Migration nach Panama

Im Todesmarsch durch den Dschungel

Von Tjerk Brühwiller, São Paulo
23.08.2021
, 13:37
Migranten und Polizisten am 31. Juli im kolumbianischen Necocli
In Südamerika haben sich Tausende Migranten auf den Weg nach Norden gemacht. An der Grenze zu Panama riskieren sie ihr Leben. Jetzt suchen die Außenminister mehrerer Länder nach Lösungen.
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Auf dem Landweg nach Panama gibt es für die Migranten keinen Weg zurück. Die Route führt auf kleinen Pfaden und Flüssen durch einen der feuchtesten Regenwälder der Erde, über steile Hügel und durch Gebiete, in denen sich bewaffnete Gruppen verstecken. Die Region Darién zwischen Kolumbien und Panama wird auch Lücke oder Pfropf genannt. Bis heute gibt es keine Straßenverbindungen, und auch die von Feuerland bis Alaska führende kontinentale Fernstraße „Panamericana“ ist an dieser Stelle unterbrochen. Nur zu Fuß und mit Booten lässt sich Darién durchqueren. Doch die Reise dauert Tage und endet nicht selten mit dem Tod.

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Dennoch brechen jeden Tag Hunderte in Kolumbien auf, um zu Fuß nach Panama zu kommen – und damit ein bisschen näher an die Vereinigten Staaten. In den vergangenen Monaten ist die Zahl der Migranten, welche die gefährliche Route auf sich nehmen, massiv gestiegen. Laut den panamaischen Behörden sollen allein in diesem Jahr schon mehr als 50.000 Migranten von Kolumbien über den Landweg nach Panama eingereist sein. Das sind so viele wie in den letzten drei Jahren zusammen. In der Mehrzahl handelt es sich dabei um Haitianer und Kubaner, in geringerem Maß auch um Personen aus Südamerika, Afrika oder Asien.

Chaotische Zustände

Ausgangspunkt der Route ist die kolumbianische Kleinstadt Necolí am Golf von Urabá, wo die Migranten mit Fähren auf die andere Seite des Golfes übersetzen, um den lebensgefährlichen Marsch auf sich zu nehmen. In Necolí ist es in den vergangenen Wochen zu einem regelrechten Ansturm von Migranten gekommen. Tausende warten darauf, ihre Reise fortzusetzen. Die Lage hat sich dermaßen zugespitzt, dass die Außenminister mehrerer Länder nach Lösungen suchen. Panama hat eingewilligt, vorerst 650 Migranten pro Tag aufzunehmen. Auch das nordwestlich an Panama angrenzende Costa Rica soll eingebunden werden. Die Kapazitäten Panamas sind beschränkt. Denn in den Ankunftsorten herrschen chaotische Zustände. Panama ist mit der Versorgung der ausgehungerten und oft verletzten oder kranken Migranten in den abgelegenen Gebieten überfordert.

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Die Migranten sind selten direkt aus ihren Ursprungsländern nach Kolumbien gelangt. Die meisten halten sich schon länger in Südamerika auf. Viele Haitianer beispielsweise haben sich aus Chile und Brasilien auf den Weg gemacht, wo sie sich eine mickrige Existenz aufgebaut hatten, die sie wegen der Pandemie wieder verloren. Die Grenzöffnungen in den vergangenen Monaten haben einen Strom in Bewegung gebracht. Die wirtschaftliche Krise in Südamerika treibt ihn zusätzlich an. Ohne Geld und Papiere führt der Weg zum vermeintlichen Glück in den Vereinigten Staaten für die Migranten aus Südamerika über Land und damit zwangsläufig durch den Darién-Dschungel.

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Die Berichte jener, die es bis nach Panama geschafft haben, sind schockierend. Sie berichten von Überfällen und Unfällen. Bewaffnete Gruppen haben es auf die wenigen Habseligkeiten und das verbliebene Bargeld der Migranten abgesehen. Migranten berichten von Exekutionen, von Gewalt und sexuellem Missbrauch. Andere fallen den Widrigkeiten des Dschungels zum Opfer, werden krank, verletzen sich oder haben keine Kraft mehr, um weiterzumarschieren. Sie werden zurückgelassen, was einem Todesurteil gleichkommt. Auf den Pfaden stoße man immer wieder auf Leichen, berichten jene, die es geschafft haben.

Immer weiter nordwärts

Ihre Reise ist in Panama nicht zu Ende, sondern führt immer weiter nordwärts, wo sie sich den Migranten aus Zentralamerika anschließen, die seit einiger Zeit ebenfalls wieder in größerer Zahl nach Norden ziehen. Fast alle wollen in die Vereinigten Staaten. Allein im Juli registrierte die amerikanische Grenzbehörde über 210.000 irreguläre Migranten, die in die Vereinigten Staaten wollten, so viele wie seit Jahren nicht mehr. Rund drei Viertel von ihnen stammen aus Zentralamerika, die restlichen vor allem aus Haiti, Kuba, Südamerika und Afrika. Auch die Zahl der Haitianer, die Mexiko erreicht haben, ist stark gestiegen. Darauf deutet der Anstieg der Asylanträge von Haitianern in Mexiko hin. Fast zehntausend Anträge waren es in der ersten Hälfte dieses Jahres, was anderthalb Mal so viel ist wie in den beiden letzten Jahren.

Bestehende Migrantenströme in Lateinamerika sind angewachsen, neue hinzugekommen. So haben beispielsweise Millionen Venezolaner in den letzten Jahren ihr Land verlassen, zwei Millionen allein nach Kolumbien. Über hunderttausend Nicaraguaner sind vor dem Ortega-Regime geflüchtet, vorwiegend nach Costa Rica. Kubaner und Haitianer suchen nach Wegen, um den Krisen in ihren Ländern zu entkommen. Auch im restlichen Lateinamerika ist infolge der Corona-Krise die Armut sprunghaft gestiegen, was die Migration weiter antreiben könnte.

Alle Länder der Region müssten sich an der Lösung beteiligen, forderte die panamaische Außenministerin Erika Mouynes. Man werde den ersten regionalen Rahmen schaffen, um diese irreguläre Migration zu bewältigen. Doch ob es zu einem gemeinsamen Vorgehen kommt, bleibt fraglich. Die Biden-Regierung hat bereits klargemacht, dass die Migranten an der Grenze zu den Vereinigten Staaten keine offenen Türen antreffen werden.

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Mexiko wiederum hat nicht die Kapazitäten, um zu einem einzigen großen Warteraum zu werden. Es hat die Südgrenze ebenfalls abgeriegelt und schafft die irregulären Migranten nach Guatemala, Honduras und El Salvador zurück. Dort stoßen nun immer mehr Migranten aus dem Süden hinzu. Der Druck steigt. Er ist so groß, dass selbst der tödliche Regenwald von Darién kein unüberwindbares Hindernis mehr darstellt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brühwiller, Tjerk
Tjerk Brühwiller
Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.
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