Japan

Die Kinder von Fukushima

Von Petra Kolonko
Aktualisiert am 25.09.2011
 - 14:06
Die Umgebung des Minami Kindergartens bleibt weiterhin radioaktiv belastetzur Bildergalerie
Wie hoch ist die Strahlung? Was kann man tun? Die Bewohner der Stadt Fukushima fühlen sich von den Behörden alleingelassen. Manche sagen sogar, man missbrauche sie als Versuchskaninchen.

Mit dem Atomunfall hat für Miyako Okochi aus Fukushima eine Zeit endloser Sorgen und Ängste begonnen. Ein halbes Jahr nach der Katastrophe ist die Strahlung immer noch erhöht in der Präfekturhauptstadt, die 60 Kilometer vom havarierten Kraftwerk entfernt liegt. Schulen und Grünflächen sind kontaminiert, es gibt viele „Hotspots“ mit hoher Strahlung. Frau Okochi fürchtet um die Gesundheit ihrer drei Kinder. Sie würde gerne wegziehen aus Fukushima, doch das würde bedeuten, dass sie und ihr Mann ihre Arbeitsstellen verlieren.

Seit mehr als sechs Monaten leben die 300.000 Einwohner von Fukushima-Stadt mit der Verstrahlung und fühlen sich von den Behörden, der Präfektur und der Zentralregierung schlecht informiert und allein gelassen. Die Stadt Fukushima liegt außerhalb der Evakuierungszone um das Kernkraftwerk, verzeichnet aber teilweise höhere Strahlungswerte als einige Orte innerhalb der Zone. Zu wenig täten die Präfektur und Regierung zum Schutz der Bürger von Fukushima und vor allem ihrer Kinder, und das auch noch zu spät, klagen Bewohner.

„Wir leben kein normales Leben mehr“ sagen Mütter in Fukushima. Sie wissen nicht, ob sie ihre Kinder draußen spielen lassen können, ob die Schulen sicher sind und welches Essen sie ihnen vorsetzen können. Sie kaufen Trinkwasser in Flaschen und wagen nicht mehr die Wäsche draußen aufzuhängen. Sie wollen nicht überreagieren, aber auch ihre Kinder schützen. Auf ihre Fragen bekommen sie von der Präfektur keine klaren Antworten. Eltern sind zutiefst misstrauisch gegenüber den Verlautbarungen der Regierung und der Präfektur, weil diese die Stadt in den ersten Wochen nach dem Unfall nicht vor der Strahlungsgefahr gewarnt hatten.

Die japanische Regierung verfügte nach Unfall die Evakuierung einer Zone von 20 Kilometer um das Kraftwerk. Später wurde die Zone auf 30 Kilometer erweitert. Die Einwohner dieser Zone sollten allerdings nicht zum Verlassen ihrer Wohnungen gezwungen werden. Die Regierung veröffentlichte aber nicht die Computervorhersagen über die zu erwartende Verteilung des radioaktiven Niederschlags, die anzeigten, dass die Belastung sich durch Wind und Regen hauptsächlich in Richtung Nordwesten bis hin zur Stadt Fukushima ausbreitete. So wusste niemand in Fukushima in der ersten Woche nach dem Unglück, dass die Strahlung hoch war. Es gab weder Vorsichtsmaßregeln, noch wurden Jod-Blockade-Tabletten für die Einwohner ausgegeben.

Kinder waren hoher Strahlung ausgesetzt

„Wir waren alle draußen, auch die Kinder, in den ersten Tagen nach dem Unglück. Denn es gab wegen des Erdbebens kein Wasser und wir mussten draußen Schlange stehen für Trinkwasser“, berichtet Mieko Toyama von der Initiative „Rettet Fukushimas Kinder vor der Strahlung“. Sie und andere Eltern wissen, dass die Kinder damals hoher Strahlung ausgesetzt waren, und haben Angst, wie sich das auswirken wird, besonders, weil ihre Kinder auch seither in einer Umgebung mit erhöhter Strahlung gelebt haben.

