz eingezogen sind, hört man in Russland so gut wie nie. Getestet wird wenig, sogar im privilegierten Moskau. Bürgermeister Sobjanin stützte sich nun darauf, dass die Zahl der Neuinfektionen in Moskau mit 6701 am Samstag so hoch war wie seit Ende 2020 nicht mehr. Von Ende Januar bis Ende Mai hatte die Zahl der Neuinfektionen in der Hauptstadt 3000 nicht überschritten, war seit Anfang Juni aber gestiegen; nun wachse sie „exponentiell“, wie Sobjanins Stab mitteilte.

Warum, bleibt unklar. Über bedrohliche Mutationen des Virus spricht man in Russland kaum und jetzt heißt es nur inoffiziell, dass der starke Anstieg womöglich mit der Ausbreitung der Delta-Variante des Virus zu erklären sei. Der Chefarzt eines auf Corona-Patienten spezialisierten Krankenhauses in Kommunarka am Rande Moskaus, Denis Prozenko, sagte jüngst in einem Interview, „man hat das Gefühl, dass sich das Virus verändert“. Bürgermeister Sobjanin sagte, besonders viele Patienten seien schwer erkrankt, nicht nur aus Risikogruppen, sondern auch Leute mittleren Alters und sogar junge Leute. Er müsse reagieren.

Derzeit sind offiziell von rund 14.000 Corona-Betten in Moskaus Krankenhäusern 78 Prozent belegt; wie im vergangenen Jahr, sollen jetzt wieder Tausende Betten für die Versorgung Corona-Kranker zusätzlich zur Verfügung gestellt werden. Neuerlich warb Sobjanin dafür, sich zu impfen. Doch hatte der Bürgermeister im Mai anerkennen müssen, dass trotz Kostenlosigkeit des Angebots und Ködern wie Einkaufsgutscheinen für impfwillige Rentner der Anteil Geimpfter in Moskau kleiner sei als in jeder anderen europäischen Stadt – Ende Mai waren erst eineinhalb von mehr als zwölf Millionen Moskauern geimpft – und dass in den Impfzentren „kein Mensch“ sei.

Russlands Impfkampagne läuft seit Dezember, mittlerweile werden der neben dem international vermarkteten Sputnik V, dessen erste Dosis nun als Sputnik Light angeboten wird, zwei weitere russische Vakzine namens Epivakorona und Kovivak eingesetzt, wiewohl seltener. Das Misstrauen gegen die Impfstoffe bleibt aber hoch. Bisher haben erst weniger als 13 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Dosis erhalten. Die Disziplin, wie vorgeschrieben Masken und Handschuhe im Nahverkehr und in Geschäften zu tragen, ist lax, Kontrollen sind sporadisch, sollen nun aber verschärft werden.

Zu der weiter verbreiteten Verharmlosung von Covid-19 tragen auch die offiziellen, vergleichsweise niedrigen Totenzahlen bei; die offizielle Zahl, rund 126.000 Corona-Tote, ist mit Blick auf die Übersterblichkeit wohl um den Faktor sechs zu multiplizieren. Zudem behauptet der Machtapparat regelmäßig, Russland sei besser durch die Pandemie gekommen als westliche Länder.

Angebliche Verstöße gegen Corona-Beschränkungen werden zwar als Hebel benutzt, um Oppositionelle unter Hausarrest zu halten, doch Großveranstaltungen im Sinne der Machthaber sind Gang und Gäbe. In Sankt Petersburg zeugen davon Präsident Wladimir Putins Internationales Wirtschaftsforum Anfang des Monats und jetzt sieben Spiele der Fußball-Europameisterschaft. In der Gazprom-Arena der Stadt verfolgten am Samstagabend Tausende Fans das 0:3 der russischen Auswahl gegen Belgien, während von Schlangen vor Petersburger Krankenhäusern berichtet wird. Aus der Stadt kommen keine neuen Daten zu Einweisungen in Krankenhäuser und freien Betten.

Das Newsportal Fontanka zitierte eine Krankenschwester aus einer Petersburger Klinik, die sich selbst gerade mit Corona angesteckt habe. Sie habe sich nicht impfen lassen, sagte die Frau (unter verändertem Namen, solche Äußerungen sind untersagt): Ihre Zweifel seien gewachsen, da auch viele Geimpfte mit Corona ins Krankenhaus gekommen seien. Auch solche Fälle sind verbreitet, offizielle Zahlen dazu sucht man vergebens. Die Krankenschwester blickt besorgt auf das Fußballfest: „Wir werden wahrscheinlich mit dieser EM völlig ersticken.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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