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Kolumbianische Stadt Medellín

Das Wunder der Comuna 13

Von Daniel Deckers
 - 09:25
Ewiger Frühling: Blick durch die Fenster der „Biblioteca Espana“ auf eine Gondel des „Metrocable“ in Medellinzur Bildergalerie

Da oben sollen sie liegen“, sagt Camilo. Sein ausgestreckter Arm weist auf einen hellbraun schimmernden Einschnitt auf halber Höhe des gegenüberliegenden Berghanges. Bis heute ist ungewiss, wie viele Leichen dort verscharrt wurden. Diego Fernando Murillo Bejanaro, dessen kriminelle Laufbahn in den achtziger Jahren unter Pablo Escobár, dem Anführer des Medellín-Kartells, begonnen hatte und der unter dem nom de guerre „Don Berna“ zu einem der mächtigsten Anführer der „Autodefensas Unidas de Colombia“ aufstieg, hat den Ort des Massengrabes vor einiger Zeit Staatsanwälten gezeigt. Niemand weiß, wie viele Leute von Don Bernas „Selbstverteidigungskräften“ hingerichtet und in die Bauschuttdeponie geworfen wurden. Vielleicht vierzig, vielleicht achtzig, vielleicht noch viel mehr. „Quién sabe“ („wer weiß„), heißt es mit jenem vielsagenden Schulterzucken, das über Jahrzehnte zur Überlebensstrategie der Kolumbianer geworden ist. „Wird man es jemals wissen?“ „Quién sabe“. Nach wie vor kippen Lastwagen Tag für Tag ihre steinerne Fracht in die zum Grab gewordene Deponie.

Doch an diesem Frühlingstag in der Stadt des ewigen Frühlings, wie Medellín wegen seines milden Klimas genannt wird, klingt nicht nur diese Geschichte wie eine unwirkliche Reminiszenz an längst vergangene Zeiten. Als Kind war Camilo mit seiner Mutter aus den Minenfeldern rund um den Ort San Carlos im Westen der Provinz Antióquia in die Hauptstadt Medellín geflohen. Dann wuchs er in San Javier am Eingang der „Comuna 13“ auf. So gut wie nichts von dem, was heute in und von dieser „Comuna 13“ zu sehen ist, will zu dem passen, was Camilo vor zehn Jahren hier erlebt hat und was die Welt über die jüngere Geschichte Medellíns noch heute weiß: Das auf halber Höhe liegende Gefängnis, dessen hohe Mauern in der fast senkrecht stehenden Sonne nur wenig Schatten werfen: nicht mehr in Betrieb.

Die beiden Türme mit bunten Sockeln, die auf der gegenüberliegenden Talseite auf zwei weithin sichtbaren Felsvorsprüngen entstanden sind: Polizeistationen, die in permanenter Alarmbereitschaft sind. Die Menschenschlange vor dem Seitengebäude eines lichten, als „Parque Biblioteque“ firmierenden Ensembles: Bürger jeden Alters und jeder Hautfarbe, die Verwaltungsangelegenheiten erledigen wollen.

Illegale Siedlungen schossen wie Pilze aus dem Boden

Unauslöschlich haben sich die Szenen in das kollektive Gedächtnis der Stadt, ja des ganzen Landes eingebrannt: Hubschrauber lassen die blechernen Dächer der an steilen Hängen klebenden Hütten von San Javiér erbeben, gepanzerte Fahrzeuge blockieren dröhnend die engen Gassen des Elendsviertels, Tag und Nacht Salven aus Sturmgewehren, und im Verein mit den Soldaten immer wieder vermummte Gestalten, deren Herkunft Rätsel aufgibt. Vor zehn Jahren, im Herbst 2002, machte der kolumbianische Präsident Uribe mit seiner Ankündigung Ernst, mit harter Hand durchzugreifen. In der Comuna 13 von Medellín, dem Eldorado dutzender Guerrilla-Milizen, ließ das neugewählte Staatsoberhaupt ein Exempel statuieren: die „Operation Orion“.

Wie fast überall im Land, so hatte der Staat in weiten Teilen Medellíns, der zweitgrößten Stadt des Landes, längst aufgehört zu existieren - wenn es ihn überhaupt je gegeben hatte. Seit dem „violencia“ genannten Bürgerkrieg zwischen „Konservativen“ und „Liberalen“ des Jahres 1948 und der neuerlichen Eskalation der Gewalt in den sechziger Jahren hatten hunderttausende Flüchtlinge und Vertriebene die Stadt förmlich explodieren lassen. Illegale Siedlungen schossen auf einer Bergflanke nach der anderen wie Pilze aus dem Boden oder wucherten wie Krebsgeschwüre zwischen den Bürotürmen und Fabrikhallen der Stadt, die für ihre milden Temperaturen ebenso berühmt ist wie die „paisas“ genannten Einwohner der Region für ihre Geschäftstüchtigkeit berüchtigt.

