Urteil wegen Kindesmissbrauchs

Hat Kardinal Pell noch eine Chance?

Von Till Fähnders, Christchurch
12.03.2020
, 18:03
Der australische Kardinal George Pell ist der ranghöchste Katholik, der jemals wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde – zu einer Haft von sechs Jahren. In einem Berufungsverfahren kämpfen seine Anwälte um einen Freispruch.

Vor genau einem Jahr hatte ein Richter die Strafe für George Pell festgelegt. Der aus Australien stammende Kardinal war zuvor von einer Jury des sexuellen Missbrauchs von Kindern für schuldig befunden worden. Er wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt, von denen er mindestens drei Jahre und acht Monate absitzen muss. Ein Berufungsgericht des Bundesstaats Victoria hatte das Urteil im August bestätigt. Doch nun hat der Kardinal womöglich zum letzten Mal die Chance, doch noch einen Freispruch zu erreichen.

Am Mittwoch und Donnerstag hat das Berufungsverfahren vor sieben Richtern des Obersten Gerichts in der Hauptstadt Canberra stattgefunden. Dabei stritten die Verteidigung und die Anklage darüber, ob alle Beweise in dem Verfahren ausreichend berücksichtigt worden waren. Nach der Anhörung vertagte das Gericht am Donnerstag seine Entscheidung. Es wird erwartet, dass es bis zu einem Urteil Wochen dauern könnte. Der 78 Jahre alte ehemalige Finanzsekretär des Vatikans war diesmal nicht im Gerichtssaal.

Pell sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis in der Nähe von Melbourne. Er ist der ranghöchste Katholik, der jemals wegen des Missbrauchs von Kindern verurteilt worden war. Pell hatte dem Urteil zufolge in den neunziger Jahren zwei 13 Jahre alte Chorknaben in der Sakristei der Kathedrale von Melbourne sexuell missbraucht. Er war damals Erzbischof von Melbourne. Die Anklage hatte sich in dem Prozess hauptsächlich auf die Aussage eines der beiden früheren Jungen gestützt. Das Berufungsgericht hatte eine Videoaufnahme der Aussage gesehen und den Zeugen als glaubwürdig eingeschätzt.

Anschuldigungen nach 22 Jahren

An diesem Punkt setzt auch die Kritik der Anwälte Pells an dem Urteil an. Demzufolge hätten die Berufungsrichter aufgrund der hohen Überzeugungskraft der Aussage alle Einwände missachtet, die Zweifel an der Tat aufbringen könnten. Den Anwälten zufolge sei die Beweislast in diesem Fall umgedreht worden: Pell habe seine Unschuld beweisen müssen, nicht die Anklage seine Schuld. Nach Agenturberichten bezeichnete Pells Anwalt das Urteil am Mittwoch im Gericht als „ungeheuerlich“. Die „schockierenden Anschuldigungen“ seien erst 22 Jahre nach der Tat erhoben worden. Es gebe keine weiteren Belastungszeugen, da der zweite ehemalige Chorknabe vor einigen Jahren an einer Überdosis Rauschgift gestorben war.

Die Verteidigung argumentierte außerdem, dass die Tat sich sehr unwahrscheinlich, wenn nicht sogar unmöglich so habe abspielen können wie vom dem ehemaligen Chorknaben geschildert. Demnach war die Tat im Anschluss an die Sonntagsmesse passiert, wenn der Erzbischof normalerweise immer von Kirchenangehörigen begleitet gewesen sei. Außerdem habe der Erzbischof nach der Messe stets noch einige Minuten auf den Treppenstufen vor der Kathedrale gestanden und Hände geschüttelt.

In dieser Frage stützt sich die Verteidigung auf die Aussage des damaligen Zeremonienmeisters Charles Portelli, der damals als rechte Hand des Erzbischofs an der Messe beteiligt war. Die Staatsanwältin Kerry Judd gestand vor dem High Court ein, die Zeugenaussage von Portelli sei für sich betrachtet geeignet, Zweifel an den Vorwürfen aufkommen zu lassen, aber nicht angesichts der Gesamtbeweislage. Die Verteidigung beruft sich zudem auf die Einlassungen eines der drei Richter am Berufungsgericht in Victoria, der gegen die beiden anderen entschieden hatte.

Die Anklage widersprach am Donnerstag der Darstellung von Pells Anwälten, die ein unvollständiges Bild der Faktenlage gezeichnet habe. Ihr zufolge seien die Richter nicht auf das Video mit der Aussage des Zeugen „fixiert“ gewesen. Das Gericht könnte entscheiden, dass das Urteil fehlerhaft war, und Pell freisprechen, oder den Fall an das Berufungsgericht in Victoria zurückverweisen. Die Richter könnten aber auch das Urteil der niedrigen Instanz bestätigen. Dann wäre endgültig sicher, dass Pell zumindest seine Mindesthaftzeit absitzen muss.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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