Massengrab in Slowenien entdeckt

Eine eineinhalb Meter starke Schicht von Skeletten

Von Karl-Peter Schwarz, Wien
Aktualisiert am 11.11.2010
 - 17:41
Mehr als 600 Massengräber hat die slowenische Regierungskommission bisher registriert.zur Bildergalerie
In Slowenien ist ein weiteres Massengrab mit Opfern der kommunistischen Partisanen entdeckt worden. Die Opfer waren vermutlich Deutsche. Auf den „Killing Fields“ des jugoslawischen Kommunistenführers Tito in Slowenien wurden nach Kriegsende an die 100.000 Menschen erschossen.

Natürlich wusste man im ostlowenischen Städtchen Brežice und in den umliegenden Dörfern über das Verbrechen Bescheid. Die Ermordung von Tausenden Menschen und die Beseitigung ihrer Leichname lässt sich auch in einem totalitären Staat nicht so einfach geheim halten.

Die kommunistischen Partisanen in Slowenien hatten 1945 zudem wenig Grund, sich zu verstecken - Terror wirkt erst recht, wenn er öffentlich wird. Über das Blut, das nach oben drängte und die Erde auf ihrem Feld rot färbte, hatte eine Bäuerin nach dem Krieg sogar ein Gedicht geschrieben.

Mehr als 600 Massengräber hat die slowenische Regierungskommission bisher registriert, die mit der Suche nach den Opfern des Terrors der kommunistischen Partisanen betraut ist, und jedes Jahr werden es mehr. Auf den „Killing Fields“ des jugoslawischen Kommunistenführers Tito in Slowenien wurden unmittelbar nach Kriegsende an die 100.000 Menschen erschossen, mit Hacken und Schaufeln erschlagen, in den Wäldern verscharrt oder in Gräben, Karsthöhlen und Bergwerksstollen geworfen. Mehr als 14.000 Opfer waren Slowenen, an die 20.000 deutsche Soldaten und Angehörige der deutschen Minderheit. Zehntausende Kroaten waren darunter, aber auch Serben, Montenegriner, Italiener und Ungarn.

Massengrab in einem deutschen Panzergraben

Auf der regelmäßig aktualisierten Karte der Gräberkommission der slowenischen Regierung war die Gegend um Brežice (deutsch: Rann) schon lange verzeichnet. Vor zwei Jahren wurde das erste Mal versucht, die genaue Lage des Massengrabs festzustellen. Gelungen ist das erst vor wenigen Wochen. „Wir haben Skelette gefunden, Draht, Gebissteile und ein paar Soldatenstiefel“, erzählt Marko Štrovs, der die Untersuchungen leitet. Die Arbeiten begannen Mitte Oktober und wurden vorige Woche abgeschlossen. Gerichtsmediziner werden die Skelette untersuchen, wenn die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen einleitet.

Das Massengrab ist riesig: Štrovs und sein Team entdeckten eine etwa eineinhalb Meter hohe Schicht von Schädeln und Knochen, die einen 186 Meter langen und vier Meter breiten Graben füllt. Wie in Težno bei Maribor (Marburg) wurde auch hier ein von den Deutschen angelegter Panzergraben benutzt, um sich der Leichname zu entledigen. In Težno ist der Graben 950 Meter lang und enthält mehr als 15.000 Skelette. In dem Graben bei Brežice am linken Ufer der unteren Save, unweit der kroatischen Grenze, vermutet Jože Dežman, der Vorsitzende der Regierungskommission, zwei- bis dreitausend Skelette. Das, sagt Dežman, sei noch eine „konservative Schätzung“. Fünfzehn Kilometer weiter westlich, mitten in der idyllischen Flusslandschaft der Kraka rund um Kostanjevica, befinden sich weitere Massengräber.

Kleiderreste wurden in dem Panzergraben nicht gefunden. Wie an anderen Orten mussten die Gefangenen ihre Kleider ausziehen, wurden mit Telefondrähten aneinandergebunden, erschossen und in den Graben geworfen. Über Dokumente, die Auskunft über den Hergang des Verbrechens und die Identität der Opfer geben könnten, verfügt die Gräberkommission nicht. Viele Skelette dürften von älteren Menschen stammen, vielleicht von deutschen Einwohnern von Brežice, vermutet Dežman. Wahrscheinlich liegen auch deutsche Soldaten hier begraben. Am 22. Mai 1945 wurden in dieser Gegend 2000 Angehörige der 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division „Prinz Eugen“ erschossen. Diese Division bestand zu mehr als neunzig Prozent aus sogenannten Volksdeutschen, die vorwiegend aus dem serbischen Banat stammten, aber auch aus Kroatien, Rumänien und Ungarn, und hatte sich bei der Partisanenbekämpfung auf dem Balkan schwerster Kriegsverbrechen schuldig gemacht.

„Es fehlt der politische Wille, sich mit diesem Kapitel zu beschäftigen“

Die Arbeit der Gräberkommission sowie der Historiker, die den kommunistischen Verbrechen nachgehen, ist schwierig geworden, seit 2008 die ehemals kommunistische Linke in Slowenien wieder an der Macht ist. Dežman wurde als Direktor des zeitgeschichtlichen Museums in Laibach entlassen. Das Kulturministerium, erzählt er, widersetze sich heftig dem Plan, 200 der größeren Massengräber mit einem Kreuz und einer Gedenktafel zu kennzeichnen. Seit der Abwahl der konservativen Regierung Janša und dem Amtsantritt des Präsidenten Danilo Türk wird der slowenische Kommunismus ideologisch rehabilitiert.

Türk zeichnete den letzten kommunistischen Geheimdienstchef Sloweniens mit einem Verdienstorden aus, die linke Stadtverwaltung in Laibach benannte wie in alten Zeiten wieder einmal eine Straße nach Josip Broz Tito. Die Entdeckung der Massengräber in Težno, im Bergwerksstollen von Huda Jama und jetzt in Brežice hat an dem Geschichtsbild der postkommunistischen Linken, das auf dem Partisanenmythos beruht, nichts geändert. „Es fehlt der politische Wille, sich mit diesem Kapitel der slowenischen Geschichte zu beschäftigen“, sagt Dežman.

Schwer tut man sich damit allerdings auch in Großbritannien. Im mittelenglischen Great Missenden zelebrierten der Erzbischof von Laibach, der katholische Bischof von Northampton und der anglikanische Bischof von Buckingham am 29. Oktober einen ökumenischen Gottesdienst für die 12 000 Slowenen, die die Briten in Kärnten den jugoslawischen Partisanen überstellt hatten, wohl wissend, welches Schicksal ihnen bevorstand. Bis heute hat sich keine britische Regierung dazu bereit finden können, dieses Verbrechen unmissverständlich zu verurteilen.

Charles Crawford, ein ehemaliger britischer Diplomat, verglich das britische Verhalten mit dem Russlands gegenüber Katyn - Moskau leugnete den dort an Tausenden Polen begangenen Verbrechen lange oder spielte sie herunter. Auch jetzt, kritisierte Crawford, habe die Regierung keinen Vertreter zum Gottesdienst entsandt. Umso mehr Gewicht hatte die gemeinsame Initiative der katholischen und anglikanischen Bischöfe. Die Debatte über die Auslieferung der slowenischen Gefangenen an die Partisanen wurde in Großbritannien durch ein Buch von John Corsellis und Marcus Ferrar ausgelöst, das vor fünf Jahren veröffentlicht wurde und sich vorwiegend auf die Befragung von Überlebenden stützt.

Quelle: F.A.Z.
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