Nahostkonflikt

Israels Militär droht Hamas mit gezielten Tötungen

15.05.2021
, 23:20
Israels Raketen zerstören ein Hochhaus mit Journalistenbüros im Gazastreifen. Der Armeesprecher kündigt weitere Angriffe auf die Führungsriege der Hamas an. Iran stellt sich hinter sie. Und US-Präsident Biden telefoniert — mit Israels Regierungschef Netanjahu und Palästinenserpräsident Abbas.

Israels Militär hat der Führungsriege der im Gazastreifen herrschenden Palästinenserorganisation Hamas mit gezielter Tötung gedroht. Armeesprecher Hidai Zilberman sagte dem israelischen Fernsehen am Samstagabend, man werde in der Nacht weiter wichtige Einrichtungen der Hamas und des Islamischen Dschihads überall im Gazastreifen angreifen. Dies gelte auch für die höchste Führungsriege der Hamas.

Ein Sprecher des militärischen Hamas-Arms drohte dagegen, seine Organisation werde von Mitternacht an abermals Raketen auf Tel Aviv feuern. Bei einem massiven Angriff auf ein breites Tunnelsystem der Hamas hatte Israels Luftwaffe nach eigenen Angaben in der Nacht zum Freitag rund 500 Tonnen Munition eingesetzt. Nach Einschätzung der israelischen Armee könnten bei dem Angriff auf das unterirdische sogenannte Metro-System zahlreiche Hamas-Kämpfer getroffen worden sein. „Jeder Terrorist in Gaza weiß heute, dass er sich nirgends verstecken kann, nicht über der Erde – und nach dem Angriff auf die Metro – auch nicht unter der Erde“, sagte Zilberman.

Zuvor hatte ein Luftangriff Israels auch ein von internationalen Medien genutztes Hochhaus im Gazastreifen getroffen. Angesichts der Gewalt im Nahen Osten hat US-Präsident Joe Biden mit Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas telefoniert. Das Weiße Haus teilte zu dem Gespräch mit Netanjahu mit: „Der Präsident bekräftigte seine nachdrückliche Unterstützung für das Recht Israels, sich gegen die Raketenangriffe der Hamas und anderer terroristischer Gruppen im Gazastreifen zu verteidigen.“ Biden habe seine Besorgnis über die Sicherheit von Journalisten zum Ausdruck gebracht und die Notwendigkeit betont, deren Schutz zu gewährleisten. Es war Bidens zweites Gespräch mit Netanjahu seit Mittwoch.

Erstes Telefonat mit Abbas

Das Telefonat mit Abbas war das erste seit Bidens Amtsübernahme am 20. Januar. Dazu teilte das Weiße Haus mit, Biden habe Abbas über das diplomatische Engagement der USA im laufenden Konflikt informiert. Biden habe zudem betont, die Hamas müsse den Raketenbeschuss auf Israel einstellen. Biden und Abbas hätten ihre Sorge über den Tod unschuldiger Zivilisten zum Ausdruck gebracht. Der US-Präsident habe sein Engagement für eine verhandelte Zwei-Staaten-Lösung betont. Das sei der beste Weg zu einer gerechten und dauerhaften Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts.

Netanjahu teilte auf Twitter zu dem Gespräch mit Biden mit, er habe den US-Präsidenten über Entwicklungen und Maßnahmen informiert, die Israel ergriffen habe und noch ergreifen wolle. Er dankte Biden zudem für die „bedingungslose Unterstützung“ der USA, wenn es um Israels Recht auf Selbstverteidigung gehe.

Israels Luftwaffe hatte ein 13-stöckiges Hochhaus am Samstag komplett zerstört, in dem Medienunternehmen wie Associated Press (AP) ihre Büros hatten. Berichten zufolge waren die Bewohner zuvor telefonisch aufgefordert worden, das Gebäude zu verlassen. Ein Sprecher des militärischen Hamas-Arms drohte Tel Aviv daraufhin mit einer „Antwort, die die Erde erschüttern lässt“.

Iran sichert Hamas Unterstützung zu

Iran versprach der Hamas seinen Rückhalt im Kampf gegen Israel. In einem Telefonat mit dem Hamas-Chef Ismail Hanija am Samstag sicherte der Kommandeur der Al-Kuds Brigade der iranischen Revolutionsgarden, General Ismaeil Ghani, uneingeschränkte Unterstützung zu, wie iranische Staatsmedien berichteten. Hanija bedankte sich seinerseits für die Unterstützung des Irans und sagte laut Nachrichtensender Al-Alam, dass der Kampf gegen Israel nicht einer der Hamas, sondern der gesamten islamischen Welt sei.

