Lissabon wegen Corona gesperrt

Schlechte Erinnerungen an den Januar

Von Hans-Christian Rößler, Madrid
18.06.2021
, 18:52
Weil auch die letzte Corona-Welle in Lissabon ihren Anfang nahm, wird die Stadt am Wochenende größtenteils abgeriegelt. Nur noch mit triftigem Grund darf sie betreten oder verlassen werden.

Die neuen Einschränkungen wecken schlimme Erinnerungen. Auch die letzte Corona-Welle hatte im Großraum Lissabon begonnen. Zu Jahresbeginn war es die britische Alpha-Variante, jetzt taucht immer häufiger die indische Delta-Mutante auf. Die Regierung will verhindern, dass die Hauptstadtregion wieder den Rest des Landes infiziert und hat deshalb die Bewegungsfreiheit ihrer 2,9 Millionen Bewohner eingeschränkt.

Der portugiesische Ministerpräsident António Costa ist ebenfalls besorgt: „Niemand kann garantieren, dass wir nicht zum Lockdown zurückmüssen“, warnte der portugiesische Ministerpräsident António Costa. Bis zunächst am Montagmorgen darf die Hauptstadtregion, in der knapp ein Drittel aller Portugiesen leben, nur noch aus triftigen Gründen betreten oder verlassen werden. Zu dem Gebiet gehören auch weiter entfernte Orte wie Cascais, Setúbal und Sintra. Innerhalb der Metropolregion können sich die Einwohner frei bewegen. Ausländische Touristen dürfen weiterhin über den Flughafen in Lissabon ein- und ausreisen sowie ihre Hotels aufsuchen.

Höchste Fallzahl seit Ende Februar

Am Mittwoch war in Portugal mit 1350 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden die höchste Fallzahl seit Ende Februar verzeichnet worden. Am Freitag berichtete Ministerpräsident Costa von insgesamt mehr als 1290 neuen Ansteckungen, davon fast 900 in Lissabon und im Tejo-Tal. Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die schon seit mehreren Wochen zu beobachten ist.

Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die schon seit mehreren Wochen auch im Tejo-Tal zu beobachten ist. Dabei spielt nach Einschätzung des nationalen Gesundheitsinstituts INSA die besonders ansteckende Delta-Variante eine immer wichtigere Rolle. Die jüngsten Daten deuteten darauf hin, dass sie schon mehr als die Hälfte der neuen Fälle in der Region ausmacht, was zu einem beschleunigten Anstieg beitragen werde, sagte der Epidemiologe Manuel Carmo Gomes der Zeitung „Público“: „Die Delta-Variante löst die britische Variante ab.“ Zu Jahresbeginn hatte sich die britische Mutante in Portugal ihren Zug durch Europa begonnen.

Die Delta-Infektionen konzentrieren sich besonders auf die Bevölkerung, die jünger als 40 Jahre ist und noch keine Impfung erhalten hat. Sie sind mobiler und unterhalten mehr soziale Kontakte. „Es sind die jungen Leute, die es leid sind, zu Hause zu sein, die ausgehen, die Partys feiern“, sagt Manuel Carmo Gomes. Der die Gefahren der Mutante mit einem „Präriefeuer“ vergleicht und pessimistisch wirkt: Es fängt langsam an; jeden Tag wächst es ein wenig, irgendwann gibt es eine Explosion.“

Zweitweise war Portugal auf der „Grünen Liste“

Im Frühjahr wies Portugal noch die niedrigsten Infektionszahlen in der EU auf. Das hat sich geändert. Laut der europäischen Infektionsschutzbehörde ECDC registrierte das Land in den vergangenen 14 Tagen 81 Fälle je 100.000 Einwohner, was über dem europäischen Durchschnitt liegt. Mittlerweile liegt die 14-Tage-Inzidenz im Großraum Lissabon bei 240 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, im ganzen Land bei 90 , während der der R-Wert 1,13 beträgt.

Das ist kein Vergleich zur Lage im Januar, als täglich mehr als 14.000 Neuinfektionen registriert worden waren. Danach zog die Regierung die Notbremse und verhängte einen strengen Lockdown, den auch deutsche Fachleute als vorbildlich lobten. Die Beschränkungen zeigten Wirkung, seit Anfang Mai ist der Ausnahmezustand aufgehoben. Zeitweise stand Portugal als einziges Urlaubsland sogar auf der britischen „Grünen Liste“. Manche vermuten, dass auch Briten zur Verbreitung der Delta-Mutante in Portugal beigetragen hatten, in deren Heimat die Variante in Europa am stärksten verbreitet ist.

Die meisten britischen Urlauber haben Portugal verlassen, nachdem die Regierung in London Rückkehrer wieder der Quarantänepflicht unterworfen hatte, während Portugal die Einreisevorschriften gelockert hat: Statt eines PCR-Tests genügt jetzt auch ein Antigentest. Nach dem Ausbleiben der Briten hofft man in Portugal umso mehr auf deutsche Touristen, die zuletzt immer häufiger Ziele in dem Land gebucht haben, dessen Wirtschaftsleistung zu 12 Prozent vom Tourismus abhängig ist. Doch auch an der unter Urlaubern beliebten Algarve-Küste steigt die Inzidenz und ist mittlerweile deutlich höher als in Deutschland.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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