Migration aus Tunesien

Flucht vor dem politischen Chaos

Von Hans-Christian Rößler, Madrid
02.08.2021
, 22:57
Mitarbeiter der spanischen NGO Open Arms bei der Rettung einer Gruppe Tunesier am 25. Juli vor Lampedusa
Die politische Lage in Tunesien könnte wieder mehr junge Menschen dazu bringen, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Offenbar verlassen auch immer mehr Akademiker das nordafrikanische Land.

Der tunesische Präsident Kaïs Saïed sieht angesichts der vielen jungen Tunesier, die sich auf den Weg nach Europa machen, dunkle Kräfte am Werk. „Sie geben ihnen Geld, damit sie gehen. Diese Leute nutzen das Elend aus und wollen eine Wiederholung der Ereignisse von 2011“, sagte Saïed und meinte damit das Jahr, in dem der Diktator Ben Ali gestürzt wurde. Wen genau er mit „sie“ meinte, verriet er allerdings nicht. Aber für den Präsidenten ist immerhin klar, dass sie „den Beziehungen Tunesiens zu Italien, Europa und anderen Ländern schaden wollen“.

Die Anzeichen mehren sich, dass das politische Chaos in dem nordafrikanischen Land noch mehr Tunesier dazu bewegen könnte, sich auf den Weg nach Europa zu machen – ähnlich, wie das im Revolutionsjahr 2011 der Fall war. Die Intensität der Migrationswellen aus Tunesien waren immer ein Gradmesser für die politische Lage nach der friedlichen Revolution vor zehn Jahren.

Immer mehr Akademiker

Auf der italienischen Insel Lampedusa landeten laut Presseberichten in der vergangenen Woche innerhalb kurzer Zeit 600 Tunesier. In diesem Jahr stellten sie auf der Mittelmeerroute die zweitgrößte Gruppe – noch vor den Syrern. Im vergangenen Jahr nahmen die gut 13.000 Tunesier unter den Ankömmlingen in Italien den ersten Platz ein. Zu ihnen zählen immer mehr Akademiker. Nach Angaben der Regierung verließen allein im vergangenen Jahr 500 Ärzte das Land mit nur gut elf Millionen Einwohnern.

Seit dem Frühjahr 2020 hat die Covid-Pandemie die chronische Wirtschaftskrise in Tunesien weiter verschärft und die Migration noch einmal beschleunigt. Besserung ist nicht in Sicht, denn gerade sucht eine neue, verheerende Corona-Welle das Land heim, in dem die Impfungen nicht vorankommen. Auch die zweite Sommersaison geht verloren. Die Tourismusbranche trägt mehr als acht Prozent zur Wirtschaftsleistung bei und beschäftigt mehr als 400.000 Menschen.

Nach offiziellen Angaben liegt die Arbeitslosigkeit bei 17 Prozent. Unter jungen Tunesiern – etwa die Hälfte ist jünger als 30 Jahre – überschreitet sie jedoch in manchen Gegenden 50 Prozent. Im vergangenen Jahr war die Wirtschaftsleistung Tunesiens um mehr als acht Prozent eingebrochen. Dem Land droht ein Bankrott: Die Staatsverschuldung hat mit rund 84 Prozent des BIP ein Rekordniveau erreicht. Sechs Prozent Inflation und gestiegene Kosten für Wasser und Strom haben den Druck auf die Bevölkerung zusätzlich erhöht.

Die Rating-Agentur Fitch befürchtet, dass die jüngsten Schritte des Präsidenten die Bereitschaft der westlichen Partner verringern könnte, Tunesien wie bisher zu unterstützen. Auf großzügige Finanzhilfe konnte das Land bauen, weil es die einzige Demokratie war, die aus dem Arabischen Frühling hervorging. Doch nicht nur die Ratingagentur hält es für unwahrscheinlich, dass sich jetzt Kaïs Saïed trotz seiner Machtfülle zu unpopulären Strukturreformen – zum Beispiel im überdimensionierten öffentlichen Dienst – durchringen wird. Seit Monaten wird schon ergebnislos über ein neues Hilfsprogramm des Internationalen Währungsfonds (IWF) diskutiert. „Nichtsdestotrotz wird die europäische Besorgnis über die Migration über das Mittelmeer eine wichtige Motivation für externe Unterstützung bleiben“, erwartet man bei Fitch.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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