Der iranische Außenminister hatte zuvor kurzfristig einen für Samstag geplanten Besuch in Österreich abgesagt, nachdem die Regierung in Wien die israelische Flagge auf ihren Gebäuden gehisst hatte. Hauptthema des Treffens wären die in Wien laufenden Verhandlungen zur Erneuerung der Atomvereinbarung mit Iran von 2015 gewesen. Iran betrachtet Israel als seinen Erzfeind und unterstützt anti-israelische Widerstandsgruppen, darunter auch die Hamas und Islamischer Dschihad im Gazastreifen sowie die Hisbollah-Miliz in Südlibanon.

Die gesamte iranische Führung hatte diese Woche „die brutalen und grausamen Verbrechen“ Israels an den Palästinensern aufs Schärfste verurteilt. Dennoch hält sich Iran in dem jüngsten Konflikt eher zurück. Ein Grund sind laut Beobachtern die Atomverhandlungen, die Teheran nicht gefährden wolle. Dort geht es vor allem um die Aufhebung der US-Sanktionen, die Iran in den letzten zwei Jahren in eine Wirtschaftskrise gestürzt haben.

AP entsetzt über Bürozerstörung

Die Nachrichtenagentur AP zeigte sich nach der Zerstörung des Hochhauses mit ihrem Büro im Gazastreifen entsetzt: „Das ist eine unglaublich beunruhigende Entwicklung“, teilte AP-Präsident Gary Pruitt am Samstag in einer ersten schriftlichen Stellungnahme mit. „Wir sind nur knapp einem schrecklichen Verlust von Menschenleben entgangen.“ Die Nachrichtenagentur sei vorab über den Luftschlag auf das Hochhaus mit den Medienbüros informiert worden. Ein Dutzend AP-Journalisten und freie Mitarbeiter seien rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden. Pruitt zeigte sich „schockiert“ darüber, dass das israelische Militär ein Gebäude mit Medienbüros zerstörte. Die Welt werde nun weniger darüber erfahren, was in Gaza passiert. Den Streitkräften sei bekannt gewesen, dass das AP-Büro in dem Gebäude untergebracht war. „Wir bemühen uns um Informationen von der israelischen Regierung und sind mit dem US-Außenministerium in Kontakt.“

Später am Abend gab AP eine ergänzende Stellungnahme zu der Behauptung Israels heraus, dass die Hamas in dem Gebäude mit ihrem Geheimdienst aktiv gewesen sein soll: „Wir haben die israelische Regierung aufgefordert, Beweise für diese Behauptung zu liefern. Das Büro von AP war seit 15 Jahren in diesem Gebäude. Wir haben keinerlei Hinweise, dass die Hamas in dem Gebäude untergebracht war oder dort bestimmten Aktivitäten nachging. Das ist etwas, das wir aktiv prüfen, so gut wir das können. Wir würden nie wissentlich das Leben unserer Journalisten in Gefahr bringen.“

Es ist das fünfte Hochhaus, das Israels Armee seit Beginn der jüngsten Eskalation am Montag zum Einsturz bringt. Den Angaben zufolge hatte auch der katarische Fernsehsender Al Jazeera ein Büro in dem zuletzt zerstörten Gebäude. Die israelischen Streitkräfte teilten auf Twitter mit, Kampfflugzeuge hätten ein Hochhaus angegriffen, in dem der Militärgeheimdienst der islamistischen Hamas über „militärische Ressourcen“ verfügt habe.

Die Hamas hatte am Samstag ihre Angriffe zuvor bereits fortgesetzt. Im Großraum Tel Aviv waren sie so intensiv wie nie zuvor. Militante Palästinenser im Gazastreifen feuerten drei Mal kurz hintereinander Raketen auf die Küstenmetropole. In Tel Avivs Nachbarstadt Ramat Gan starb nach Angaben von Sanitätern ein etwa 50 Jahre alter Mann beim Einschlag einer Rakete. Immer wieder waren heulende Warnsirenen sowie Explosionen zu hören. Insgesamt acht Angriffswellen erlebte der Großraum Tel Aviv nun seit Dienstagabend. Damit hat die Hamas nach Angaben eines israelischen Luftwaffenoffiziers seit Montag mehr als 2300 Raketen auf Israel abgefeuert. Israel habe im gleichen Zeitraum mehr als 650 Ziele im Gazastreifen angegriffen.