Die Eltern sind auch empört darüber, dass die Regierung nach dem Unfall den erlaubten Grenzwert für Strahlung in der gesamten Präfektur Fukushima für alle, auch Kinder und Schwangere, von einem Milisievert pro Jahr auf 20 Milisievert pro Jahr heraufsetzte. In Deutschland entspricht das der Höchstbelastung, der Arbeiter in Kernkraftwerken ausgesetzt sein dürfen. Nach lauter Kritik setzte die Regierung den Grenzwert nur für Kinder im Mai auf 1 Milisievert pro Jahr herunter.

In diesem Jahreswert wird aber die Zeit der höchsten Belastung nicht mitgerechnet. Ein Milisievert pro Jahr soll von April dieses Jahres bis zum nächsten April gelten. Somit ist die Zeit des Reaktorunglücks mit der höchsten Belastung im März nicht in die Kalkulation eingeflossen. „Wir haben das Erziehungs-Ministerium auch gefragt, warum das so gerechnet wird, aber keine Antwort bekommen,“ sagt Fusaichi Saito vom Schulamt der Stadt Fukushima.

Auf Druck der Eltern wurden Strahlungswerte gemessen

Erst auf Druck der Eltern und auf Initiative einiger Schulleiter wurden im April die Strahlungswerte an Schulen gemessen. 76 Prozent der Schulen in der Stadt Fukushima lagen über dem für Fukushima geltenden Limit von 3,8 Mikrosievert pro Stunde. Das Schulamt sah sich nach Protesten von Eltern im Mai veranlasst, etwas zu unternehmen. Von Mai bis August trug man die Oberfläche der Erde auf den Schulhöfen ab. Weil niemand wusste, wohin mit dem strahlenden Erdreich, wurde die abgetragene Erde auf den Schulhöfen, nur mit Plastikplanen abgedeckt, gelagert.

Dann wies das Erziehungsministerium die Schulen an, die kontaminierte Erde auf den Schulhöfen einzugraben. Nun liegt die mit radioaktivem Caesium kontaminierte Erde zwei Meter unter der Oberfläche auf Schulhöfen und Sportplätzen der Schulen. Die Maßnahme ist fürs erste effektiv. Die Strahlung auf den Schulhöfen ging von von 2-4 Mikrosievert pro Stunde auf ungefähr 0,2 Mikrosievert pro Stunde zurück und die Schulbehörde erklärte die Schulen für sicher. „Wir ermutigen die Schulen, wieder draußen Sport zu treiben“, sagt Herr Saito vom Schulamt.

Mit der Dekontaminierung der Schulhöfe und Sportplätze ist noch längst nicht alles sicher. Messungen von Greenpeace haben ergeben, dass besonders in Schulen in höher verstrahlten Bezirken der Stadt die Belastung an den Rändern der Schulhöfe, an Gebäuden, Wasserrinnen, Wegen und Grünflächen noch Werte zwischen 4-24 Mikrosievert erreicht. Dadurch besteht laut Greenpeace Gefahr einer Rekontaminierung. Die Schulbehörde zweifelt die Messergebnisse von Greenpeace nicht an. „Wir wissen, dass es noch viele Hotspots gibt“, sagt Saito. Greenpeace habe aber nur einige Schulen gemessen und die Auswirkungen seien nicht so dramatisch wie dargestellt. Er verspricht, dass als nächstes Schulwege dekontaminiert werden sollen.

Umgebung ist noch nicht dekontaminiert

Den Eltern reicht die Dekontaminierung der Schulhöfe nicht. Das Schlimme sei, dass die Umgebung ja weiterhin kontaminiert sei. Auf den Schulwegen und in der Nachbarschaft gebe es Punkte mit hoher Strahlung, sagt Frau Toyama. Eltern könnten sich nicht sicher fühlen, bevor nicht die ganze Umgebung dekontaminiert sei. Nachdem bekannt wurde, dass einige Schulgebäude und Wege noch stark belastet sind, haben einige Schulen und Kindergärten zur Selbsthilfe gegriffen und die Gebäude abgewaschen.