Pablo Escobar konnte als „paisa Robin Hood“ in den achtziger Jahren von Medellín aus sein Rauschgiftimperium aufbauen und mit Kokainschmuggel in die Vereinigten Staaten Milliarden verdienen - und zugleich für die „Liberalen“ als Abgeordneter in den kolumbianischen Kongress einziehen. Mit seinem „Medellín-Kartell“ hatten sich viele Unternehmer, Banker, Großgrundbesitzer und Repräsentanten der traditionellen Parteien genauso arrangiert, wie sie sich mit dem Elend in den „comunas“ noch lange abfinden sollten.

Die paramilitärischen Kräfte drehten den Spieß um

Als das Kartell in den frühen neunziger Jahren endgültig zerschlagen war, keimte Hoffnung auf. Die Mordrate sank. Escobar wurde von Soldaten gestellt und erschossen. Doch das Blatt sollte sich wieder wenden. Rivalisierende Guerrilla-Milizen füllten nach und nach das Vakuum, das Escobar hinterließ. Bald terrorisierten sie nicht nur die Landbevölkerung, sondern errichteten auch in den Elendsvierteln Medellíns ihre Schreckensherrschaft. Wieder drehte sich die Spirale der Gewalt, und die Drogen-Terroristen wurden so mächtig wie nie. In vielen Städten erstarb jedes öffentliche Leben, an Reisen über Land war nicht mehr zu denken.

Bis Alvaro Uribe kam. Die Soldaten, die mit Polizisten und anderen Sicherheitskräften die Comuna 13 Gasse um Gasse und Haus um Haus durchkämmten, hielten noch an sich - schließlich nahm Uribe die Kampfhandlungen höchstpersönlich in Augenschein. Doch im Schutz und wohl auch mit Wissen des Militärs, wenn nicht des Präsidenten, drehten die paramilitärischen Kräfte den Spieß um. Wer in der Comuna 13 auch nur in den Verdacht geriet, Guerrillero zu sein oder mit den Terroristen gemeinsame Sache zu machen, der bekam es fortan mit „Don Berna“ und seinem „Bloque Cazique Nutibara“ zu tun. Er landete in der Deponie.

Hoffnung ist das bestimmende Lebensgefühl

Im Tal, unweit der S-Bahn-Haltestelle San Javier wurde vor zwei Jahren die „Casa de Justicia y de Gobierno“ eröffnet, eine Art Bezirksrathaus. Als wolle die Stadtverwaltung die Comuna 13, wie alle anderen Elendsviertel, nie mehr sich selbst und dem Teufelskreis der Gewalt überlassen, steht gegenüber der „Casa“ eine jener Sekundarschulen, die es mit jedem Colegio in den reichen Vorstädten wie El Poblado oder Envigado aufnehmen können. Dasselbe gilt für die mehr als 350 Kindergärten, die Zug um Zug in den ärmsten Stadtvierteln gebaut wurden, seit Sergio Fajardo im Jahr 2004 das Machtmonopol der traditionellen Parteien brach.

Zwei Jahre nach der „Operation Orion“ gewann der Mathematiker als parteiunabhängiger Kandidat die Bürgermeisterwahl und zögerte keine Sekunde, ein neues Kapitel in der Geschichte der Stadt aufzuschlagen, die bis zuletzt mehr mit Blut als mit Tinte geschrieben worden war. „Eine gute Ausbildung ist ein Recht, kein Privileg“, sagte der neue Bürgermeister. Seither wurde so viel in die ärmsten Bezirke wie die Comuna 13 investiert, dass sie kaum noch wiederzuerkennen sind. In der Stadt, die allein im Jahr 2000 mehr als achtzigtausend Flüchtlingen und Vertriebenen Zuflucht bieten musste, haben Parks, Bibliotheken, öffentliche Plätze, Sportanlagen, Schulen und Kindergärten, aber auch Hunderte gesellschaftliche und kirchliche Organisationen Viertel um Viertel, comuna um comuna, in Orte verwandelt, in denen nicht mehr Furcht das bestimmende Lebensgefühl ist, sondern Hoffnung.

In der Hauptstadt lief es anders

Der jüngste Coup der Stadtverwaltung, wieder in der Comuna 13: Eine Galerie von Rolltreppen erschließt seit wenigen Monaten eines der engsten und lange Zeit unzugänglichsten Viertel. Wie in einem Zeitraffer gleitet man laut- und schwerelos die vergangenen zehn Jahre Medellíns hinauf und wieder hinab: Vorbei an immer noch bescheidenen, aber proper wirkenden Hütten, die Richtung wechselnd auf kleinen Plätzen, auf denen Kinder tollen und die Alten erzählen, die Schrecken der Vergangenheit als grellbunte Graffitis stets präsent, bis hinauf auf eine Balustrade, von der nur noch wenige Meter bis zu der nächsten Bibliothek sind.

