Corona-Katastrophe in Indien

„Apotheke der Welt“ in schwerer Notlage

Von Till Fähnders, Singapur
28.04.2021
, 19:11
Verheerende Situation: Eine Massenverbrennung in Delhi am Montag.
Indien war einer der größten Exporteure von Corona-Impfstoffen – und wird nun zum Importeur. Dabei wollte Delhi mit seiner „Impfdiplomatie“ Peking das Feld streitig machen. Nun aber muss das Land selbst Hilfe annehmen.
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Es ist erst wenige Monate her, dass sich Indien als Helfer in der Not in Szene setzen konnte. Delhi lieferte Impfstoffe mitunter kostenlos an arme Nachbarländer. Mit seiner „Impfdiplomatie“ wollte das weltweit größte Herstellerland von Arzneien und Impfstoffen auch dem Rivalen China das Feld streitig machen. Im Verlauf der zweiten Infektionswelle, in deren Griff das Land gerade ist, befindet sich die „Apotheke der Welt“ nun selbst in einer schweren Notlage. Am Mittwoch hat die Zahl der Toten die 200.000 überschritten. Ebenfalls ein Rekordwert von 360.960 Neuinfektionen kam am Mittwoch hinzu. Die tatsächlichen Zahlen dürften laut Fachleuten jeweils deutlich höher liegen. Die Zustände in den besonders schwer getroffenen Gebieten werden von einigen mittlerweile als „Hölle“ beschrieben.

Angesichts der Krise wollen nun immer mehr Staaten und Organisationen Indien helfen. Mindestens 15 Länder haben angekündigt, dringend benötigte Güter wie Beatmungsgeräte, Sauerstoffflaschen und Konzentratoren zu liefern, die Sauerstoff aus der Umgebungsluft zur medizinischen Nutzung aufbereiten. Die erste Lieferung war am Dienstag aus Großbritannien eingetroffen. Singapur brachte am Mittwoch zwei Militärtransporter mit Sauerstoffflaschen auf den Weg. Die EU-Kommission hat ebenfalls eine Hilfslieferung angekündigt. Unter dem EU-Katastrophenschutzmechanismus hätten schon Irland, Belgien, Rumänien, Luxemburg, Portugal und Schweden Zusagen gemacht. Deutschland und Frankreich haben ebenfalls Hilfen angekündigt.

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Bloß keine Hilfe vom Erzfeind

Auch wenn diese weitgehend positiv aufgenommen werden, sind nicht alle in Indien hocherfreut. „Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagte der Arzt Zarir Udwadia dem Sender BBC mit Blick auf die britischen Lieferungen. Die Hilfsangebote haben für einige Inder auch einen bitteren Beigeschmack. Vor allem die unklare Haltung Amerikas hat sie empört. Adar Poonawalla, der Chef des weltgrößten Impfstoffproduzenten Serum Institute of India, hatte sich mit einem Tweet sogar direkt an Präsident Joe Biden gewandt und ihn gebeten, ein Exportverbot für Rohstoffe aufzuheben, damit die Produktion von Impfstoffen beschleunigt werden könne.

Diese Woche zeigte sich Joe Biden nach einem Gespräch mit Modi dann aber doch großzügig. Er kündigte Lockerungen der Exportbeschränkungen und Hilfen für Indien an. Außerdem will Amerika 60 Millionen Dosen des von der Firma Astra-Zeneca entwickelten Impfstoffs an arme Länder exportieren. Erwartungsgemäß dürfte ein großer Teil davon nach Indien gehen. Es ist eine unvorhergesehene Wendung, dass einer der größten Exporteure von Corona-Impfstoffen zum Importeur wird. Aufgrund der stockenden Impfkampagne hatte Indien in den Wochen zuvor auch schon den Export von Impfstoffen stark eingeschränkt, mit Folgen vor allem für einige arme Länder.

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Unter dem Eindruck der verheerenden zweiten Welle droht der indischen „Impfdiplomatie“ eine Niederlage. China versucht, das auszunutzen. So hatte sich Bangladeschs Außenminister beschwert, dass der Hauptlieferant Indien sein Land immer wieder vertröstet habe. „Nun haben wir China dringend gebeten, uns so schnell wie möglich Impfdosen zu geben. Darauf haben sie positiv reagiert“, sagte der Minister. Am Dienstag hatte sich Chinas Außenminister Wang Yi mit den Vertretern Afghanistans, Bangladeschs, Nepals, Pakistans und Sri Lankas virtuell ausgetauscht. Dabei versprach Wang einen „diversifizierteren und stabileren“ Impfstoff-Nachschub. Der Minister äußerte in diesem Zusammenhang auch Chinas Mitgefühl für die Menschen in Indien und bot den Nachbarn Pekings Hilfe an.

Betten stehen im indischen Srinagar für Covid-Patienten bereit.
Betten stehen im indischen Srinagar für Covid-Patienten bereit. Bild: AP

Doch die Lage müsste völlig aussichtslos sein, bevor Indien ein solches Angebot Chinas oder auch seines Erzfeindes Pakistan annähme. Zumal Indien seit Jahren die Politik verfolgt, bei Katastrophen keine ausländische Hilfe zu akzeptieren. Wie Regierungsmitarbeiter der indischen Presse mitteilten, soll das weiter gelten. Die Hilfen aus dem Ausland sollen deshalb über das Indische Rote Kreuz ins Land kommen. Für Modi und seine Hindunationalisten ist es eine Sache des Stolzes, dass sich Indien in den vergangenen Jahren vom Nehmer- zum Geberland gewandelt hatte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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