FAZ plus ArtikelMafia in Italien

Freiheit für reumütige Paten?

Von Matthias Rüb, Rom
08.07.2021
, 06:19
Die Stelle, an der die Mafia am 23. Mai 1992 in Sizilien den Richter Falcone, dessen Frau und Leibwächter ermordet hat
Um in das Innere der Mafia einzudringen, bietet Italiens Justiz kooperationsbereiten Bossen eine vorzeitige Freilassung an. Seit der Organisator eines der spektakulärsten Mafia-Morde wieder frei ist, wird darüber gestritten.
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Giovanni Brusca, zu lebenslanger Haft verurteilter Pate der sizilianischen Cosa Nostra, sagte bei einem Interview im Januar 2016 im Gefängnis von Rebibbia im Osten Roms folgende Sätze: „Nach meiner Verhaftung habe ich am eigenen Leib den Unterschied zwischen meiner Unmenschlichkeit und der Menschlichkeit der Vertreter des Staates erfahren. Ich dachte, sie würden mich umbringen. Aber stattdessen haben sie mir erlaubt, meinen Sohn zu sehen. Ich habe eine Lektion in Moral gelernt, die ich nie vergessen werde.“ Und dann fuhr Brusca in dem Gespräch mit dem französischen Dokumentarfilmer Mosco Levi Boucault fort: „Ich bitte die Familien aller Opfer, denen ich so großen Schmerz und so großes Leid zugefügt habe, um Verzeihung.“

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Am 31. Mai wurde Giovanni Brusca aus dem Gefängnis entlassen, nach 25 Jahren Haft. Weil er nach seiner Verhaftung vom Mai 1996 mit den Strafverfolgern kooperiert und als Kronzeuge viele seiner früheren Komplizen ans Messer geliefert hatte, kam Brusca vorzeitig frei. Einen freien Mann wird man den 64 Jahre alten einstigen Mafia-Boss aber nicht nennen können. Für vier Jahre muss Brusca strenge Auflagen der Gerichte befolgen. Im Zeugenschutzprogramm des italienischen Staates, ausgestattet mit neuer Identität und verändertem Aussehen, dürfte die Angst vor Rache ein ständiger Begleiter Bruscas in dessen Leben an einem geheimen Aufenthaltsort sein.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rüb, Matthias (rüb)
Matthias Rüb
Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.
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