Libyens Rebellenführer Haftar

Der eigensinnige Kriegsherr

Von Christoph Ehrhardt, Beirut
18.01.2020
, 15:25
Chalifa Haftar nach einem Treffen mit dem griechischen Außenminister Nikos Dendias in Athen am 17. Januar 2020.
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Die Bemühungen um Frieden in Libyen kreisen vor allem um Chalifa Haftar. Er gilt als ausgesprochen stur - sogar seinen Förderer Putin stieß er vor den Kopf. Auf Betreiben der Vereinigten Arabischen Emirate?
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Ganz sicher kann man sich wohl erst sein, wenn Chalifa Haftar tatsächlich in Berlin landet. Der ostlibysche Militärführer hat den deutschen Außenminister Heiko Maas zwar mit der Zusage aus Benghasi verabschiedet, an diesem Sonntag am internationalen Libyen-Gipfel teilzunehmen. Aber er hat auch mehr als einmal bewiesen, dass er nicht davor zurückschreckt, wichtige Akteure vor den Kopf zu stoßen. Ob es sich nun um Vermittler handelt oder um Alliierte. Der Eigensinn der Libyer hat die Frustrationstoleranz der internationalen Diplomatie in den vergangenen Jahren immer wieder auf harte Proben gestellt. Vor allem Haftar hat sich als harter Brocken herausgestellt. Auch deshalb, weil mancher in den Reihen seiner Unterstützer ihn darin ermutigt.

Seinen jüngsten Feldzug hatte der Warlord aus dem Osten Libyens zu einer Zeit begonnen, in der UN-Generalsekretär António Guterres selbst in Libyen weilte. Die unter Ägide der Vereinten Nationen organisierte „Nationale Konferenz“ sollte bald abgehalten werden, um den politischen Prozess voranzubringen, der eine Verständigung der verfeindeten Kräfte erreichen soll. Auf der einen Seite steht die unter UN-Vermittlung eingesetzte „Regierung der Nationalen Übereinkunft“ von Fajez Sarradsch, auf der anderen das Lager um eine Gegenregierung, die im Osten Libyens ansässig ist. Haftar ist deren Armeechef und Anführer. Er brach in jenem April des vergangenen Jahres lieber einen Krieg um die Hauptstadt Tripolis vom Zaun und ließ sich auch nicht umstimmen, als Guterres ihn persönlich aufsuchte. Der UN-Generalsekretär reiste „schweren Herzens“ und „tief besorgt“ aus Libyen ab, die „Nationale Konferenz“ musste verschoben werden.

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Erdogan schäumte vor Wut

Knapp neun Monate später gab Haftar abermals deutlich zu erkennen, dass er wenig Interesse daran hat, den zerstörerischen Machtkampf, der in Libyen seit Jahren tobt, am Verhandlungstisch zu beenden. Dieses Mal brüskierte der berüchtigte General zwei mächtige Männer: den russischen Präsidenten Wladimir Putin, der den selbsternannten Feldmarschall aus dem Osten Libyens fördert, und den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan, der die Sarradsch-Regierung unterstützt. Eine russisch-türkische Initiative wollte Sarradsch und Haftar dazu bringen, am Montag in Moskau ein Waffenstillstandsabkommen zu schließen. Sarradsch unterzeichnete, Haftar erbat sich Bedenkzeit – und reiste ab, ohne das Dokument zu unterschreiben. Sein Gastgeber und Förderer Putin war bloßgestellt, sein Widersacher Erdogan schäumte vor Wut.

Für Haftars Moskauer Manöver gibt es mehrere Erklärungen. Grundsätzlich widerstrebt ihm eine Verhandlungslösung in Libyen, die auf eine gemeinsame Machtausübung hinausläuft, denn Haftar will lieber alleine herrschen – und er ist für seine Sturheit und Kompromisslosigkeit berüchtigt. Im Osten Libyens, wo er schon das Sagen hat, herrscht der Militärführer mit harter Hand. Widersacher verschwanden oder wurden getötet; wie der 2011 gestürzte Gewaltherrscher Muammar al Gaddafi, zu dessen engen Gefolgsleuten Haftar einmal gezählt hatte, stattete er Söhne mit der Befehlsgewalt über Einheiten seiner Streitkräfte aus. Die „Libysche Nationale Armee“, die Haftar kommandiert, ist indes weit weniger staatstragend, als es ihr Titel vermuten lässt.

Bild: F.A.Z.