Eltern fürchten auch Strahlenbelastung für ihre Kinder aus dem Schulessen. In den Schulen wird ein Mittagessen aus lokalen Produkten serviert. Man folge damit der Weisung der Präfektur, die gesagt hat, dass alle Lebensmittel, die auf den Markt kommen sicher seien, heißt es beim Schulamt. Nach Kritik der Eltern sollen die vier Schulküchen der Stadt jetzt ihre Lebensmittel testen, doch das wird erst im April nächsten Jahres beginnen. Viel zu spät, sagen die Eltern.

Seiichi Nakate von der Initiative für Fukushimas Kinder fürchtet, dass sich bald gesundheitliche Folgen für die Kinder zeigen können. Er verweist auf Studien über die Folgen von Tschernobyl, die ergaben, dass nicht nur das Krebsrisiko für Kinder, sondern auch ihre Anfälligkeit für andere Krankheiten steigen wird. Von einer Bürgerinitiative in Fukushima organisierte Urinuntersuchungen in einem französischen Labor ergaben bei zehn von zehn Kindern Caesium im Urin.

Zum Entsetzen vieler besorgter Bürger hat die Präfektur mit Shunichi Yamashita einen Mediziner zum Berater für Strahlenschutz ernannt, der sagt, dass selbst 100 Milisievert im Jahr kein Problem seien, weil bis dahin ein erhöhtes Krebsrisiko nicht nachzuweisen sei. Yamashita sagte noch Ende März, dass Kinder in Fukushima ruhig draußen spielen könnten und empfahl Eltern und Kindern, sich nicht zu sorgen, das sei die beste Maßnahme zum Strahlenschutz. Mittlerweile spricht auch Yamashita, der jetzt für die medizinische Überwachung der Bürger von Fukushima zuständig ist, davon, dass Eltern die Möglichkeit haben sollten, aus der Gegend wegzuziehen. „Die Präfektur benutzt uns als Versuchskanichen“, schimpft Nakate.

Urin-Analysen seien nötig

Die Eltern-Initiativen fordern bessere Aufklärung und umfassende medizinische Test. Urin-Analysen für alle Kinder in der Präfektur Fukushima seien nötig, um die innere Verstrahlung messen zu können. Die Regierung hat bis jetzt erst 120 Kinder in einem Ganz-Körper-Messgerät auf innere Verstrahlung getestet. Seit dem Sommer haben 1600 Kinder die Schulen der Präfektur Fukushima verlassen. Viele andere Familien wollen weg, können aber aus finanziellen Gründen nicht. Die Eltern-Initiative fordert von der Regierung, allen Familien in Fukushima, die weg wollen, finanzielle Unterstützung zu leisten. Die Familien sollten die Wahl haben.

Der beste Schutz für die Kinder sei der Wegzug, sagt Nakate. Wenn der nicht möglich sei, sollte man zumindest die Schulen aus den stark belasteten Stadtbezirken in andere Gegenden der Stadt verlegen und Zweigschulen eröffnen. Eine Verlegung der Schulen als Ganzes würde den Eltern auch schwierige Entscheidungen abnehmen. Doch das Schulamt hat keine solchen Pläne.

Einige Eltern greifen zur Selbsthilfe. Mamoru Shida hat eine Organisation gegründet, die bei der selbst organisierten Evakuierung hilft, er nennt sie das „Hameln-Projekt“. Er hat bereits zwanzig Familien und 600 Müttern mit Kindern zum vorübergehenden Umzug verholfen. Es gibt viele leere Schulen in Japan, die Kinder aus Fukushima aufnehmen würden, sagt Shida. Er hat auch den Behörden von diesen Angeboten erzählt, doch die waren nicht interessiert. Die Präfektur-Regierung tut nichts, sie will nicht, dass die Menschen alle Fukushima verlassen, vermutet Shida.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot