Festnahme in Paris

Der lange Schatten des Falls Khashoggi

Von Christoph Ehrhardt, Beirut
08.12.2021
, 21:34
Bilder aus einer Überwachungskamera kurz vor dem Mord an Jamal Khashoggi in Istanbul
Eine irrtümliche Festnahme in Paris erinnert Saudi-Arabien daran, dass der Mord an Jamal Khashoggi nicht so schnell vergessen sein wird – genau wie die Rolle, die das Königreich dabei spielte.
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Am Ende war es nur eine Verwechslung. Als am Dienstag ein saudischer Staatsbürger am Pariser Flughafen Roissy-Charles de Gaulle ins Flugzeug nach Riad steigen wollte, wurde er von Polizisten überrascht, die ihn abführten. Die französischen Behörden gingen zunächst davon aus, dass es sich um den von der internationalen Polizeibehörde Interpol gesuchten Khalid al-Otaibi handele. Ein Mann der königlichen Garde, dem vorgeworfen wird, zu jenem Greiftrupp zu gehören, der im Oktober 2018 den Mord an dem saudischen Dissidenten Jamal Khashoggi im Konsulat des Königreichs in Istanbul ins Werk gesetzt hatte. Die saudischen Behörden erklärten umgehend, die Polizei habe einen Unschuldigen verhaftet. Der Festgenommene habe „keine Verbindung“ zur Ermordung Khashoggis, erklärte die saudische Botschaft in Paris und forderte die „sofortige Freilassung“ des Mannes. Am Mittwoch teilten dann auch die französischen Behörden mit, dass es sich bei dem Festgenommenen um einen anderen Mann mit dem gleichen Namen handelte.

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Der Irrtum ist nicht nur für die französische Polizei und das saudische Verwechslungsopfer unangenehm, sondern indirekt auch für die saudische Führung. Denn die Festnahme hat abermals die Erinnerung an den Khashoggi-Mord wachgerufen, der dem Ruf des Königreichs wie kaum etwas anderes geschadet hat. Ginge es nach dem Willen der Monarchie, wäre die Akte Khashoggi längst geschlossen. So enthielt selbst die Freilassungsforderung der Botschaft eine Passage, die eher geeignet war, der eigenen Glaubwürdigkeit zu schaden, als der Verteidigung des eigenen Bürgers zu helfen. Die saudische Justiz habe „ihr Urteil über die Schuldigen gefällt“, hieß es da. „Diese sitzen derzeit ihre Strafen ab.“

In Saudi-Arabien selbst waren Ende 2019 in einem opaken Gerichtsverfahren acht Männer verurteilt worden: fünf zum Tode, drei zu Gefängnisstrafen. Die Todesurteile wurden später in Gefängnisstrafen umgewandelt, nachdem einer von Khashoggis Söhnen – wohl auf Druck der Führung – erklärt hatte, er und seine Geschwister hätten den Mördern vergeben. Menschenrechtler kritisierten, die wahren Schuldigen seien davongekommen. Die damalige UN-Sonderberichterstatterin Agnès Callamard bezeichnete den Prozess als „Theater“ und seinen Ausgang als „Antithese der Gerechtigkeit“.

Zurück im Bewusstsein der Öffentlichkeit

Solche Kritik ist mit der Berichterstattung über die Festnahme von Paris wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt. Ebenso das saudische Lavieren, die Ermordung Khashoggis und die Operation eines Greiftrupps überhaupt erst zuzugeben. Oder der amerikanische Geheimdienstbericht, der feststellte, dass der Kronprinz und De-facto-Herrscher Muhammad Bin Salman die Operation zur Ergreifung oder Tötung seines Kritikers angeordnet habe. Und vor allem die grausamen Details der Tat – wie nach dem Mord der Leichnam Khashoggis mit einer Knochensäge zerteilt wurde, wie laut den Tonaufnahmen der türkischen Behörden einer der Mörder von einem „Opfertier“ sprach und die Tatsache, dass von den sterblichen Überresten des Kronprinzenkritikers nach wie vor jede Spur fehlt.

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Saudi-Arabien bleibt mit der schnellen Freilassung des „falschen“ Khalid al-Otaibi zumindest tagelange Berichterstattung über eine mögliche Auslieferung an die Türkei erspart, wo dem „echten“ Khalid al-Otaibi in Abwesenheit der Prozess gemacht wird. Aber die Verwechslung kommt für Riad zu einem denkbar ungelegenen Zeitpunkt. Erst vor Tagen hatte die saudische Presse Anzeichen für eine „neue Ära“ ausgemacht, als ausgerechnet der französische Präsident Emmanuel Macron im Königreich empfangen wurde – es war der erste Besuch eines westlichen Staatsoberhaupts seit Jahren.

Lange hatte der Westen die Führung in Riad deutlich spüren lassen, dass mit dem Mord an Kha­shoggi eine Linie überschritten worden war. Die politischen Führer mieden das Land. Macron traf Muhammad Bin Salman, Bilder einer herzlichen Begrüßung gingen um die Welt. Französische und saudische Firmen unterzeichneten mehr als zwei Dutzend Absichtserklärungen. Die französische Polizei erinnerte den saudischen Kronprinzen nun noch einmal daran, dass der Mord an Khashoggi im Ausland nicht so einfach verjährt, wie er es sich erhofft haben mag.

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Quelle: F.A.Z.
Christoph Ehrhardt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
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