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Besuch in Indien

Merkel für Freihandelsabkommen und indische Fachkräfte

Von Johannes Leithäuser, Delhi
 - 08:23
In Neu Delhi steht ein Plakat mit dem Bild von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Narendra Modi, dem Premierminister von Indien. Bild: dpa

Nach fünf Minuten klingt die Stimme der Bundeskanzlerin zum ersten Mal belegt, sie räuspert sich mehrfach, gegen Ende ihrer Rede vor deutschen und indischen Unternehmern kommt nochmals ein Anflug von Heiserkeit auf. Angela Merkel hat auf der Jahresversammlung der deutsch-indischen Handelskammer die ganze Breite von Kooperationen und gemeinsamen Vorhaben aufgefächert, die sie und ihre Minister zuvor mit dem indischen Ministerpräsidenten Narandja Modi und seinem Kabinett vereinbart haben. Ein wichtiges Vorhaben braucht keine weiteren Erläuterungen; es erklärt sich an diesem Morgen im Ballsaal des Hotels Taj Mahal schon aus dem Klang ihrer Worte.

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Draußen hängt der weiße Smog im Hotelgarten, der auch an diesem Morgen wieder die Sonne erstickt. Es sei die schlimmste Luftverschmutzung seit fast zwei Jahren, melden die lokalen Zeitungen – und Delhi hält ohnehin schon Spitzenplätze in der Rangliste der am ärgsten verpesteten Städte der Welt. Am Vortag hat die Regierung in der Region die Schulen geschlossen und Bauarbeiten untersagt, es treten Verkehrsbeschränkungen in Kraft, wie sie in Deutschland einst in den Zeiten der Ölkrise galten: An einem Tag dürfen Autos mit ungeraden Nummernschildern fahren, am nächsten Tag sind die geraden Nummernschilder dran.

Die Kanzlerin berichtet, Deutschland wolle in den nächsten fünf Jahren eine Milliarde Euro nach Indien geben, um im Zuge eines Entwicklungshilfe-Vorhabens „grüne Mobilität in den Innenstädten“ unter anderem 500 Elektrobusse einzusetzen und eine Flotte von Dieselbussen zu modernisieren. Auch bei Abfall- und Wasserwirtschaft machen deutsche Firmen Angebote, um Indiens Umweltprobleme zu lindern; die Bundeskanzlerin referiert nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch die Schwierigkeiten, die auf jedem Sektor Fortschritte verhindern. Beim Abfall stecken die Probleme in der Bepreisung: In wohlhabenden Wohngegenden könne man der Bevölkerung sicher heute schon zumuten, eine Gebühr für die Beseitigung und Behandlung ihres Mülls zu bezahlen, aber wie solle das in den Armutsvierteln gehen, sinniert Merkel.

Merkel in Indien
Wirtschaftsbeziehungen könnten intensiver sein

Die Luftverschmutzung ist nicht der einzige Superlativ, dem die Kanzlerin an diesem Morgen begegnet. Sie selber nennt weitere. Die deutsch-indische Handelskammer, vor der sie morgens auftritt, ist die größte derartige deutsche Handelsvertretung in der Welt, rund 1800 deutsche Firmen sind schon in Indien tätig. Das Volumen des deutsch-indischen Handels hat jüngst zweistellige jährliche Wachstumsraten erreicht. Merkel berichtet, sie habe Modi ausführlich dargelegt, warum ein neuer Anlauf zu einem Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU unternommen werden sollte; ein erster Versuch war vor fünf Jahren kurz vor dem Ziel gescheitert, weil auf indischer Seite unter anderem Bedenken aufgekommen waren, welche Wirkungen das auf die einheimischen Kleinbauern haben werde. Die Kanzlerin bereitet die Repräsentanten der Handelskammer auch darauf vor, dass ihnen durch das neue deutsche Fachkräfte-Einwanderungsgesetz demnächst neue Aufgaben ins Haus stünden: Die Handelskammern sollen gemeinsam mit den Visa-Stellen der Botschaften ein Verfahren entwickeln, welches die Rekrutierung von Fachkräften erleichtert, die in Deutschland nachgefragt werden.

Tuktuks fahren mit Solarstrom statt Zweitakt-Benzin

Den letzten Termin ihrer Reise absolviert die Kanzlerin auf einer Metro-Station in der Nähe des Flughafens. Auch hier haben Entwicklungshilfe-Gelder aus Deutschland geholfen, ein Beispiel zu setzen. Auf dem Bahnhofsvorplatz stehen Tuktuks, Motorradrikschas, die statt mit Zweitakt-Benzin mit Solarstrom betrieben werden. Der Metro-Bahnhof wird mittels Solarpanels auf dem Dach vollständig mit Solarstrom versorgt. Die Kanzlerin wird auf das Dach geführt und schließlich zu einem kleinen Pavillon geleitet, dessen Dach zwei Solarpaneele bilden; darunter sind Bänke angeordnet, in deren Sitzblock sich Batterien und Wasserkühlung verbergen. Das kleine Sonnenkraftwerk ist eine Entwicklung im Auftrag der GIZ, der deutschen Entwicklungshilfe-Agentur. Merkel findet das praktisch; die Solar-Sitzgarnitur passe doch in jeden Vorgarten; und zwei Funktionen habe sie noch dazu, sie spende Schatten und nutze die Sonne. „Und wieviel haben Sie schon davon verkauft,“ fragt sie den Projektleiter der GEZ. Bevor der aber eine Antwort findet, gibt sie sie selbst: „sind noch zu teuer?“. 2000 bis 3000 Euro kostet der Energiepavillon, der den Strombedarf eines indischen Haushalts decken könnte.

Quelle: FAZ.NET
Johannes Leithäuser
Politischer Korrespondent in Berlin.
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