Nach IS-Angriff auf Gefängnis

Deutsche Dschihadisten auf freiem Fuß?

Von Christoph Ehrhardt, Beirut
25.01.2022
, 07:47
Aus 33 Ländern: Gefängnisinsassen in Hassakeh Ende 2019
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Nach dem Großangriff des IS auf ein Gefängnis im nordostsyrischen Hassakeh ist noch unklar, wie vielen der inhaftierten Dschihadisten die Flucht gelungen ist. Offen bleibt bislang auch das Schicksal der deutschen Häftlinge.
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Die Fernsehbilder aus dem syrischen Hassakeh zeigen eine Stadt im Ausnahmezustand. Schützenpanzer und Gefechtsszenen auf Straßen, die andernorts menschenleer sind, weil eine Ausgangssperre verhängt wurde. Sie zeigen amerikanische Jagdbomber, die im Tiefflug die Schallmauer durchbrechen, Kampfhubschrauber, die in der Dunkelheit Ziele am Boden unter Beschuss nehmen. Der Großangriff des „Islamischen Staats“ (IS) auf ein Gefängnis, der am Donnerstag begonnen hatte, ist zu einer langen, erbitterten Schlacht geraten. Der Montag war der fünfte Tag in Folge, an dem in der abgeriegelten nordostsyrischen Stadt Gefechte tobten.

Die Extremisten hatten den Stadtteil, in dem das Gefängnis liegt, infiltriert und später im Zuge des Angriffs Teile der Anlage, die früher eine Berufsschule gewesen war, unter ihre Kontrolle gebracht. Die IS-Propaganda zeigte Videos von Angreifern mit gefangenem Gefängnispersonal. Die örtlichen Sicherheitskräfte meldeten am Sonntag, die Dschihadisten missbrauchten Hunderte inhaftierte Minderjährige als menschliche Schutzschilde.

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Luftangriffe auf die Anlage

Zugleich erklärte die amerikanisch geführte Anti-IS-Koalition, sie habe Luftangriffe auf die Anlage geflogen, um ihre Verbündeten am Boden, die von kurdischen Milizionären dominierten „Syrian Democratic Forces“ (SDF), bei der Rückeroberung zu unterstützen. Die Koalition habe sich große Mühe gegeben, für eine humanitäre Behandlung der gefangenen IS-Kämpfer zu sorgen, erklärte deren Befehlshaber, der amerikanische Generalmajor John W. Brennan Jr. Doch in dem Moment, in dem Gefangene zu den Waffen gegriffen hätten, seien sie „zu einer aktiven Bedrohung“ geworden und auch aus der Luft angegriffen worden. Aus 33 Ländern kämen die etwa 5000 Gefangenen, hieß es während eines Besuches vor zwei Jahren. Die allermeisten von ihnen hätten zum ausgehungerten letzten IS-Aufgebot aus der Endphase des langen Rückeroberungskriegs gegen das Pseudokalifat gehört.

 Kämpfer der von kurdischen Milizionären dominierten „Syrian Democratic Forces“ (SDF) am 23. Januar in Hassakeh
Kämpfer der von kurdischen Milizionären dominierten „Syrian Democratic Forces“ (SDF) am 23. Januar in Hassakeh Bild: AP

Am Montag war weiter unklar, wie vielen von diesen Dschihadisten in dem Chaos die Flucht gelungen ist. Und ebenso ungeklärt war das Schicksal der aus Deutschland stammenden Häftlinge. Mit zwei von ihnen hatte die Gefängnisleitung vor zwei Jahren noch Interviews ermöglicht. Wie es aus zwei Quellen hieß, ist in der Zwischenzeit keiner der beiden nach Deutschland überstellt worden. Die Kurden verlangen seit Jahren von den europäischen Regierungen, sie sollten ihre dschihadistischen Bürger zurückholen. Aber solche Forderungen stoßen auf taube Ohren.

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Dabei ist die heikle Lage nicht nur in den Gefängnissen selbst, sondern in der gesamten Region bekannt. Haftanstalten sind exponierte Ziele für IS-Schläferzellen. Dass deutsche Extremisten bei Angriffen wie jetzt in Hassakeh auf freien Fuß gelangen, ist ein stetes Risiko. Es besteht außerdem die Möglichkeit, dass Baschar al-Assad die Kontrolle über die Kurdenregionen übernimmt. Das Regime in Damaskus könnte dann mit deutschen Extremisten ein nützliches Druckmittel in die Hand bekommen. Dass Assad ein eher strategisches Verhältnis zu radikalen Islamisten pflegt, hat schon Washington zu spüren bekommen, als zur Zeit der amerikanischen Besatzung im Irak der syrische Geheimdienst dafür sorgte, dass regelmäßig dschihadistische Verstärkung über die syrisch-irakische Grenze gelangte.

Schwierige Beweisführung

Dennoch erhielten Extremisten wie jene im Gefängnis vom Hassakeh Behörden-Besuch nur für Befragungen. Die Bundesregierung macht gelegentlich bei Frauen und Kindern eine Ausnahme, wie zuletzt im Oktober, als acht Frauen und 23 Kinder zurück nach Deutschland geholt wurden. Auch die Internierungslager, in denen die sogenannten IS-Familien festgehalten werden, sind Sicherheitsrisiken. Allen voran das Camp in Al-Hol, in dem etwa 62 000 Personen, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, unter erbärmlichen Bedingungen leben, ist als Brutstätte für Gewalt und Radikalismus berüchtigt.

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Unverständnis über die Haltung der Regierung war in den vergangenen Jahren auch immer wieder aus den deutschen Sicherheitsbehörden zu vernehmen. Zum einen hieß es, Berlin stehe einfach in der Verantwortung, die Dschihadisten aus Deutschland nicht zur Belastung anderer werden zu lassen. Islamismus-Fachleute sehen in den überfüllten Zellen der Behelfsgefängnisse gefährliche Echokammern, in denen die Gefangenen ihr dschihadistisches Weltbild festigen oder sich weiter radikalisieren.

Ein großes Problem für die deutschen Behörden ist die Beweisführung. Denn in vielen Fällen der aus Deutschland stammenden IS-Extremisten lässt sich vor Gericht nur wenig beweisen. Auch im Fall der beiden jungen Extremisten in Hassakeh wäre das vermutlich schwierig. Beide sagten während der Begegnung vor zwei Jahren, sie wollten wieder nach Deutschland zurückkehren. Aber beide behaupteten, sie hätten nicht an Kampfhandlungen teilgenommen und keine Kriegsverbrechen begangen. Beiden Männern konnte man das jedoch nur schwer glauben. Dafür wirkten ihre Geschichten zu konstruiert.

Die Männer schienen die dschihadistische Ideologie, die sie in diese Lage gebracht hatte, auch nicht groß zu hinterfragen. Einer der beiden, ein polizeibekannter Gewalttäter aus Berlin, ließ im Verlauf des Gesprächs mehr und mehr die Maske des frommen Dissidenten fallen, der mit den Gräueltaten nichts zu tun gehabt haben will. Einer der ehrlichsten Momente des Gesprächs war es wohl, als er sich am Ende des Interviews zu einer Vorhersage hinreißen ließ, die angesichts der aktuellen Bilder aus Hassakeh an eine Drohung erinnert: „Der ,Islamische Staat‘ wird auch wieder zurückkommen, stärker und brutaler.“

Quelle: F.A.Z.
Christoph Ehrhardt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
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