Mossad-Chef Yossi Cohen

Explosive Lieferung aus Israel

Von Jochen Stahnke, Tel Aviv
11.06.2021
, 12:46
Yossi Cohen am 3. Juli 2016 in Jerusalem
Der Mossad habe eine Rolle bei einer Explosion in Irans Urananreicherungsanlage gespielt, bestätigt der scheidende Mossad-Chef. Der Marmorboden unter den Zentrifugen sei mit Sprengstoff angereichert gewesen.

Der scheidende Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Yossi Cohen hat in einem Fernsehinterview noch einmal deutlicher als zuvor die Rolle Israels bei der Ermordung des iranischen Atomwissenschaftlers Mohsen Fakhrizadeh sowie bei der Explosion in der Urananreicherungsanlage in Natans bekräftigt. Im Juli vergangenen Jahres und im April dieses Jahres war es in Natans zu Sabotageakten gekommen. Auf die Frage, wohin Cohen seine Interviewpartnerin in Natans bringen würde, wenn möglich, antwortete der Mossad-Chef: „In den Keller, weil sich dort die Zentrifugen gedreht haben“. Heute, so Cohen, „sieht es (dort) nicht so aus wie es früher aussah“.

In der mutmaßlich von der israelischen Militärzensur freigegebenen Sendung „Uvda“ (Fakt) beschrieb Cohens Interviewerin in ihren Worten die Vorgehensweise der Saboteure. „Der für die Explosionen verantwortliche Mann stellte sicher, den Iranern den Marmorboden zu liefern, auf denen die Zentrifugen platziert wurden“, sagte sie. „Als sie den Boden in der Anlage von Natans legten, wussten sie nicht, dass dieser bereits eine große Menge an Sprengstoff enthielt.“ Selbst bestätigte Cohen Israels Verantwortung für den Angriff nicht.

Warnung an iranische Wissenschaftler

Abermals warnte Cohen zudem iranische Wissenschaftler, sich am Nuklearprogramm des Landes zu beteiligen. „Wenn die Wissenschaftler gewillt sind, ihre Karriere zu verändern und uns nicht mehr zu schaden, dann ja, manchmal bieten wir ihnen einen Ausweg“, so Cohen. Entsprechende Angebote habe der Mossad Iranern in der Vergangenheit auch bereits gemacht. Fakhrizadeh sei vom Mossad über Jahre beobachtet worden.

Cohen ist stark dafür kritisiert worden, für seine Position an der Spitze des eigentlich im Geheimen operierenden Mossad ungewöhnlich viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben zu haben. Auch seine persönliche Nähe zu Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und zu gemeinsamen wohlhabenden Freunden war ihm vorgeworfen worden. Cohen sagte jetzt, die Annahme von zwanzigtausend Dollar des Milliardärs James Packer für die Hochzeit von Cohens Tochter sei ein Fehler gewesen. Packer hatte auch die Netanjahu-Familie regelmäßig mit Geschenken versorgt. Cohen bejahte die Frage, ob er sich dereinst einmal selbst vorstellen könne, Israels Ministerpräsident zu werden.

Der Vertraute Netanjahus verteidigte diesen auch darin, dass Netanjahu vor drei Jahren an die Öffentlichkeit gegangen sei, als er den Inhalt des vom Mossad konfiszierten und nach Israel verbrachten sogenannten iranischen Atomarchivs präsentiert hatte. Dessen Inhalt zeigt grundsätzlich, dass Iran von 1999 bis 2003 ein Nuklearwaffenprogramm betrieb und das entsprechende Wissen konservierte.

Israel betont, dass Iran konsequent weiter daran arbeitet. „Es war wichtig für uns, dass die Welt das sieht“, sagte Cohen, aber es sei auch darum gegangen, der iranischen Führung zu zeigen: „Liebe Freunde, erstens wurdet ihr infiltriert. Zweitens sehen wir euch. Drittens ist die Ära von Lügen vorbei“, so Cohen. Der Sendung zufolge waren an der Operation zwanzig Agenten, aber kein israelischer Staatsbürger beteiligt. Alle diese Agenten hätten überlebt, so Cohen, doch habe man einige aus Iran in Sicherheit gerettet. Zum Juni ist Cohen als Mossad-Chef von David Barnea abgelöst worden.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Stahnke, Jochen
Jochen Stahnke
Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.
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