FAZ plus ArtikelLeben in Kabul

Selfies mit den Taliban

Von Stefanie Glinski
08.09.2021
, 12:33
Taliban in den Straßen von Kabul
Sind Afghanistans neue Herrscher noch die alten? Wer muss sie fürchten? Unsere Autorin lebt seit Jahren in Kabul. Wer von ihren Freunden noch da ist, leidet unter quälender Ungewissheit.
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In einem westlichen Stadtteil von Kabul wohnt Hamida, genau dort, wo am Wochenende frühmorgens Wanderer in die Berge aufbrechen und Familien sich mittags zum Picknick treffen, beladen mit Plastiktüten voll frischem Obst und grünem Tee in Thermoskannen. Hamida ist Persischlehrerin an einer Schule in ihrem Bezirk, stöbert gerne in literarischen Werken ihrer Muttersprache, und da sie sich gerne poetisch ausdrückt, sucht sie auch für die jetzige Situation – Afghanistans Übernahme durch die Taliban – nach einer passenden Metapher.

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„Als Frau fühle ich mich wie ein Vogel, dem die Flügel gebrochen wurden“, erzählt die 52 Jahre alte Hamida. Schon zum zweiten Mal in ihrem Leben muss sie nun unter der Taliban leben. Vier erwachsene Kinder hat sie, die Zimmer ihres geräumigen Hauses am Stadtrand werden tagsüber vom Sonnenlicht durchflutet. In einem dieser Räume sitzt sie jetzt auf dem Boden auf den traditionellen, dicken Kissen, die in Afghanistan „Toshak“ genannt werden. Und während sie mir von den Taliban erzählt, rinnen ihr plötzlich Tränen über das Gesicht, erst langsam, dann ohne Unterlass. Hoffnung, so sagt sie, hat sie nicht mehr. Noch mal gehe das nicht, das Hoffen. Es sauge zu viel Energie. Jetzt möchte sie am liebsten nur noch zu Hause bleiben, „weinen und schreien“.

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