Republikaner in Amerika

Will Mike Pence Präsident werden?

Von Frauke Steffens, New York
20.09.2021
, 08:44
Mike Pence im Juli in Washington
Donald Trumps ehemaliger Vizepräsident tourt durch das Land und macht Wahlkampf für republikanische Kongresskandidaten – und wohl auch für sich selbst. Er könnte bei den Vorwahlen 2024 antreten.
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Auch er hat jetzt einen Podcast: Mike Pence nennt seine Audio-Show „Amerikanische Freiheit“ - und dieser Tage bemüht er sich nicht mehr, seine Ambitionen auf die Präsidentschaftskandidatur herunterzuspielen. Pence hat ein neues Büro in Washington, für das er zuletzt etliche Mitarbeiter anstellte. Seine Kampagnenorganisation heißt „Advancing American Freedom“, also etwa: Die Freiheit in Amerika voranbringen. Damit will der ehemalige Vizepräsident von Donald Trump zunächst einmal den Kongresswahlkampf im kommenden Jahr unterstützen. Vertraute von Pence sagten dem Fernsehsender CNN, dass dieser sein Team im Sommer auf zwanzig Personen verdoppelt habe. Quellen aus seinem Umfeld beteuerten auch, dass Pence seine mögliche Kandidatur bei den Vorwahlen 2024 nicht davon abhängig mache, ob Trump noch einmal antrete oder nicht. Andere Republikaner sind da wesentlich zurückhaltender. Nikki Haley etwa, Trumps ehemalige UN-Botschafterin, hatte im Frühjahr gesagt, dass sie sich nicht zur Wahl stellen werde, falls Trump antrete.

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Dass Pence eine Kandidatur vorbereitet, legt auch sein Reisepensum nahe – er ist oft in Bundesstaaten zu Gast, die bei Präsidentschaftswahlen eine wichtige Rolle spielen, kürzlich etwa in Iowa. Dort hilft er die republikanischen Kandidaten für den Kongress, die im kommenden Jahr zur Abstimmung stehen. Pence leiht ihnen Mitglieder seines Teams aus und berät in Wahlkampffragen – so kann er vor allem seine Machtbasis innerhalb der Partei ausbauen, die er für eine Nominierung brauchen würde. Mitte des Monats sprach er zum Beispiel bei einer Veranstaltung mit Pete Rickett, dem republikanischen Gouverneur von Nebraska. Seinen Mitrednern dort werden ebenfalls Ambitionen auf die Präsidentschaft zugeschrieben. Auch Ron DeSantis, der Gouverneur von Florida, und Ted Cruz, ein Senator aus Texas, warben um die Gunst des Publikums.

Manche Beobachter glauben, dass Pence, der vom Katholiken zum Evangelikalen wurde, mit seinen rechtskonservativen politischen Positionen zu einem Kandidaten werden könnte, der die Republikaner eint. Der ehemalige Gouverneur von Indiana würde inhaltlich vielen Forderungen der Trump-Anhänger entsprechen, wie etwa bei den Themen Einwanderung und Abtreibung. Die geforderte „harte“ Linie in diesen Fragen kombiniert er mit einem Auftreten, das in den Augen seiner Unterstützer höflich und verbindlich ist. Pence hätte also den Vorteil, dass er bei den stilistisch gemäßigteren Konservativen in der Partei besser ankommt als Trump.

Ihnen gefiel zum Beispiel, dass er zum zwanzigsten Jahrestag der Anschläge vom 11. September ein Denkmal für die Opfer in Indiana besuchte, während Trump sich nicht den anderen ehemaligen Präsidenten bei der Gedenkfeier in New York anschloss und später am Abend eine Boxveranstaltung in Florida kommentierte. Und Pence erinnert die Konservativen auch gern an seine Rolle am 6. Januar, als Trumps Unterstützer das Kapitol stürmten und er diesem abermals versicherte, nichts gegen das Wahlergebnis von 2020 machen zu können. Im Juni nannte Trumps ehemaliger Vize die Versuche, die Abstimmung rückgängig zu machen, „unamerikanisch“.

