Großbritannien und Corona

Johnsons Volten in der Pandemiepolitik

EIN KOMMENTAR Von Gina Thomas
28.07.2021
, 18:02
Bitte Abstand halten: Johnson begrüßt am Mittwoch eine Polizeikadettin.
Boris Johnson steckt in der Bredouille. Kaum verkündet er den Tag der Freiheit von Coronabeschränkungen, muss er selbst in Hausarrest. Das hat System.

Der Begriff für die politische Philosophie britischer Nachkriegspolitiker, sofern sie eine hatten oder haben, bildet sich in der Regel aus der Kombination ihres Namens mit der Endung „-ismus“, wie Thatcherismus oder Blairismus. Wie so oft ist Boris Johnson die Ausnahme der Regel. Auf ihn ist der Begriff „Cakeism“ gemünzt worden. Er ergibt sich aus dem Spruch, den er als Devise ausgegeben hat: „to have one’s cake and eat it“, was so viel heißt wie „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“.

Der Premierminister hat das Motto im Zusammenhang mit dem Brexit ins Spiel gebracht. Wie die Ereignisse der vergangenen Woche gezeigt haben, trifft es aber auch auf seine Corona-Strategie zu. Trotz in die Höhe schnellender Infektionszahlen war Johnson entschlossen, seinen libertären Instinkten treu zu bleiben und am sogenannten „Tag der Freiheit“ festzuhalten, mit dem der „große britische Sommer“ beginnen sollte. Gleichzeitig sah er sich gezwungen, Maßnahmen anzukündigen, die ihm und den energischen Verfechtern des freien Willens in seiner eigenen Partei gegen den Strich gehen, allen voran die Impfpässe, ohne die von September an der Zugang zu größeren Versammlungsstätten nicht möglich sein wird.

Der Sieg gegen die Pandemie scheint noch weit entfernt

Diese Maßnahme weckt den britischen Argwohn gegen die Ausweispflicht. Personalausweise werden als Ausgeburt des Polizeistaates empfunden. Vor Kurzem hatte die Regierung noch versichert, von Impfpässen abzusehen. Genauso verkündete sie, die Aufhebung der Beschränkungen werde unwiderruflich sein. In diesen Tagen, in denen die Corona-App mittels „Ping“ geschätzte 1,7 Millionen Briten in die Quarantäne geschickt hat, lautet das neue, kleinlaute Schlagwort „Keep life moving“.

Zu Johnsons Entlastung wird auf den Erfolg der Impfkampagne hingewiesen, die der Schlüssel zur Freiheit sein soll. Doch gerät diese wegen der niedrigen Akzeptanz gerade in der Altersgruppe ins Stocken, bei der nun die höchsten Fallzahlen verzeichnet werden. Nichts macht Johnsons Bredouille so bildhaft, wie sein durch die „Pingdemie“ bedingter Hausarrest am Tag der Freiheit. Aus der churchillschen Ansprache, die er halten wollte, wurde nichts. Welche Ironie, dass die missglückte Befreiung von den Corona-Auflagen genau auf den Tag fiel, an dem Churchill achtzig Jahre zuvor den zum „V for Victory“ gespreizten Zeige- und Mittelfinger als Symbol des Sieges aufgriff.

Für Johnson scheint der Sieg gegen die Pandemie noch weit entfernt. Zwischen Baum und Borke gleicht er eher dem doppelköpfigen Lama Stoßmich-Ziehdich aus der Menagerie des Tierarztes Dr. Dolittle als dem Kriegspremier. Churchill verstand es, die Nation zum Durchhalten zu motivieren, ohne ihr etwas vorzumachen. Johnson hingegen ist dem Temperament nach eher wie der ewig verschuldete Mr Micawber in Dickens’ „David Copperfield“, der überzeugt ist, dass „etwas auftauchen wird“, um ihn aus der Affäre zu ziehen.

Wenn die Wirklichkeit ihn einholt, verändert der Premierminister den Kurs und tut bisweilen so, als habe er schon immer diese Richtung eingeschlagen. So wurschtelt er sich durch. Johnson hat den Beinamen des „Superspreaders“ der Verwirrung bekommen. Die Zahl derer schwindet, die glauben, „Cakeism“ habe Methode.

Quelle: FAS
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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