Kein Wunder, dass Medellín längst zu einem Mekka für Politiker, Stadtplaner und Neugierige aus aller Welt geworden ist. Sie alle wollen erfahren, wie aus der einst gefährlichsten Stadt der Welt eine Metropole der Hoffnung wurde. Längst hat sich auch ein Begriff für das eingebürgert, was in der Stadt seit der Operation Orion geschehen ist: „modelo Medellín“. Und längst werden dessen einzelne Bestandteile von den Schulentwicklungsprogrammen über zahllose Formen der Bürgerbeteiligung bis zu dem allgegenwärtigen Rap und Graffiti in wissenschaftlichen Studien untersucht und auf ihre Tauglichkeit für die Lösung anderer Konflikte seziert. Aníbal Gavíria, seit dem vergangenen Jahr der dritte Bürgermeister der „Neuzeit“, lässt an einem keinen Zweifel: Ohne die programmatische Kontinuität an der Spitze der Stadt von Sergio Fajardo (er regierte die Stadt bis 2007) über den Schriftsteller und Journalisten Alonso Salazar (bis 2011) bis in seine Amtszeit hinein wäre Medellín heute nicht die Stadt, die weltweit bewundert wird.

In Bogotá, der Hauptstadt, der ewigen Rivalin, lief es anders. Zwischen 1992 und 2003, also einige Jahre vor Medellín, nahm sie unter den Bürgermeistern Jaime Castro, Antanás Mockus und Enrique Penalosa einen spektakulären Aufschwung. Doch dann versanken viele Projekte in einem Sumpf aus Unfähigkeit und Korruption. Schadenfroh ist man deshalb in Medellín nicht. Vor drei, vier Jahren nahm die Gewalt auch hier wieder zu. Denn nach der von der Regierung Uribe betriebenen Demobilisierung der Terror-Milizen fanden sich nicht wenige Kämpfer in neuen „bandas criminales“ zusammen. Zunächst hatten die Anführer von einst das Sagen, selbst wenn sie im Gefängnis saßen. Nachdem die wichtigsten, darunter „Don Berna“, im Jahr 2008 von ihnen wegen Rauschgift- und anderer Delikte an die Vereinigten Staaten ausgeliefert worden waren, brachen unter den Banden Kämpfe um die Vorherrschaft in einzelnen Vierteln und innerhalb der Gruppen Konflikte über die Anführerschaft aus.

Projekte für die Geschichte der Stadt

Wieder griffen in Medellín Furcht und Schrecken um sich. Doch nicht nur konsequente Polizeiarbeit half gegen die neue Gewalt. Es zahlte sich aus, dass Medellín als eine der ersten Städte des Landes sehr früh auf die Resozialisierung und Wiedereingliederung ehemaliger Kämpfer gesetzt hatte - und die Opfer von Flucht und Vertreibung mit ihrem Schicksal nicht allein ließ. Für Leute wie Camilo wurde ein mobiler „Tunnel der Erinnerung“ errichtet, in dem Angehörige das eigene Schicksal, aber auch das ihrer verschwundenen oder ermordeten Angehörigen betrauern konnten. Daraus entstand ein „Haus der Erinnerung“, das als interaktives Museum die Geschichte von Gewalt und Gegengewalt an einem symbolträchtigen Ort erzählen soll.

Noch ist außer der steinernen Hülle, die einem langgestreckten Tunnel ähnelt, und einigen Außenanlagen nicht viel von dem neuen Museum zu sehen. Bis zu seiner Eröffnung sollen nicht mehr Jahre, sondern nur noch Monate vergehen. Doch schon jetzt ist gewiss, dass die „Casa de la memoria“ nicht das einzige Projekt sein wird, mit dem Aníbal Gavíria in die Geschichte der Stadt eingehen möchte. Vom Dach des Rathauses zeigt der aus einer alteingesessenen „liberalen“ Familie stammende Politiker, dessen älterer Bruder Guillermo als Gouverneur der Provinz während eines Friedensmarsches von Terroristen entführt und im Frühjahr 2003 ermordet wurde, auf die im abendlichen Dunst liegenden Hänge rings um die Stadt. Kaum eine der steilen Flanken ist noch nicht von Häusern in Besitz genommen worden, kaum eine der Siedlungen frisst sich nicht Jahr um Jahr höher hinauf.

Gavíria hat einen Plan, wie dem Ausufern der Stadt und der damit einhergehenden Zerstörung der Natur Einhalt geboten werden kann: „Cinturón verde“ lautet das magische Wort für ein Wegenetz, das Medellín und seine Nachbargemeinden auf einer Länge von mehr als siebzig Kilometern umschließen und verhindern soll, dass die Stadt noch weiter in die Höhe ausfranst. Schon machen Grafiken die Runde, auf denen sich Spielplätze und Rekreationsmöglichkeiten wie Perlen an einer Schnur um die Stadt legen, Radfahrer ihre Runden drehen und Liebespärchen des Nachts vom Glück über einem endlosen Lichtermeer träumen.

Einer aber kann sein Glück schon jetzt nicht fassen: Als Gavíria erfährt, dass einst ein Kölner Oberbürgermeister namens Konrad Adenauer in den zwanziger Jahren seiner Heimatstadt einen Grüngürtel verordnet hat, kennt die Begeisterung für die Idee kein Halten mehr. Auch wenn der Weg womöglich an der Schutthalde vorbeiführen wird, aus der die Opfer der Paramilitärs womöglich nie mehr geborgen werden. Auch das ist Medellín.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Deckers, Daniel
Daniel Deckers
in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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