FAZ plus Artikel„Zero Covid“ in Down Under

Was Europa von Australien lernen kann

Von Till Fähnders, Singapur
01.02.2021
, 14:31
Australien gilt als eines der erfolgreichsten Länder im Kampf gegen die Pandemie. Dabei profitiert das Land nicht nur von seiner Insellage. Einiges könnte auch hierzulande funktionieren.

Ein körperlich anwesendes Publikum, dröhnender Jubel, echte Emotionen: Die anstehenden Australian Open vor einem Massenpublikum in Melbourne werden in der gegenwärtigen Corona-Realität ein besonderes Ereignis. Wie der Sportminister des australischen Bundesstaats Victoria sagte: die erste Massenveranstaltung mit globalem Rang, „die die Welt seit vielen, vielen Monaten gesehen hat“.

Aber nicht nur das: Das Tennisturnier bietet auch eine Gelegenheit für den Gastgeber, seine Erfolge im Kampf gegen das Coronavirus zu präsentieren. Während die Menschen in Deutschland unter einem anhaltenden Lockdown ausharren, kehrt in „Down Under“ das Leben wieder zurück. „Alles in allem fühlt es sich in Melbourne sehr normal an“, sagt Sharon Lewin, Direktorin des Peter-Doherty-Instituts für Infektionen und Immunität in der Hauptstadt des Staats Victoria, der F.A.Z. Die neben den Einschränkungen der Auslandsreisen noch verbleibenden Restriktionen seien nicht sehr streng.

In einer Rangliste des renommierten Lowy Institute in Sydney liegt Australien unter den zehn Ländern mit der besten Corona-Reaktion auf Platz acht. Das Nachbarland Neuseeland steht sogar an der Spitze von fast einhundert Ländern. In Deutschland wird Australien deshalb auch immer wieder in einer Reihe mit Staaten genannt, die mittelfristige Erfolge im Kampf gegen die Pandemie erreicht haben. Die Anhänger von „No Covid“ und „Zero Covid“ orientieren sich am Beispiel Australiens und Neuseelands. Anders als ebenfalls erfolgreiche Länder Ostasiens handelt es sich um Demokratien mit westlich geprägter Kultur. Skeptiker zweifeln jedoch daran, dass sich die Erfahrungen dieser beiden Inselstaaten, die über weniger Einwohner und eine geringere Bevölkerungsdichte verfügen, auf Europa übertragen lassen.

Was ist das Besondere an der australischen Strategie?

Laut Sharon Lewin habe der Erfolg Australiens schon damit begonnen, dass die Regierung dem Virus vor einem Jahr früh Aufmerksamkeit geschenkt habe. Von Anfang an sei die Wissenschaft eingebunden gewesen. Entscheidend sei aber auch die frühe Schließung der Grenzen gewesen. „Und wir hatten von Beginn an eine hohe Testkapazität, die mit der Zeit noch besser wurde, sowie aggressive Kontaktverfolgung, die in manchen Landesteilen wie Sydney sehr gut war, in Melbourne allerdings nicht so gut“, sagt Lewin. Einreisende aus dem Ausland müssen zudem schon seit der Frühphase der Pandemie zwei Wochen in einem Hotel in Quarantäne verbringen.

Dies seien allerdings die Dinge, die vor allem in der ersten Welle geholfen hätten, sagt Lewin. Die Welle war mit damals 7000 infizierten Personen nicht besonders groß. Ein starker Anstieg der lokalen Infektionen kam mit der zweiten Welle, die mitten im australischen Winter Melbourne und benachbarte Gebiete Victorias traf. Das Virus verbreitete sich vor allem in Krankenhäusern, Altenheimen und in Wohngebieten sozial schwacher Bevölkerungsteile.

Strengster Lockdown weltweit

Die Regionalregierung verhängte damals einen der schärfsten Lockdowns, die es seit Beginn der Pandemie weltweit gegeben hat. Geschäfte, Restaurants und Bars durften nur noch für den Außenverkauf öffnen. Die Bewohner durften täglich für eine Stunde das Haus verlassen, sich aber nur in einem Radius von fünf Kilometern bewegen. In der Nacht herrschte von acht Uhr abends bis fünf Uhr morgens eine Ausgangssperre.

