Berufung von Kardinal Pell

Auf dem Weg zur höchsten Instanz

Von Till Fähnders, Delhi
13.11.2019
, 07:07
Der wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger verurteilte australische Kardinal Pell darf Berufung einlegen. Die Reaktionen in seiner Heimat sind gespalten.

Der Vater eines der beiden Opfer sprach von einem „traurigen Tag“. Er habe gehofft, dass diese Achterbahnfahrt der Gefühle endlich ein Ende habe, berichtete seine Anwältin am Mittwoch der Presse. Doch der Fall des wegen Kindesmissbrauchs verurteilten australischen Kardinals George Pell kann noch nicht zu den Akten gelegt werden. Der einst so mächtige frühere Finanzsekretär des Vatikans bekommt eine letzte Chance, seine Verurteilung anzufechten.

Wie das Oberste Gericht in Canberra am Mittwoch bekannt gab, hat es dem Antrag seiner Anwälte auf eine Erörterung des Berufungsantrags vor der höchsten Instanz stattgegeben. Es war eine äußerst knapp gehaltene Verkündung. Die Richterin Michelle Gordon brauchte weniger als vier Minuten, um sie vorzutragen. Eine Begründung gab sie zunächst nicht. Der Vater sagte, die Entscheidung bringe für ihn ein Trauma zurück.

Vor einem Jahr schuldig gesprochen

Der Kardinal war im Dezember vor einem Jahr von einem Geschworenengericht für schuldig befunden worden, in den neunziger Jahren in einer Kathedrale in Melbourne zwei Chorknaben sexuell missbraucht zu haben. Er wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt, von denen er mindestens drei Jahre und acht Monate absitzen muss. Der 78 Jahre alte Kardinal könnte also den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. Sein Einspruch war im August von dem Obersten Gerichts des Bundesstaats Victoria abgewiesen worden. Die Entscheidung vom Mittwoch muss nicht bedeuten, dass die Richter begründete Zweifel an der Schuld des Kardinals haben. Sie lassen lediglich zu, dass über die Möglichkeit einer weiteren Berufung verhandelt wird. Es ist nach wie vor denkbar, dass sie Pells Einspruch abweisen, bevor es überhaupt zur eigentlichen Berufungsverhandlung kommt.

Die Anwälte kritisieren vor allem, dass die Verurteilung des Australiers auf der Aussage einer einzigen Person beruht. Dabei handelt es sich um einen der beiden ehemaligen Chorknaben. Das zweite Opfer war im Jahr 2014 an einer Überdosis Heroin gestorben. Die Anwälte hatten ihre Verteidigung darauf gestützt, dass Pell aufgrund des regen Personenverkehrs in der Kathedrale nach dem Sonntagsgottesdienst kaum die Möglichkeit dazu gehabt hätte, die Tat zu begehen. Das einzige noch lebende Opfer ließ durch seine Anwältin mitteilen, dass es den juristischen Prozess respektierte. „Er versteht, dass dies der Lauf der Dinge ist, aber es wäre ihm lieber, es hätte ein Ende“, sagte die Anwältin.

Entscheidung verzögert sich

Die Verhandlung dürfte frühestens im Februar kommenden Jahres beginnen, wenn das Gericht nach den Ferien seine Arbeit wieder aufnimmt. Anhänger des ranghöchsten australischen Katholiken begrüßten die Entscheidung. „Es gibt eine Menge Leute, die an George glauben. Aber wir wollen auf dem Boden bleiben. Es ist das beste Urteil, das wir unter diesen Umständen erwarten konnten“, sagte einer von ihnen der Zeitung „The Australien“, den das Blatt als „engen Freund“ zitiert. Tatsächlich gibt es wohl nur begrenzte Hoffnung auf einen Freispruch. Immerhin waren zwölf Geschworene einstimmig der Ansicht gewesen, dass der Kardinal hinreichend schuldig ist. Das Urteil war zudem von der Mehrheit der Richter im Obersten Gericht von Victoria bestätigt worden. Sie hatten den Zeugen als sehr glaubwürdig eingeschätzt.

Bei der jetzigen Entscheidung könnte aber eine Rolle gespielt haben, dass einer von drei Richtern in Victoria eine abweichende Einschätzung gegeben hatte. Er hatte anders als seine Kollegen auf Widersprüche in der Aussage des Opfers und Zeugen hingewiesen. Der Leiter der australischen Bischofskonferenz, Mark Coleridge, sagte, die Verhandlung werde hoffentlich Klarheit bringen. „Jeder Australier hat das Recht, gegen eine Verurteilung vor dem Obersten Gericht Berufung einzulegen.“ Aber die Entscheidung werde einen langen und schwierigen Prozess weiter ausdehnen. Der Erzbischof von Sydney, Anthony Fisher, begrüßte die jüngste Entwicklung. „Das uneinheitliche Urteil des Berufungsgericht zeigt die Meinungsunterschiede zwischen Richtern, juristischen Beobachtern und in der Gemeinschaft. Es bleiben viele Fragen, und es ist angebracht, dass diese von der höchsten Instanz untersucht werden“, sagte er.

Anders als bei früheren Terminen war Pell am Mittwoch nicht im Gericht anwesend. Es hatte auch keine Anhörung gegeben. Die Richter hatten ihre Entscheidung allein auf Basis der Dokumente aus dem Prozess und der Berufungsverhandlung getroffen. Mittlerweile hat Pell schon acht Monate seiner Strafe abgesessen, die er aus Sicherheitsbedenken fast ausschließlich allein in seiner Zelle verbringt. Voraussichtlich wird der Kardinal seine kirchlichen Würden noch bis zum Ende dieser Verhandlung behalten dürfen. Der Vatikan hat eigene Ermittlungen in dem Fall eingeleitet, an deren Ende Pell sogar seine Priesterwürden verlieren könnte. Der Kardinal ist schon aus dem mächtigen Beratergremium des Papstes ausgeschlossen worden. Sein Mandat als Finanzchef war automatisch ausgelaufen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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