Marokkos neuer Regierungschef

Im Dienste seiner Majestät

Von Hans-Christian Rößler, Madrid
21.09.2021
, 08:09
Manager des Königs: Unternehmer und Politiker Aziz Akhannouch
Die Nähe zum Königshaus hat Aziz Akhannouch geholfen, zu einem der reichsten Männer Marokkos zu werden. Jetzt soll er die Geschicke des Landes führen – die Nähe zum König bleibt.

Um seine Bekanntheit muss sich der künftige marokkanische Regierungschef keine Sorgen machen. Die Afriquia-Tankstellen des Konzerns von Aziz Akhannouch gehören zum Straßenbild des nordafrikanischen Landes, das der 60 Jahre alte Geschäftsmann jetzt voranbringen soll. König Mohammed VI. hat den „Manager seiner Majestät“, wie ihn die französische Zeitung Libération nannte, damit beauftragt, die neue Regierung zu bilden. Nach dem Monarchen selbst gilt dessen Vertrauter Akhannouch als der zweitreichste Mann des Königreichs.

Das Forbes-Magazin schätzte das Vermögen des „Königs der Armen“, als der sich Mohammed gerne anreden lässt, auf mehr als fünf Milliarden Dollar, das von Akhannouch auf zwei Milliarden Dollar. Dessen Ehefrau Salwa Idrissi, die an einer der größten Shoppingmalls des Landes beteiligt ist, steht auf der Forbes-Liste der erfolgreichsten Geschäftsfrauen im Nahen Osten. Rund fünfzig Familien kontrollieren seit der Unabhängigkeit weitgehend die Wirtschaft des nordafrikanischen Landes, das aus Deutschland umfangreiche Entwicklungshilfe erhält.

Ihm halfen die guten Beziehungen zum Königshaus

Am 8. September ist Akhannouchs wirtschaftsliberale „Unabhängige Nationalversammlung“ (RNI) bei der Wahl stärkste Partei im neuen Parlament geworden. Vierzehn Jahre lang war er zuvor schon Landwirtschafts- und Fischereiminister. Jetzt hat er bis Anfang Oktober Zeit, um seine eigene Regierungskoalition zusammenzustellen. Aus der Führung seiner Akwa-Gruppe hat sich Akhannouch zurückgezogen. Er hält die Mehrheit der Anteile des Mischkonzerns, den sein Vater im Jahr 1932 gegründet hatte, der zunächst mit Benzin handelte. Sein in Kanada ausgebildeter Sohn expandierte im Immobilien- und Mediensektor.

Heute gehören fast 70 Firmen zum Imperium des designierten Regierungschefs, darunter sind Zeitungsverlage und ein luxuriöses Tourismus- und Golfresort. Bei seinem Aufstieg halfen ihm die guten Beziehungen zum Königshaus, die er schon zu Mohammeds Vater Hassan II. pflegte. Mehrmals soll der heutige Monarch Gast in Akhannouchs Anwesen in Casablanca gewesen sein.

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Die französische Zeitung Le Monde verglich Akhannouchs Wechsel an die Regierungsspitze mit einer Art Unternehmensübernahme – ganz im Sinne des Monarchen, der in Marokko in allen wichtigen Fragen das letzte Wort behält, besonders in der Innen- und Außenpolitik. Der König war der große Wahlsieger, denn im Parlament geben nun endgültig seine Freunde und Vertrauten den Ton an und nicht mehr die moderaten Islamisten, die ein Jahrzehnt lang die marokkanische Politik dominiert hatten.

Akhannouchs wirtschaftsliberale „Unabhängige Nationalversammlung“ RNI war einst als „Palastpartei“ von einem Schwager von König Hassan II. gegründet worden und fristete lange ein Schattendasein, bis Akhannouch 2016 den Vorsitz übernahm. Er modernisierte sie von Grund auf mit eigenem Geld und der Hilfe ausländischer Berater. Die RNI bemühte sich erfolgreich um jüngere Marokkaner und die Menschen außerhalb der Großstädte; rund 300.000 Dollar sollen in die Social-Media-Kampagne geflossen sein, die während der Pandemie besonders wichtig war.

Rückzug der gemäßigten Islamisten

Nicht nur bei den Parlaments-, sondern auch bei den gleichzeitig stattfindenden Kommunal- und Regionalwahlen wurde die RNI stärkste Kraft. Akhannouch selbst wurde auch zum Bürgermeister von Agadir gewählt. Die RNI stellt mit 102 Abgeordneten die größte Fraktion im neuen Parlament. Auf sie folgt die links-säkulare „Partei der Authentizität und Modernität“ (PAM) mit 82 Mandaten, die vor 13 Jahren ein Berater von König Mohammed gegründet hatte.

Der Erfolg von Akhannouchs RNI bedeutet jedoch noch eine viel größere Zäsur für die marokkanische Politik, denn er ging mit dem Absturz der „Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“ (PJD) einher: Zweimal hatten die gemäßigten Islamisten 2011 und 2016 die Parlamentswahl gewonnen und den Regierungschef gestellt. Statt bisher 195 kam die Partei jetzt nur noch auf 13 der insgesamt 395 Abgeordneten. Ministerpräsident Saad Eddine Othmani und alle Minister verloren ihre Mandate.

Bisher hatte die PJD in der Region eine Sonderstellung: Während die Arabellion 2011 in anderen Ländern die alten Regime hinweggefegt und die Islamisten allenfalls für kürzere Zeit an die Regierung gebracht hatte, wurde in Marokko die marokkanische PJD in friedlichen Wahlen gleich zweimal stärkste Kraft. Eine vorsichtige Verfassungsreform des Königs brachte sie an die Macht. Zunächst war sie die Stimme der unzufriedenen Marokkaner, die 2011 auf den Straßen protestierten.

Doch im Parlament und in der Regierung wurden sie bald zu den loyalen Verwaltern des Königs. Kritiker hielten den Islamisten vor, sie seien königlicher als der König. Viele Wähler waren zuletzt von der Sozial- und Pandemiepolitik der PJD enttäuscht. So erhöhte die Regierung kurz vor der Wahl das Rentenalter. Als die Partei auch noch die Normalisierung der Beziehungen zu Israel und die Legalisierung von Cannabis unterstützte, wandten sich offenbar auch viele konservative Wähler von ihr ab. Vom politischen Islam in Marokko ist damit praktisch nichts mehr übrig geblieben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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