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Allerdings besteht das Problem für Pence und alle anderen möglichen Kandidaten immer noch darin, dass den republikanischen Wählern das Auftreten und die Politik von Trump gerade gefallen. In einer aktuellen Umfrage des Emerson College würden 67 Prozent von ihnen den ehemaligen Präsidenten als Kandidaten vorziehen, und zwar gegen sieben andere hypothetische Bewerber. Trump und Präsident Joe Biden, dessen Popularitätswerte zuletzt fielen, würden sich demzufolge erneut ein knappes Rennen liefern, das zumindest laut dieser repräsentativen Befragung mit 47 zu 46 Prozent für Trump ausginge.

Trumps Schatten ist also lang – und vielleicht für keinen der möglichen Kandidaten so bedeutsam wie für Pence. „Er ist derjenige im möglichen Bewerberfeld, der am meisten mit Trump verbunden ist, in hilfreicher und nicht so hilfreicher Weise“, sagte David Kochel, ein republikanischer Strategieberater aus Iowa, in einem Interview. Niemand könne durch eine Kandidatur Trumps so stark gebremst werden wie Pence, glaubt er. Der ehemalige Vize könnte vor allem viele Trump-Anhänger abschrecken. Schließlich fiel er bei deren Idol in Ungnade.

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Hat Trump Pence die Freundschaft gekündigt?

In einem demnächst erscheinenden Buch berichten die Journalisten Bob Woodward und Robert Costa, dass Trump Pence die Freundschaft gekündigt habe, als der nicht alles versuchen wollte, um die Wahlniederlage 2020 rückgängig zu machen. „Nein, nein, nein“, habe Trump geschimpft, und: „Du verstehst das nicht, Mike. Du kannst das schaffen. Ich will nicht mehr dein Freund sein, wenn du das nicht machst.“ Trump und Pence sollen zuletzt im April miteinander gesprochen haben, als Trump dem ehemaligen Vizepräsidenten nach dessen Herzoperation am Telefon Genesungswünsche aussprach.

Trump ist derweil noch immer damit beschäftigt, das Wahlergebnis von 2020 in Zweifel zu ziehen. Und er tourt - meist virtuell - durch das Land, wo er Kandidaten für die kommenden Kongresswahlen, aber auch für regionale Ämter wie Bürgermeister oder Generalstaatsanwälte unterstützt. Vierzig Republikanerinnen und Republikaner haben inzwischen seinen offiziellen Segen, unter ihnen Kandidaten für Posten wie dem des Bezirksbürgermeisters im New Yorker Stadtteil Staten Island. Trump rächt sich auch an jenen, die das Amtsenthebungsverfahren gegen ihn nach dem Angriff auf das Kapitol Anfang Januar befürworteten. Er stellte sich bislang offiziell hinter innerparteiliche Herausforderer von vier Kongressabgeordneten, unter ihnen Liz Cheney aus Wyoming, und von Senatorin Lisa Murkowski aus Alaska.

Trump ist amerikanischen Medienberichten zufolge auch im Gespräch mit Senatoren, die den Minderheitsführer Mitch McConnell herausfordern könnten. Der war dem ehemaligen Präsidenten in der Auseinandersetzung um die Lüge vom „Wahlbetrug“ nicht loyal genug. Loswerden will er auch den republikanischen Innenminister von Georgia, Brad Raffensperger, der Trumps Versuche, die Wahl neu auszählen zu lassen, entschieden zurückgewiesen hatte.

Der 75 Jahre alte Trump arbeitet daran, die Partei weiter in seinem Sinne umzubauen und investiert vor Ort Geld in Wahlkämpfe seiner Loyalisten. Damit wird es schwerer für seine möglichen Herausforderer. Einen möglichen Vorteil hätte Mike Pence im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur. Er ist 62 Jahre alt, immerhin dreizehn Jahre später geboren als Trump. Viele der anderen mutmaßlichen Kandidaten sind indessen wesentlich jünger als beide.

Quelle: FAZ.NET
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