Der Lockdown in Melbourne sei durchaus extrem zu nennen, räumt Lewin ein. Viele Menschen hätten unter den Maßnahmen gelitten. Doch Victoria bekam auf diese Weise die Infektionszahlen in den Griff. „In der zweiten Welle waren es die Lockdown-Maßnahmen, die den Unterschied gemacht haben“, sagt die Wissenschaftlerin. Sie hätten es ermöglicht, danach schneller wieder zur Normalität zurückzukehren. Mindestens genauso wichtig sei es aber gewesen, die Einschränkungen auch nicht zu schnell wieder aufzuheben. „Das Besondere an dem Lockdown in Melbourne war, dass diese Maßnahmen aufrechterhalten wurden, bis wir 28 Tage lang keine einzige Infektion mehr hatten. Der einzige andere Ort, der so etwas gemacht hat, war Wuhan“, sagt Lewin.

Zu frühe Lockerungen machten Erfolge anderswo zunichte

Einige der Länder, die nun mit wiederkehrenden Wellen zu kämpfen haben, hätten ihre Lockdowns zu früh gelockert. Die Regierung im Bundesstaat Victoria habe stattdessen sichergehen wollen, dass das Virus ausgemerzt sei, sagt die Wissenschaftlerin. Dabei war eine Eliminierungsstrategie oder „Zero Covid“ ursprünglich von der Regierung gar nicht vorgesehen. Man hielt dies anfänglich auch nicht für erreichbar. Es wurde vor allem eine starke Abflachung der Kurve angepeilt. „Die Strategie hieß eigentlich ‚aggressive Unterdrückung‘. Aber wir sind automatisch bei der Eliminierung gelandet. Weil im Rest des Landes das Virus ausgemerzt war, musste es auch in Melbourne ausgemerzt werden“, sagt Lewin.

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Geholfen hätten dabei auch die klaren und konsistenten Botschaften der Regionalregierung. Am Ende dauerte der harte Lockdown in Melbourne 111 Tage. Eine lange Zeit. Aber die Zahl der Neuinfektionen bewegt sich seither auf einem niedrigen Niveau. Seit Beginn der Pandemie wurden in Australien 28.800 Personen positiv getestet. 909 Personen sind an den Folgen der Krankheit gestorben. Dass auch in Australien die Behörden weiter aufpassen müssen, zeigte sich zuletzt am Sonntag, als die westaustralische Stadt Perth einen fünftägigen Kurzzeit-Lockdown verkündete. Ein Wachmann in einem Quarantänehotel war positiv auf die zunächst in Großbritannien entdeckte Virus-Variante getestet worden.

Untersuchungen wie die Studie des Lowy Institute zeigen, dass sich die Erfolge der Länder nur schwer auf einfache Formeln wie harter oder weicher, kurzer oder langer Lockdown bringen lassen. Auf den vorderen Plätzen der Rangliste stehen dort neben Australien und Neuseeland auch Vietnam, Taiwan, Thailand, Zypern, Ruanda, Island, Litauen und Sri Lanka. China wurde in dem Ranking aufgrund mangelnder Daten nicht berücksichtigt. Deutschland liegt auf Platz 55 und damit im Mittelfeld. Das Schlusslicht bildet Brasilien, wo Präsident Jair Bolsonaro die Gefahr von Beginn an heruntergespielt hatte; lediglich vier Plätze weiter vorne liegen die Vereinigten Staaten.

Es sind also sowohl Demokratien als auch autoritäre Staaten, kleine und größere Länder, Inseln und Kontinentalstaaten auf den vorderen Plätzen zu finden. Kein bestimmter Typ Land gehe als eindeutiger Gewinner hervor, sagt Hervé Lemahieu, einer der beiden Autoren der Studie, in einem Podcast. Die Wissenschaftlerin Lewin sieht Australiens Insellage denn auch nur als einen Faktor unter vielen.

