FAZ plus ArtikelRepression in Belarus

Der Diktator, der nicht einmal vor Kindern halt macht

Von Friedrich Schmidt, Moskau
03.06.2021
, 21:23
Minsk im September 2020: Maskierte Polizeikräfte verhaften junge Demonstrantinnen bei einer Kundgebung gegen die offiziellen Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen.
Jeder, der sich an Protesten gegen die gefälschte Präsidentenwahl beteiligt hat, muss fürchten, jederzeit festgenommen zu werden. Lukaschenko lässt selbst Kinder einsperren.
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In der Nacht auf Mittwoch fand man im Osten der belarussischen Hauptstadt Minsk den Leichnam des 18 Jahre alten Dmitrij Stachowskij. Er lag „mit Anzeichen eines Sturzes aus der Höhe“, wie das Ermittlungskomitee mitteilte, vor einem fünfzehnstöckigen Hochhaus. „Es ist anzumerken, dass der Jugendliche Verdächtigter in einem Strafverfahren war, das aufgrund von Massenunruhen eröffnet worden ist, die in der Hauptstadt im vergangenen Jahr stattfanden“, teilten die Strafverfolger von Diktator Alexandr Lukaschenko weiter mit.

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Vielleicht wird die Generation von Belarussen, die gerade heranwächst, eines Tages eine Gedenkplakette an dem Hochhaus anbringen, von dem ihr Altersgenosse in den Tod sprang. Mit einigen der Informationen, die danach bekannt wurden. Laut den Menschenrechtsschützern von Wjasna, die längst selbst vom Regime verfolgt werden, war Dmitrij Stachowskij eine Waise und lebte in einer Gemeinschaftsunterkunft, deren Mitarbeiter ihn als Teilnehmer der Proteste gegen die Fälschung der Präsidentenwahl im August vergangenen Jahres denunzierten. Ein Freund des Toten sagte dagegen der Zeitung Nascha Niwa, die in Belarus nicht mehr gedruckt werden darf, „Dima“ sei erst nach Eröffnung des Strafverfahrens in der Unterkunft untergebracht worden. Er habe ein Reiseverbot bekommen und sei bisweilen verhört worden. „Er sagte, er wolle nicht hinter Gitter und werde sich umbringen. Zuerst haben wir das belächelt, aber dann verstanden, dass es nicht lustig ist.“

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt/ Schmidt, Friedrich
Friedrich Schmidt
Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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