Kriegsopfer

Das bosnische Totenbuch

Von Michael Martens
22.06.2007
, 06:13
Nach fünf Jahren Forschung gibt es endlich genaue Zahlen über die Opfer des Bosnien-Krieges. Für die Region hat die Studie grundlegende Bedeutung, denn noch immer ist die politische Atmosphäre in dem Dreivölkerstaat vergiftet.

Es war nur die Vorstellung einer Studie - und dennoch eines der wichtigsten Ereignisse der bosnischen Nachkriegsgeschichte. In Sarajevo ist am Donnerstag ein Forschungswerk präsentiert worden, das künftig eine Richtschnur sein wird für alle ernsthaften Diskussionen zu Verlauf und Wesen des größten Krieges, der nach 1945 in Europa stattfand.

Die Arbeit an dieser Darstellung dauerte länger als der Krieg, dem sie gilt: Fünf Jahre wurde an der Übersicht über die 1992 ausgebrochenen und Ende 1995 durch das Abkommen von Dayton beendeten Kämpfe in Bosnien-Hercegovina recherchiert. Mehr als 150 freiwillige Helfer und viele ausländische Fachleute leisteten ihren Beitrag dazu. Das Ergebnis unter dem trockenen Titel „Menschliche Verluste in Bosnien-Hercegovina“, auf einer CD-Rom vorrätig, ist die erste fundierte Übersicht über die Opferzahlen des bosnischen Krieges.

Bosniakische Angaben als übertrieben widerlegt

Nach Regionen, Volksgruppen und Zeitabschnitten geordnet, bietet das Werk eine Fülle von Statistiken und eine dokumentierte Übersicht über das, was im blutigsten der jugoslawischen Zerfallskriege geschah. Als Grundlage für die Ermittlungen des „Zentrums für Forschung und Dokumentation“ in Sarajevo (IDC), die hauptsächlich vom norwegischen Außenministerium finanziert wurden, dienten Zeugenbefragungen, Auswertungen von Massengräbern, Militärstatistiken, staatliche Archive, Angaben des UN-Kriegsverbrechertribunals, Fragebögen sowie schließlich auch die Zusammenarbeit mit Medien, Gemeindeverwaltungen und Flüchtlingsorganisationen.

Dem Krieg in Bosnien, das haben die Forschungen zweifelsfrei erwiesen, fielen mindestens 97.207 Personen zum Opfer. Doch dies sind nur die unstrittig belegbaren Fälle von Ermordeten oder Vermissten. Die tatsächliche Opferzahl liegt höher, wahrscheinlich bei mehr als 100.000 Personen. Noch immer vergeht in Bosnien noch immer kaum ein Monat ohne Entdeckung eines Massengrabes.

Überdies wurden unsicher erscheinende Fälle - etwa auf Kriegsereignisse zurückgehende Selbstmorde, Hungertote sowie Todesopfer durch mangelnde medizinische Versorgung - bei der vorliegenden Studie nicht mitgerechnet. Dennoch ist mit der neuen Statistik die lange umlaufende, aus politischen Gründen vor allem von bosniakischer Seite in die Welt gesetzte Zahl von 250.000 Opfern endgültig als übertrieben widerlegt.

Verstorbene nachträglich zu Soldaten erklärt

Wichtiger als die bisher genaueste Feststellung der Zahl ist aber die Zuordnung der Opfer nach ethnischer Zugehörigkeit, Herkunft und Todesdatum. Erst durch die Kombination dieser Angaben entsteht ein Bild des bosnischen Mordens, aus dem sich Ziele und Lage der Kriegsparteien ablesen lassen. Die meisten Opfer - mehr als 45.000 - kamen im ersten Kriegsjahr um, als der serbische Vertreibungskrieg begann und zugleich seinen Höhepunkt erreichte.

Laut der Studie waren nur etwa 59 Prozent der Kriegstoten Soldaten. Die tatsächliche Zahl dürfte sogar niedriger sein, da es auf allen Seiten vorkam, dass Familien ihre Verstorbenen nachträglich zu Soldaten zu erklären versuchten. Das klang ehrenvoller, vor allem aber eröffnete es eine Chance auf Hinterbliebenenrente.

Landstrich von allen Nichtserben „säubern“

Die entscheidenden Zahlen: von den fast 40.000 im Bosnienkrieg getöteten Zivilisten waren mehr als 80 Prozent (muslimische) Bosniaken, und jedes dritte der zivilen Opfer kam in Bosniens Podrinje-Region zu Tode. Dieses Gebiet an Bosniens Ufer des serbisch-bosnischen Grenzflusses Drina gehört heute zur Republika Srpska (RS), der seit dem Krieg von Serben dominierten Hälfte des Landes.

