Bellingcat-Recherche

Wer ist Ruslan Boschirow wirklich?

Von Julian Dorn
28.09.2018
, 16:31
Ihr Aufenthalt blieb nicht unbemerkt: die beiden Verdächtigen auf dem Standbild einer Überwachungskamera an einer Bahnstation in Salisbury
Die zwei Männer sollen unter Decknamen nach Großbritannien eingereist sein, um den Ex-Doppelagenten Skripal mit einem Nervengift zu töten. Nun hat ein Recherchenetzwerk wohl die wahre Identität eines Verdächtigen enthüllt. Chronologie einer Spurensuche.
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Das Interview der beiden Männer, die sich Ruslan Boschirow und Alexander Petrow nennen, wirkte bizarr. Im Plauderton äußerten sich die Russen vor zwei Wochen im kremlnahen Sender „RT“ zu dem Vorwurf, sie hätten Anfang März im Auftrag des Kremls den Giftanschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal in Salisbury verübt. Beide gaben unumwunden zu, die Männer auf den von der britischen Polizei veröffentlichten Fahndungsfotos zu sein. Ihre Verwicklung in den Giftanschlag bezeichneten sie aber als „Nonsens“.

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Auch die russische Regierung hatte die Vorwürfe zuvor zurückgewiesen. Die britischen Ermittler gehen allerdings davon aus, dass die beiden Männer das Nervengift Nowitschok auf die Türklinke der Skripals gesprüht haben. Mit Bildern aus Überwachungskameras rekonstruierten die Ermittler minuziös den Weg der beiden am Tag des Anschlags – an dem sich die beiden auch in unmittelbarer Nähe von Skripals Haus aufhielten. Die Tatverdächtigen erklärten in dem „RT“-Interview denn auch freimütig, an dem Tag in Salisbury gewesen zu sein – allerdings als Touristen, auf Empfehlung von Freunden. Sie seien nur nach Großbritannien geflogen, um „die berühmte Kathedrale von Salisbury zu besichtigen“, sagte der sich als Boschirow ausgebende Mann. „Sie ist für ihren 123 Meter hohen Turm und ihr Glockenspiel bekannt, das das älteste der Welt ist und das bis heute funktioniert“, fügte er hinzu.

„Nur Touristen“: die beiden Tatverdächtigen beim Interview im russischen Fernsehen
„Nur Touristen“: die beiden Tatverdächtigen beim Interview im russischen Fernsehen Bild: AFP

Beide versicherten zudem, dass sie tatsächlich Alexander Petrow und Ruslan Boschirow hießen und sie nicht unter Decknamen nach Großbritannien eingereist seien. Das Interview hatte weltweit für Hohn und Spott gesorgt. Insbesondere an den angegebenen Namen zweifelten die Investigativ-Journalisten der britischen Recherche-Seite Bellingcat – und begannen nachzuforschen. Nun wollen sie den Klarnamen von Ruslan Boschirow enttarnt haben. In Wahrheit soll es sich bei Boschirow um einen hochdekorierten russischen Offizier namens Anatoli Tschepiga handeln.

Ehrte Putin den Verdächtigen persönlich?

Dem Bellingcat-Bericht zufolge wurde Tschepiga am 5. Mai 1979 in Russland nahe der chinesischen Grenze geboren. Mit 18 Jahren sei er auf eine Eliteschule für Marinesoldaten gewechselt. 2001 habe Tschepiga die Ausbildung dort mit Auszeichnung abgeschlossen. Anschließend diente er offenbar in der 14. Brigade der Spetsnaz, einer Spezialeinheit des russischen Militärgeheimdienstes GRU. Tschepigas Einheit spielte laut Bellingcat eine Schlüsselrolle im zweiten Tschetschenien-Krieg. Tschepiga selbst soll drei Mal in Tschetschenien im Einsatz gewesen sein. Seinen Decknamen „Ruslan Boschirow“ habe er dann irgendwann zwischen 2003 und 2010 angenommen. Unter diesem Alter Ego sei er nach Moskau versetzt worden, wo er weiter für den russischen Militärgeheimdienst GRU gearbeitet haben soll. Er sei verheiratet und Vater eines Kindes.

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Vor vier Jahren sei er sogar als „Held der Russischen Föderation“ ausgezeichnet worden. Dieser Ehrentitel ist eine der höchsten Auszeichnungen des Landes und wird in der Regel von Präsident Wladimir Putin persönlich vergeben. Offizielle Aufzeichnungen darüber gibt es laut dem Bericht aber nicht.