Viel Zeit bleibt dem selbsternannten Feldmarschall nicht mehr, den Plan der Herrschaft über ganz Libyen in die Tat umzusetzen, schließlich ist Haftar schon 76 Jahre alt. Zuletzt lief es auf dem Schlachtfeld wieder besser für Haftars Milizionäre, deren Offensive im vergangenen Sommer schnell steckengeblieben und zu einem zähen Stellungskrieg geworden war. Vor knapp zwei Wochen eroberten sie die Küstenstadt Sirte, nachdem eine örtliche Miliz die Seiten gewechselt hatte. Im Dezember gelang es Haftars Truppen, nach Monaten das Patt an einigen Fronten der Tripolis-Front zu brechen und näher an das Stadtzentrum heranzurücken. Maßgeblichen Anteil an den jüngsten Geländegewinnen hatte nach Berichten von Kommandeuren des Anti-Haftar-Lagers sowie von westlichen Diplomaten die militärische Unterstützung durch die Vereinigten Arabischen Emirate. „Gegen deren Drohnen können wir nichts ausrichten“, berichtete unlängst ein Milizführer am Telefon.

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Einiges deutet darauf hin, dass Abu Dhabi und Moskau nicht auf einer Linie sind, was die jüngste Vermittlungsinitiative betrifft. Ranghohe Diplomaten geben durch die Blume zu erkennen, dass die Emirate ihrer Einschätzung nach Haftar in seiner unnachgiebigen Haltung bestärken. In dieselbe Richtung gehen Berichten, denen zufolge die Führung in Abu Dhabi mit der vorgelegten Waffenstillstandvereinbarung nicht einverstanden war, an der auch Haftar substantielle Änderungen gefordert hatte. Der UN-Libyen-Sondergesandte Ghassan Salamé sagte dieser Zeitung, Haftar habe unter anderem die Entwaffnung der Milizen in Tripolis als Bedingung genannt, auf die sich Sarradsch stützt, was einer Kapitulation gleichgekommen wäre. Hohe Funktionäre der Sarradsch-Regierung zeigten sich nach dem Moskauer Rückschlag erzürnt auf die Führung in Abu Dhabi. Deren Emissäre hätten maßgeblich daran mitgewirkt, die Unterzeichnung des Abkommens zu hintertreiben, sagte Khaled al Mishri, der Chef des „Hohen Staatsrats“, einer ihrer Institutionen.

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Merkel zur Libyen-Krise
General Haftar sagt Einhaltung von Waffenruhe zu
Video: Reuters, Bild: AP

Die Emirate unterstützen Haftar unter anderem, weil er der Muslimbruderschaft den Krieg erklärt hat, zu der einige der Milizen gehören, auf die sich Sarradsch stützt. Die „Operation Würde“, mit der Haftars Aufstieg im Mai 2014 begann, stellte er als Feldzug gegen das Chaos dar – und gegen den politischen Islam, den die Führung in Abu Dhabi schon lange als große Bedrohung wahrnimmt. Dass sich Erdogan als Unterstützer der Muslimbrüder immer stärker in Libyen engagiert, ruft entsprechendes Unwohlsein am Golf hervor, wo das Schlagwort von einem „neuen Syrien“ kursiert, das es zu verhindern gelte. Dass jetzt auch syrische Söldner in türkischem Auftrag in Libyen kämpfen, dürfte dem weitere Nahrung geben. Es liegt auf der Hand, dass die Emirate wenig Vertrauen in eine Vermittlungsinitiative haben, an der Ankara beteiligt ist.

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Für Haftar sind seine arabischen Verbündeten, zu denen neben den Emiraten auch Ägypten und Saudi-Arabien zählen, in diesen Tagen wohl wichtiger denn je. Denn sein russischer Förderer dürfte Haftar sein Verhalten übelgenommen haben. „Das wird Putin nicht vergessen“, sagte Kirill Semjonow von der kremlnahen Denkfabrik Russischer Rat für Internationale Angelegenheiten der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Haftar ist praktisch weggerannt, als er das Dokument unterzeichnen sollte. Das zeigte einen Mangel an Respekt gegenüber seinen Gastgebern und ist ein Schlag für Russlands Ruf.“

Bloßer Liebesentzug aus Moskau dürfte indes nicht ausreichen, um Haftar zu einen konstruktiveren Verhalten zu bewegen. Schon länger gibt es die Forderung, dass mehr Druck auf den sturen Haftar nötig wäre. Aber selbst in Europa gibt es noch immer Fürsprecher, die der Erzählung von dem starken Mann glauben, der Libyen kontrollieren könne, zur Not mit Gewalt. Die vergangenen Jahre – und auch der Tripolis-Feldzug – haben indes nahegelegt, dass auch Haftar dafür nicht stark genug ist.

Quelle: F.A.Z.
Christoph Ehrhardt  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christoph Ehrhardt
Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
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