Das Ziel der von Belgrad unterstützten und zum Teil gelenkten bosnisch-serbischen Kriegsführung war, diesen Landstrich „muslimfrei“ zu machen, ihn von allen Nichtserben zu „säubern“. Das gelang, und so steht heute der Name vieler Städte in der RS mit einem Massaker in Verbindung. Alle diese Großverbrechen stehen im Schatten der Ereignisse in der „UN-Schutzzone“ Srebrenica, wo Truppen unter dem Befehl des bis heute vom Kriegsverbrechertribunal gesuchten bosnisch-serbischen Generals Mladic im Juli 1995 innerhalb weniger Tagen mehr als 7000 muslimische Männer und Jungen ermordeten.

Doch Srebrenica war nur der blutige Abschluss, der mitunter den Blick darauf versperrt, dass der Krieg 1992 mit vielen Dutzend „kleinen Srebrenicas“ begann. Sie heißen Bratunac (3604 Tote), Zvornik (4127), Vlasenica (2934) oder Foca (2805). Allein im Mai 1992, als die Welt undeutlich erste Kunde von den Verbrechen in Bosnien vernahm, kamen in der Podrinje-Region mehr als 3000 Menschen gewaltsam zu Tode. Im Juni waren es fast 4000, im Juli knapp 1500.

Es gab auch Opfer bosniakischer Racheakte

Mehr Aufmerksamkeit als die Massenmorde an Muslimen entlang der Drina erhielt von Beginn an die Belagerung Sarajevos, die schon deshalb medienwirksamer war, weil sie länger dauerte. Bei der Blockade kamen etwa 14.000 Personen in der bosnischen Hauptstadt gewaltsam ums Leben, mehr als die Hälfte davon im ersten Kriegsjahr. Etwa ein Fünftel der insgesamt etwa 5600 zivilen Opfer waren Serben.

Bei ihnen dürfte es sich vor allem um Eingeschlossene gehandelt haben, die der Beschießung der Stadt - deren Verteidigung von einem ethnisch serbischen General geleitet wurde - durch die auf den Bergen um Sarajevo lagernden Truppen Mladics zum Opfer fielen. Doch es kam auch vor, dass Serben Opfer bosniakischer Racheakte wurden, was in Sarajevo heute gern verschwiegen wird. An den Relationen ändert das jedoch nichts: Insgesamt starben im Bosnienkrieg etwa 4000 serbische und 2163 kroatische Zivilisten, dagegen mehr als 33.000 bosniakische.

Abstruse Leichenaufrechnerei

Für Fachleute sind die nun vorgelegten Zahlen an sich nichts Neues, denn zumindest die ungefähren Größenordnungen waren bekannt. Die Bedeutung dieser Erhebungen für Bosnien und seine Nachbarstaaten ist dennoch kaum zu überschätzen, denn auch mehr als zehn Jahre nach dem Ende des Krieges ist die politische Atmosphäre zwischen Bosniaken, Serben und Kroaten in dem Dreivölkerstaat vergiftet.

Kaum eine Wahlkampagne, Parlamentsdebatte oder politische Rede kommt ohne verzerrte Hinweise darauf aus, wer in Bosnien an wem einen Genozid begangen habe. In einer abstrusen Leichenaufrechnerei schieben manche Volksgruppenführer jeweils „den anderen“ die Schuld für die Zerstörung Bosniens zu. Es gibt einen bizarren Wettbewerb darum, welche Volksgruppe am schlimmsten gelitten, den höchsten Blutzoll entrichtet habe.

Die Abwesenheit exakt belegbarer Zahlen ermutigte vor allem die Scharfmacher der serbischen Seite immer wieder, selbst die abwegigsten Statistiken in die Diskussion einzuführen. Auch in Serbien selbst führte das oft zu einer „Ja-aber-Rhetorik“, deren Repräsentanten in den vergangenen Jahren zwar kaum noch so weit gingen, Massaker an Bosniaken und Kroaten zu leugnen; immer wieder aber wurde mit dem an sich nicht falschen Hinweis, dass in Bosnien auch serbische Zivilisten getötet worden seien, der tatsächliche Charakter Krieges verzerrt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Martens, Michael
Michael Martens
Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.
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