Maßnahmen wären in Europa schwerer durchzusetzen

„Ich denke, das ist Teil des Erfolgs, aber definitiv nicht die ganze Geschichte. Denn in der ersten und zweiten Welle gab es die Möglichkeit massiver lokaler Ansteckungen. Bei der zweiten Welle in Melbourne hatten wir 20.000 Fälle, 700 Fälle pro Tag. Die Insellage ist keine Erklärung dafür, dass dies umgekehrt wurde“, sagt Lewin. Die Gründe lägen in der Regierungspolitik, in den Tests, in der Verlaufsprüfung, der Isolation und der Einbindung der Öffentlichkeit.

Ähnliche Maßnahmen wie in Australien seien theoretisch auch in Europa möglich, vermutet die Australierin. Einfach sei dies gleichwohl nicht. „In Europa sind sie schwieriger durchzusetzen. Denn erstens sind die Infektionszahlen höher, und zweitens sind die Grenzen nur schwer zu schließen.“ Dabei gibt die Wissenschaftlerin auch zu, dass es in Melbourne zu einer massiven Einschränkung fundamentaler Rechte gekommen sei. Diese Eingriffe seien aber durch geltende Gesetze gedeckt gewesen.

Der Föderalismus habe in Australien einige negative, aber auch viele positive Auswirkungen gehabt. Zwar habe es einige Verwirrung gestiftet, dass die verschiedenen Bundesstaaten teilweise unterschiedliche Maßnahmen verhängten. Jedoch hätten sich die Bundesstaaten auch komplett voneinander abschotten können. „Australien ist ein außergewöhnlicher Fall, nicht nur, weil es ein Inselkontinent ist, sondern auch, weil seine Reaktion auf das Virus fast so organisiert war, als wären es sechs oder sieben Länder“, sagt Hervé Lemahieu.

Gemeinsinn und Vertrauen in die Regierung

Für Lewin gibt es noch einen weiteren Unterschied zwischen Australien und anderen Demokratien. Die Australier hätten einen ausgeprägten Gemeinsinn, sagt die Wissenschaftlerin. Sie seien entgegen dem Klischee weniger individualistisch als die Amerikaner, vielleicht auch als die Europäer. Sie vertrauten der Regierung, insbesondere wenn es Anzeichen von Erfolg gebe. „Und die Australier sind recht glücklich damit, Regeln zu befolgen. Als Masken in Victoria verpflichtend gemacht wurden, hatten wir über Nacht quasi eine Abdeckung von 99 Prozent. Das war unglaublich“, sagt Lewin.

Für einige Maßnahmen sei es in Europa zwar zu spät. Aber eine klare Kommunikation auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse, Grenzschließungen und eine nur sehr langsame Lockerung der Maßnahmen könnten auch dort angewendet werden, so Lewin. Der Erfolg gebe Australien recht, sagt die Wissenschaftlerin. Auch sie plane, sich in der nächsten Woche mit ihren beiden Söhnen ein paar Tennisspiele anzuschauen. Natürlich live.

Burma oder Myanmar?

Bislang benutzte die F.A.Z. den Ländernamen „Burma“ und nicht „Myanmar“, eine englischsprachige Bezeichnung, welche das damalige Militärregime im Jahr 1989 ohne Einbeziehung des Volkes verordnet hatte. In der britischen Kolonialzeit war „Burma“ der offizielle englische Landesname. Er leitet sich von der umgangssprachlichen Bezeichnung „Bama“ ab, die in der Landessprache bis heute gleichbedeutend mit „Myanma“ benutzt wird, der durchgehend verwendeten Aussprache des Landesnamens. Trotz seiner kolonialen Herkunft bevorzugte die Demokratiebewegung um Aung San Suu Kyi den Begriff „Burma“, da sie die Änderung in „Myanmar“ als herrschaftlichen Willkürakt der damaligen Militärdiktatur ansah. Verschiedene Institutionen und Publikationen halten deshalb weiter an dieser Schreibweise fest, darunter das amerikanische Außenministerium.

Mittlerweile hat aber auch ein großer Teil der Demokratiebewegung die Bezeichnung im Englischen übernommen. Aus Gründen der Verständlichkeit, des Leserinteresses und der besseren Auffindbarkeit der Artikel im Internet hat sich die F.A.Z. entschieden, auf das gängigere „Myanmar“ umzustellen. Um der Klarheit willen verwenden wir für einen begrenzten Zeitraum die Version „Myanmar (Burma)“.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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