Die Investigativ-Plattform betont, die Daten aus unterschiedlichen und voneinander unabhängigen Quellen bezogen zu haben. Die britische Zeitung „Daily Telegraph“ und die BBC berichteten ebenfalls. Zwei Insider aus europäischen Sicherheitskreisen mit Kenntnis der Skripal-Ermittlungen sagten Reuters inzwischen, die Angaben seien zutreffend.

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Bellingcat ist ein renommiertes investigatives Recherchenetzwerk um den britischen Netzaktivisten Eliot Higgins. Es untersucht unter anderem auch den Einsatz von chemischen Waffen im syrischen Bürgerkrieg. Für Furore sorgten die Reporter vor allem mit einer Analyse zum Abschuss der malaysischen Passagiermaschine MH17 über der Ostukraine: Bellingcat warf der russischen Regierung damals vor, Satellitenbilder gefälscht zu haben, um die Schuld am Absturz von MH17 der ukrainischen Seite anzulasten. Nach eigenen Angaben finanziert es sich durch Crowd-Funding.

Wie Bellingcat bei der Recherche vorging

Der Enthüllung im Fall Skripal ging eine akribische Recherche voraus, die sich für das Team von Bellingcat nach eigenen Angaben schwierig gestaltete. Den Investigativ-Journalisten lagen lediglich die beiden Fotos vor, welche die britische Polizei von den zwei Tatverdächtigen veröffentlicht hatte, sowie deren mutmaßliche Decknamen. Die Bildersuche einschlägiger Suchmaschinen und der Versuch, in Datenbanken nach den Telefonnummern zu suchen, die unter den beiden Namen registriert sein könnten, führten zu keinem Ergebnis.

Also wählte das Rechercheteam einen anderen Ansatz: Bellingcat ging von der Hypothese aus, dass es sich bei den beiden Verdächtigen um Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdienstes GRU handeln müsse, die auf Operationen in Westeuropa spezialisiert seien. Die Reporter befragten daraufhin ehemalige russische Militäroffiziere, welche Militärschulen eine entsprechende Ausbildung anbieten. Dabei stießen sie auf die „Far Eastern Military Command Academy“.

Ein von der britischen Polizei herausgegebenes Foto, das die beiden russischen Agenten zeigen soll, die Großbritannien für den Nervengiftanschlag auf Sergej Skripal verantwortlich macht
Ein von der britischen Polizei herausgegebenes Foto, das die beiden russischen Agenten zeigen soll, die Großbritannien für den Nervengiftanschlag auf Sergej Skripal verantwortlich macht Bild: AFP

Da auch das ungefähre Alter der beiden mutmaßlichen Attentäter bekannt war, beschränkte sich das Team bei der weiteren Recherche auf die Abschlussjahrgänge zwischen 2001 und 2003. Nun durchforsteten die Bellingcat-Mitglieder die Jahrbücher mit den Fotos der Absolventen in dem entsprechenden Zeitraum. Auf einem undatierten Gruppenfoto von ehemaligen Absolventen, aufgenommen in Tschetschenien, erzielten sie einen möglichen Treffer. Das Foto illustrierte einen Artikel zur Geschichte der Akademie; darin heißt es, dass sieben Absolventen auf dem Gruppenbild mit dem Ehrentitel „Held der Russischen Föderation“ ausgezeichnet worden seien. Einer der abgebildeten Männer hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Boschirow.

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Nun hatte Bellingcat einen Anhaltspunkt. Die Journalisten suchten in der Folge nach Bezügen zwischen der Militärakademie, Tschetschenien und der Auszeichnung „Held der Russischen Föderation“. Sie stießen auf einen Namen: Anatoli Tschepiga. Die Ergebnisse der weiteren Suche verwunderten die Investigativ-Journalisten von Bellingcat: Zu dem Namen fanden sie weder Fotos noch Benutzerkonten in den Sozialen Medien. Und das, obwohl Tschepiga doch mit der höchsten nationalen Auszeichnung geehrt worden sein sollte.

Daraufhin durchsuchten sie geleakte russische Datenbanken nach dem Namen. Ein Mann namens Tschepiga wird in einem Datensatz aus dem Jahr 2003 mit einer Adresse aufgeführt, die eine Abkürzung für „Military Unit 20662“ ist. Die vom russischen Verteidigungsministerium vergebene Zahlenkombination steht für die 14. Brigade der Spetsnaz, der Spezialeinheit der GRU.