Konflikt eskalierte Anfang der Woche

Der Konflikt zwischen Israel und der im Gazastreifen herrschenden Hamas war zu Wochenbeginn eskaliert. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden seitdem rund 140 Menschen getötet und 1000 verletzt. Wie der Rettungsdienst Magen David Adom mitteilte, kamen in Israel durch den Raketenbeschuss der vergangenen Tage zehn Menschen ums Leben, 636 wurden verletzt.

Die amtliche palästinensische Nachrichtenagentur Wafa teilte am Samstag mit, in dem Flüchtlingslager Schati im Westen von Gaza sei ein Haus getroffen worden. Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums zufolge waren dabei zehn Mitglieder einer palästinensischen Familie getötet worden, darunter acht Kinder. Ein fünf Monate alter Junge überlebte den Angriff demnach. Die israelischen Streitkräfte prüfen die Berichte.

Zuletzt hatte Israels Luftwaffe auch ein breites Tunnelsystem der im Gazastreifen herrschenden Hamas angegriffen. Dabei wurden eigenen Angaben zufolge 500 Tonnen Munition eingesetzt. An dem Angriff auf das sogenannte Metro-System in der Nacht zum Freitag seien 160 Flugzeuge des Typs F-16 und F-35 beteiligt gewesen, sagte ein ranghoher Offizier der israelischen Luftwaffe. Es sei noch unklar, ob und wie viele Hamas-Kämpfer dabei getötet worden seien. „Potenziell sind es aber Hunderte“, sagte er.

Vorwurf der Manipulation von Medien

Ausländische Medien haben den israelischen Streitkräften vorgeworfen, sie mit einem Tweet kurz vor dem Angriff absichtlich manipuliert zu haben. „Luft- und Bodentruppen greifen gegenwärtig im Gazastreifen an“, hieß es darin in der Nacht zum Freitag, als mit einer Bodenoffensive Israels gerechnet wurde. Dies hatte nach Medienberichten zahlreiche Hamas-Kämpfer dazu bewegt, in das unterirdische Metro-System abzutauchen. Nachdem sie so in die Falle gegangen seien, habe Israels Luftwaffe das Tunnelnetz rund 40 Minuten lang bombardiert. Die Armee dementierte eine gezielte Manipulation der ausländischen Medien und sprach von einem Kommunikationsfehler. Es befinde sich kein israelischer Soldat im Gazastreifen.

Die Angriffe aus dem Gazastreifen auf Israel seien so intensiv wie nie zuvor, sagte der israelische Luftwaffenoffizier. Etwa 20 Prozent der abgefeuerten Raketen schlugen demnach noch in dem Palästinensergebiet selbst ein. Dabei seien auch Kinder getötet worden. Israel hat dem Offizier zufolge insgesamt 31 Raketenwerkstätten von Hamas und dem extremistischen Islamischen Dschihad zerstört. Hamas habe daher gegenwärtig nicht mehr die Fähigkeit, neue Raketen herzustellen. Die islamistische Hamas wird von Israel, den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft. Sie hat die Zerstörung Israels zu ihrem Ziel erklärt.

Die USA bemühen sich derweil intensiv um eine Deeskalation im Gaza-Konflikt. Wie die US-Botschaft in Israel mitteilte, landete der Spitzendiplomat Hady Amr auf dem Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv. US-Außenminister Antony Blinken hatte ihn gebeten, sich mit Vertretern beider Seiten zu treffen.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hatte sich während des muslimischen Fastenmonats Ramadan und nach der Absage der palästinensischen Parlamentswahl zugespitzt. Als Auslöser gelten etwa Polizei-Absperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden.

Hinzu kamen Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Scheich Dscharrah wegen Zwangsräumungen sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg (Al-Haram al-Scharif). Die Anlage mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch Juden heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. Die islamistische Hamas hat sich zum Verteidiger Jerusalems erklärt.

Die Palästinenser gedachten am Samstag, dem Tag der Nakba (Katastrophe), der Vertreibung und Flucht Hunderttausender Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948. Rund 500 Menschen demonstrierten in Ramallah im Westjordanland. Sie schwenkten dabei palästinensische und schwarze Flaggen. Am Mittag heulten 73 Sekunden lang die Sirenen – im Gedenken an die Nakba vor 73 Jahren. In diesem Jahr fiel der Tag zusammen mit dem dritten Tag des Eid-al-Fitr-Festes, des sogenannten Zuckerfestes zum Ende des Fastenmonats Ramadan.

Quelle: lohe./dpa/AFP
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