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In einer weiteren Datenbank aus dem Jahr 2012 wird ebenfalls ein Anatoli Tschepiga aufgeführt, wohnhaft in Moskau und geboren am 5. April 1979. Wieder suchte Bellingcat mit Hilfe des Geburtsdatums und der Moskauer Adresse nach Treffern im Internet – abermals vergeblich. Das Recherche-Team musste an ein Foto von Tschepiga herankommen, um endlich Gewissheit darüber zu erhalten, ob er der Gesuchte mit dem Alias Ruslan Boschirow ist.

Über eine weitere Datenbank mit Passdateien gelangten sie schließlich an ein Passfoto des Mannes aus dem Jahre 2003 – und tatsächlich: Die Ähnlichkeit zu dem Fahndungsfoto von Boschirow ist frappant. Bellingcat stieß aber noch auf weitere Übereinstimmungen: In einem Antragsformular für Reisepässe ist als Wohnort des Mannes „Military Unit 20662“ angegeben – was zu den Eintragungen in der Datenbank von 2003 passt. Außerdem fand sich ein Hinweis zu der Auszeichnung „Held der Russischen Föderation“.

Große Ähnlichkeit: das Passfoto von Anatoli Tschepiga und das Fahndungsfoto von Ruslan Boschirow
Große Ähnlichkeit: das Passfoto von Anatoli Tschepiga und das Fahndungsfoto von Ruslan Boschirow Bild: Bellingcat

Dementi aus Moskau

Weder Scotland Yard noch das britische Innenministerium wollten sich auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa zu dem Bericht äußern. Die BBC berichtete unter Berufung auf ungenannte Quellen, es gebe „keine Kontroverse“ über die Identifizierung.

Moskau hat den Bericht als Ablenkungsmanöver abgetan. Die Veröffentlichung sei mit dem Auftritt der britischen Premierministerin Theresa May im UN-Sicherheitsrat abgestimmt gewesen, erklärte die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa am Donnerstag. „Es gibt keinen Beweis, also setzen sie ihre Informationskampagne fort“, schreibt Sacharowa im Online-Netzwerk Facebook.

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Der russische Außenminister Sergej Lawrow betonte abermals, dass es keine Beweise für eine Verstrickung Moskaus in den Fall gebe. „Jedes Mal, wenn etwas dazu erklärt wird, gibt es keine hundertprozentigen Beweise“, sagte der russische Chefdiplomat in New York. Die neuen Erkenntnisse von Bellingcat kommentierte er nicht.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte die beiden Verdächtigen vor zwei Wochen sogar noch als „Zivilisten“ bezeichnet. Auf einem Wirtschaftsforum in Wladiwostok sagte Putin: „Da ist nichts Besonderes daran, nichts Kriminelles, das versichere ich Ihnen. Das werden wir bald sehen.“ Nach den jüngsten Bellingcat-Enthüllungen werden die Zweifel daran nun immer größer.

Der Fall Skripal

Der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julija wurden Anfang März in der südenglischen Stadt Salisbury durch das in der Sowjetunion entwickelte Nervengift Nowitschok schwer verletzt und überlebten nur knapp. Eine dritte Frau, die später mit dem Gift in Kontakt kam, starb.

Sergej Skripal hatte früher für den russischen Militärgeheimdienst GRU gearbeitet und dem britischen MI6 Informationen weitergeleitet. 2004 flog er auf. Er wurde in Russland zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt. Bei einem Gefangenenaustausch kam er 2010 nach Großbritannien.

Anfang September veröffentlichte die britische Polizei dann Fahndungsfotos und die Namen von zwei russischen Verdächtigen, mit denen sie nach Großbritannien eingereist waren. Minuziös zeichneten die Ermittler den Weg der beiden nach Salisbury nach – sie hatten dafür Videoaufnahmen im Umfang von etwa 11.000 Stunden ausgewertet. Auch in der Nähe des Wohnhauses von Sergej Skripal hatten sich die beiden Männer demnach aufgehalten. In ihrem Hotelzimmer fanden sich Spuren des Nervengifts.

Die britische Premierministerin Theresa May erklärte anschließend vor dem Parlament, dass es sich bei den Verdächtigen um russische Agenten des Militärgeheimdienstes GRU handeln soll. Die britische Regierung macht Moskau für die Anordnung des Anschlags verantwortlich, der Kreml weist jegliche Verantwortung zurück. Der Fall führte zu einer schweren Krise zwischen Russland und dem Westen, beide Seiten wiesen dutzende Diplomaten aus. (dpa/AFP)

Quelle: FAZ.NET mit dpa
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